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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-05-29 · 22 (29.5.1896) · p. Seite 384

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
22 (29.5.1896)
Date
1896-05-29
Page
Seite 384 (sequence 12)
Language
German
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Seite 384. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 22. der Schutzdukaten alljährlich dem gestrengen Herrn Rentmeister in tiefster Unterthänigkeit überreicht, und die beiden obersten Gemeindebeamten Reb Jtzig Leipziger, der Parneß, und Reb Chaim Cohn, der Schatzmeister, schlechtweg der Bal Towa genannt, seit Jahren die Ueberbringer des Schntzgeldes, thaten sich nicht wenig darauf zu gute, bei dieser Gelegenheit vom Rentmeister mit einer Prise Tabak regaliert worden zu sein. Am politischen Horizonte Preußens aber stiegen dunkle Wolken herauf. König Friedrich Wilhelm III. hatte Napoleon den Krieg erklärt; Preußen wollte den Uebermut des kühnen Korsen brechen. Bei Jena kam es zur Schlacht, die so unglücklich für Preußen ausfiel, daß zwei Monate später der größte Teil des Königreichs in den Händen der Franzosen sich befand, der König aber seine Residenz von Berlin nach Königsberg, der äußersten Grenze des Landes, verlegen mußte. Auch Graf M. von Z., der seine Einkünfte in Berlin zu verzehren pflegte, wollte seinem königlichen Herrn nach Königsberg folgen, wie es einem braven Kavalier geziemte. Aber schon hatten die Franzosen Breslau besetzt, fast alle Festungen der Provinz waren genommen, während ein Streifkorps den Teil Oberschlesiens bedrohte, in welchem die gräflichen Güter lagen. . Das Gefährliche der Situation erkennend, eilte Graf M. nach Z., uin zu retten, was noch zu retten war. Aber da war blutwenig zu haben und noch weniger zu retten. Standen auch noch keine Franzosen in Z., so hatte doch der Krieg und namentlich die Ausrüstung der im Orte ausgehobenen Rekruten die gräfliche Kasse arg gebrandschatzt und sämtliche Getreidespeicher waren vom Militärfiskus ausgeräumt worden. Für diese Zwangslieferungen hatte der Rentmeister allerdings Quittung empfangen, wofür der Staat später Zahlung leisten wollte, aber wann dies geschehen würde, war in dieser Zeit der Not schwer zu sagen. Trostlos blickten Gras und Rentmeister in die leere eiserne Truhe, die im Kassenzimmer stand, das augenblicklich keines Schlosses bedurfte. Ernst und sinnend schritt Graf M. im großen Saale des Schlosses auf und nieder. Von befreundeter Hand war ihm soeben die Nachricht geworden, daß auch er zu den Proskribierten gehöre, die vor der Rache Napoleons zu zittern hätten. Nur schleunige Flucht konnte ihn retten. Auch er hatte ja gleich vielen andern Gesinnungsgenossen seine Landsleute durch Wort und Schrift für den geplanten Krieg mit dem Erbfeinde zu entflammen gewußt und hatte bei solchen Gelegenheiten des Soldatenkaisers in nicht sehr schmeichelhaften Ausdrücken gedacht. Jetzt, wo das Preußenland wehrlos und zertreten dem kühnen Eroberer und seiner Soldateska gänzlich preisgegeben war, sollten die es besonders empfinden, die es gewagt, die Person Napoleons zu verunglimpfen, er wollte blutige Rache an ihnen nehmen. Der Gras klingelte. „Bestelle mir den Rentmeister her, aber sofort," rief er dem eintretenden Diener zu und wenige Minuten später stand der treue Kassenbeamte vor seinem Herrn. „Ich muß forl, Manderle, muß schleunigst fort, bin hier keine Minute länger sicher, namentlich wenn es wahr sein sollte, daß Kosel kapituliert hat und französische Reiter bei Leobschütz herumstreifen. Ich muß fort, Alter, weit fort; glaube nicht, daß Königsberg mir Sicherheit bietet, aber dort stände mir wenigstens der Weg nach England offen und das wäre der einzige Rettungsweg. Jedenfalls aber brauche ich Geld. Wißt Ihr denn gar kein Mittel, wie da geholfen werden kann? Sind denn alle Quellen versiegt, ist jede Hilfe abgeschnitten? „Gnädiger Herr," erwiderte Manderle, und das Beben seiner Stimme verriet, wie schmerzlich es ihm sei, seinen Herrn, den Erben eines erlauchten Namens in solcher Lage zu wissen, „im Dienste Ihres hochseligen Vaters habe ich mir ein kleines Sümmchen, etwa dreihundert Thaler, erspart, ich würde mich glücklich schätzen, wenn Sie, Herr Gras, dieses Geld zur Reise benützen wollten, anderen Rat weiß ich nicht, für den Augenblick wenigstens nicht." „Sprich mir nicht von Deinem Gelde, alter treuer Freund," fiel der Gras rasch ein und legte dem alten Manne die Hand auf die Schulter, „Deine Sparpfennige mag ich Dir und Deinen Kindern nicht nehmen. Doch da fand ich ja, als ich Eure Bücher und Einnahmelisten durch blätterte, eine Abgabe der hiesigen Jndengemeinde, Schutzdukaten genannt. Würde die Judenschaft, die immer als reich, mindestens als wohlhabend galt, nicht zu veranlassen sein, diesen Schutzdukaten für einige Jahre im voraus zu bezahlen, wenn man ihr einen Abzug gestattet und die häufig erbetene Ablösung des Schutzgeldes in Aussicht stellte?" „Ein vortrefflicher Gedanke das, Herr Graf," erwiderte der Rentmeister „und obschon der Krieg auch den Juden schwere Opfer auferlegte, glaub' ich doch, daß sie unter den erwähnten Bedingungen zu solcher Vorschußzahlung sich verstehen würden. An Geld fehlt es ihnen immer noch nicht, und gut und opferwillig sind sie auch, was auch immer vom Juden gesagt werden mag." „Gut denn, Manderle," sagte Graf M. „lasset sofort die Vorsteher der Gemeinde kommen, ich selbst will mit ihnen reden." _ (Fortsetzung folgt.) Epigramm »ad Anderes. Von Wilhelm Ruhemann. 81s dal, qui cito dat. „Mit doppeltem Werte die Gabe fließt Von dem, der zu geben sich schnell entschließt!" Den Spruch kennt Arazius, der brave Mann, Und da er sich nimmer befreunden kann Mit denr Entschlüsse, dem raschen, Oeffnet er nie seine Taschen. * * * Auf den Tod eines Geizhalses. Dem alten Knicker wollt kein Mensch mehr etwas geben, Gewohnt zu nehmen, nahm er Gift und sich das Leben * * * Gegensätze. Nur selten sind Reichtum und Geist eng vereint. Der eine wird oft durch den andern verneint. * * -i- Weisheit und Dummheit. Ein Sprüchlein ward treffend und sinnig erdacht: Es lächelt der Weise, der Dumme.laut lacht!

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