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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-05-29 · 22 (29.5.1896) · p. Seite 386

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
22 (29.5.1896)
Date
1896-05-29
Page
Seite 386 (sequence 14)
Language
German
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Seite 386. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 22. bürgerlichen Berufe zu widmen. Auch für den leiblichen Unterhalt ihrer Mitglieder forgte bestmöglichst die Vereinigung; den Kranken wurde ärztliche Hilfe und die nötige Pflege zugewandt, den Bedürftigen Freitische, besonders an den Feiertagen, verschafft. Im weiteren Verlause wurden auch jüdischwissenschaftliche Vorträge für die fortgeschritteneren Mitglieder veranstaltet. Nach 25jähriger Thätigkeit hatte die Vereinigung, dank der sich stetig steigernden Teilnahme der Glaubensgenossen in unserer Gemeinde, bereits mehr als 200 jungen Leuten Hilfe gewährt. Der reiche Segen, den das Wirken des Vereins schon bis zu dieser Zeit unseren Glaubensbrüdern gebracht hat, wird in seiner vollen Größe erst dann erkannt und gewürdigt, wenn wir uns vor Augen führen, daß die Zöglinge des Vereins teilweise nach genossener Ausbildung in ihr Vaterland znrückkehrten und die ihnen durch den Verein zugeführte Kultur den zurückgebliebenen Genossen der östlichen Heimat übermittelten. In der Folge freilich wurde die Thätigkeit des Vereins in dieser Richtung durch die polizeilichen Maßnahmen, die seit dem Jahre 1882 gegen die Einwanderung ausländischer junger Leute getroffen wurden, auf das empfindlichste beeinträchtigt und schließlich ganz unmöglich gemacht. Während 1883 noch 17 Schüler die Wohlthaten des Vereins genossen, beschränkte sich zwei Jahre später ihre Zahl nur noch ans vier, und am Ende des Jahres 1885 mußte der Unterricht gänzlich eingestellt werden. In richtiger Erkenntnis der veränderten Verhältnisse gaben die Männer, die an der Spitze des Vereins standen, ihm eine mue Richtung: Sie machten es sich zur Aufgabe, würdige und bedürftige Schüler der hiesigen höheren Nnterrichtsanstalten ohne Rücksicht auf ihre Herkunft in ihre Obhut zu nehmen, sie mit Rat und thatkräftiger Hilfe während ihrer Schuljahre zu unterstützen, ihnen Schulgeld und Bücher, zuweilen auch andere Unterstützungen zu gewähren und sie zu sittlich - religiösem Wandel anzuhalten, insbesondere ihnen den Besuch einer Religionsschule zur Pflicht zu machen. Der Erziehung der jüdischen Jugend zu tüchtigen, erwerbsfähigen Menschen, der Verbreitung von Bildung und Gesittung, der Pflege von Religiosität und edler Menschlichkeit hat sich der Verein in seinen verschiedenen Phasen in gleicher Treue durch nun fünfzig Jahre gewidmet. Er darf darum aus Aulaß seines Jubiläums der Sympathie aller versichert sein. X Berlin, 26. Mai. Der Ausschuß des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes ladet seine Mitglieder zu dem am 21. Juni stattfindenden 7. Gemeindetag ein. Die Tagesordnung soll noch bekannt gegeben werden. Daß es sich vornehmlich um die Wahl eines Vorsitzenden des Ausschusses handelt, haben wir schon bei anderer Gelegenheit mitgeteilt. Die Beratungen scheinen öffentlich zu sein, da auch sämtliche Fachblätter Einladungen erhalten haben. * Berlin, 26. Mai. Am Freitag haben sie auf dem jüdischen Friedhose in Weißensee eine Frau bestattet, die an dieser Stelle erwähnt zu weroen verdient: Frau Pauline Klausner, die zwei Tage vorher hochbetagt aus dem Leben geschieden. Die Entschlafene