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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-05-29 · 22 (29.5.1896) · p. Seite 385

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
22 (29.5.1896)
Date
1896-05-29
Page
Seite 385 (sequence 13)
Language
German
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Nr. 22. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 386. Kliffe ans Krähwinkel. Von I). Dalles. III. Hochgeehrter Herr Chefredakteur! Sollte diesem Briefe beschieden sein, der Ewigkeit überliefert zu werden, so ersuche ich Sie, oben hinter meinen Namen die Zahl XVII (in römischen Ziffern!) zu setzen. Denn es ist der siebzehnte Brief, den ich an Sie schreibe, von welchen aber bisher nur zwei gedruckt wurden. Wollte ich, wie mein christlicher Kollege mit dem gefärbten Schnurrbart — ich schreibe Ihnen noch darüber! -- sagt, pro nihilo, d. h. für die Katz schreiben, so hätte ich ja nach wie vor ständiger Mitarbeiter der „Kölnischen Zeitung" bleiben können, die ja auch meine Arbeiten nicht gedruckt hat. Aber ich glaube Ihre Gedanken erraten zu haben. Lewison, selbst ohne h, ist kein Name für einen berühmten Schriftsteller; der Name klingt zu alltäglich und zu jüdisch. Ich habe mich btmim entschlossen, ein Pseudonym zu wählen, und in Zukunft D. Dalles zu zeichnen; ist auch Dalles ein alltäglicher Name, jüdisch ist er nicht — mehr. Das mir zuständige Honorar kann mir Ihr Verleger bei der Reichsbanknebenstelle in Nieder-Krähwinkel unter meiner bürgerlichen Adresse anweisen, ich werde es alsdann vierteljährlich am Tage vor der Tkupho erheben und beim Vollmond nach Kiddusch Lewono zählen. Apropos: Meine Frau, die merkwürdigerweise alle Familienbeziehungen ausstöbert, hat herausgebracht, daß Ihr neuer Verleger ein Vetter ihres Stiefbruders ist. Dieser hat auch Siegfried geheißen und war in Crumbach geboren — ich schreibe Ihnen noch darüber. Aus die Höhe des Honorars sollen diese Familienbeziehungen jedoch keinen Einfluß üben. — Also die konservative Partei im Repräseutantenkollegium in Berlin ist eifrig bei der Arbeit? Das freut mich. Ist es denn aber auch wahr, was ein Fellreisender hier erzählt hat, nämlich daß die Repräsentanten jetzt in schwarzen Käppchen beraten? Was ist das für ein merkwürdiger Plan, daß die Gemeinde Berlin nun zwei Rabbiner anstellen will, wovon einer orthodox, der andere neolog sein soll? Ich denke mir die Lösung viel einfacher und begreife nicht, wie Ihre Mitarbeiter, die Herren Klausner utib Bernfeld, mit denen ich mich demnächst zu beschäftigen gedenke — ich schreibe Ihnen noch darüber — nicht auf diesen Gedanken gekommen sind. Es muß nämlich ein Kandidat gesucht werden, der in Ungarn geboren ist und in Berlin die Jeschiwo (ich glaube, man nennt sie Hochschule) besucht hat. Dieser muß kontraktlich gezwungen werden, in den Monaten mit einem r (wo die Krebse genießbar sind) streng orthodox, in den übrigen Monaten streng freisinnig zu predigen. Geeignete Texte, die man rechts und links drehen kann, ohne aus ihnen etwas machen zu können, besitze ich in Fülle. Ich würde darum jetzt meine alte Kandidatur wieder aufnehmen, aber ich bin nicht blos durch meinen auf ein volles Jahr verlängerten Kontrakt, sondern auch durch die Pflicht der Dankbarkeit hier gebunden. Unsere alte Friedhofsmauer ist nämlich renoviert worden. Aus dem Ertrage einer Sammlung, die 52,75 Mark ergebeü hat, sind 12,25 Mark übrig geblieben. Diese Summe soll mir nach dem nächsten Jomkippur als besondere Gratifikation für meine Leistungen überwiesen werden. Mein zweiter Vorsteher will sogar gehört haben, daß der Ueberschuß volle 13 Mark beträgt. Und da sollte ich Krähwinkel verlassen! Unreines ausgießen, ehe ich Reines habe! Nein, ich gieße nicht aus — ich schreibe Ihnen noch darüber! Hier und dort. R. Berlin, 26. Mai. Am 25. d. M. tagte hier im Hotel Münchener Hof die konstituierende Versammlung der jüdischen Lehrer Brandenburgs, einberusen von den Herren Rektor Dr. Adler und Lehrer Cohn-Küstrin. Nachdem die Versammlung von den Einberufern gegen 11 Uhr vormittags eröffnet worden war, wurden zunächst die Kollegen Dr. Adler, Cohn- Küstrin und Remack ins Bureau gewählt. Darauf entwickelte Dr. Adler Ziel und Zweck des neuen Vereins. Nachdem sich die meisten der Anwesenden in die ausgelegte Mitgliederliste eingezeichnet hatten, verlas der Vorsitzende noch eine ganze Reihe Beitrittserklärungen auswärtiger Kollegen. Hierauf wurde zur Beratung der Statuten geschritten. Die einzelnen Paragraphen des von den Einberufern bereits ausgearbeiteten Statuts wurden ohne, oder mit nur kleinen Veränderungen angenommen. Eine größere Diskussion entspann sich nur über § 2, bei welchem als Aufgabe der Vereinsabende noch Lehrproben eingeschoben wurden, und besonders über § 3. Während nach diesem Paragraphen der Zutritt allen denen, die ein Lehramt an einer von einer jüdischen Gemeinde unterhaltenen Unterrichtsanstalt bekleiden, möglich ist, auch wenn sie keine staatliche Prüfung bestanden haben, wurde von mehreren Kollegen beantragt, die Mitgliedschaft nur staatlich geprüfteu Lehrern zugänglich zu machen. Dieser Antrag wurde jedoch von der Versanimlung abgelehnt. Hierauf schritt man zur Vorstandswahl. In denselben wurden die Kollegen Dr. Adler als 1. Vorsitzender, Cohn-Küstrin 2. Vorsitzender, Remack 1. Schriftführer, Heidenfeld-Friedeberg 2. Schriftführer, und Weber als Schatzmeister gewählt. £ Berlin, 26. Mai. Der „Jüdische Studienbeförderungs- Verein" begeht in diesem Jahre sein goldenes Jubiläum. Eigenartig war die Veranlassung zur Gründung des Vereins, wechselreich seine Geschichte. Bei der geistigen Regsamkeit, die am Beginn der vierziger Jahre unsere Glaubensgenossen ergriff, fühlten sich zahlreich in Berlin weilende Jünglinge (Bachurim) von den Segnungen der neuen Zeit ausgeschlossen und unternahmen es, unterstützt von edlen Männern unserer Gemeinde, sich selbst die Fähigkeit zu verschaffen, an dem Streben und Schaffen ihrer deutschen Glaubensgenossen teilnehmen zu können. Sie schloffen sich zu dem „Jüdischen Studienbesördernngs-Verein, auch cmrc mzn genannt, zusammen, gewannen eine Anzahl junger deutscher Glaubensgenossen, Studenten der hiesigen Universität, die ihnen opferwillig den ersten Unterricht erteilten, sie in die Wissenschaft einsührten und sie befähigten, sich einem wissenschaftlichen, zumeist dem theologischen oder pädagogischen, oder einem

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