entstammte einer angesehenen jüdischen Familie in Kobylin und war durch die Verbindung mit ihrem ihr vor sieben Jahren in den Tod vorausgegangenen Gatten Bernhard Wolff Klausner Trägerin eines weit über die Provinz hinaus bekannten Namens geworden. Die Familie Klausner zählt seit einem Jahrhundert zu der geistigen Aristokratie des Judentums im Osten Deutschlands; wie vordem auf theologischem, so ragt diese Familie jetzt auf journalistischem Gebiete hervor. Rabbi Wolff Klausner, der „Exiner Raw", war ebenso bekannt wie später sein Sohn, der Stadtverordnetenvorsteher und Ehrenbürger Bernhard Wolff Klausner, wie jetzt seine Enkel, die Politiker und Feuilletonisten in Berlin und London. Und war es einerseits die Bedeutung dieser Männer, so waren es andererseits die großen Vorzüge des Herzens und des Geistes der Entschlafenen, die eine große Schar von Leidtragenden auf dem Friedhose versammelten und an der Trauer der Hinterbliebenen auch Fernstehende innigen Anteil nehmen ließen. Ergriffen und ergreifend widmete der Schwiegersohn der Verblichenen, Rabbiner Tr. Ph. Kroner, im Namen der Familie der Verklärten ein Wort des Nachrufs und Rabbiner Dr. Weiße den Trauernden ein Wort des Trostes, und bewegt sahen wir sie in die Gruft senken, die mit Recht gepriesen wurde als die Jdealgestalt einer jüdischen Frau. Sie ruhe in Frieden. * Berlin, 26. Mai. Der Antrag auf Uebersetzung des Schulchan-Aruch auf Staatskosten, über dessen Beratung wir kürzlich berichtet haben, war von folgenden Mitgliedern des preußischen Herrenhauses unterzeichnet: Freiherr v. Turant, Freiherr v. Bodenhansen-Radis, v. Bredow-Senzke, Gras zu Dohna-Lauck, Graf Finck v. Finckeystein-Madlitz, v. Gottberg, Graf v. d. Grüben-Schwansfeld, v. Hertzberg, v. Kalckreuth, Graf v. Kalnein, v. Kalte, Graf v. Keyserling, v. Kleist-Retzow, Graf v. Klinkowstroem, Hans Edler Herr zu Putlitz, Gras v. Reichenbach-Goschütz, v. Rexin, Graf v. Seidlitz-Sandreczki, v. Voß-Wolffradt, v. Zitzewitz. * Berlin, 26. Mai. Der Wohlthätigkeitsverein „Gemilus Chassodim" veranstaltet am 7. Juni in Dräsels Festsälen ein Sommerfest mit Ball zum Besten der Vereinskasse, auf das wir die Freunde und Gönner des Vereins hiermit aufmerksam machen. £ Diepholz, 25. Mai. Zirm Selbstmord des Lehrers Höxter wird der „Hannov. Schulzeitung" von hier geschrieben: „Höxter zeigte von Anfang an ein verschlossenes, wunderliches Wesen, brachte jedem, auch seinen christlichen Kollegen, ein unbegründetes Mißtrauen entgegen, lebte ganz für sich und geriet fortwährend in Zwistigkeiten mit seiner Gemeinde. Eine Zeit lang nahm er seine Mahlzeiten, weil nach seiner Behauptung keiner seiner Glaubensgenossen ihn beköstigen wollte, in einem hiesigen Hotel ein, wurde deshalb wegen Uebertretung der jüdischen Speisegesetze denunziert, aber nicht bestraft, weil seine Vorgesetzte Behörde annahm, er habe in einer Zwangslage gehandelt. In letzter Zeit war er augenscheinlich geisteskrank. Von Radau-Antisemiten wurde er häufig mit rohen Scherzen belästigt. Da er seine zweite Prüfung nicht bestanden hatte, war es ihm unmöglich, eine andere Stelle zu erlangen." Schuld an diesem sensationellen Selbstmord scheint somit die jüdische Gemeinde nicht zu sein. rr Frankfurt a. M., 24. Mai. Der Vorstand der israelitischen Gemeinde hat neuerdings beschlossen, das seit mehr als 90 Jahren bestehende „Philanthropin", die Realschule und höhere Töchterschule der israelitischen Gemeinde allmählich

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