Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 22 (29.5.1896)
- Date
- 1896-05-29
- Page
- Seite 383 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 22. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 383 noch fremder, als die armen Inden der früheren Zeiten — denn für diese hatte er wenigstens Mitleid — aber die heutigen verachtet er, ja, er verabscheut ihre Bemühungen, Geld zu erwerben. Sie wissen eben so gut wie ich, daß die reich gewordenen Juden keinen anderen Gedanken haben, als ihren Ursprung vergessen zu machen. Und das Vaterland! Wo liegt das Vaterland des Israeliten? Er lebt in Rußland, in Deutschland, in Frankreich, aber er hat kein Vaterland, er ist heute hier, morgen da; er spricht eine andere Sprache, als die Leute, unter denen er lebt; er hat eine andere Religion, er hat nicht dieselben Erinnerungen, dieselben Vorfahren, dieselbe Geschichte; man betrachtet ihn als einen Fremden. „Glauben Sie wirklich," fragte der Staatsanwalt, „daß nian, um Ihre jungen Leute ans diesem Dilemma zu befreien, ein jüdisches Königreich in Palästina errichten müßte, wie man schon den Gedanken gehabt hat? Angenommen, alle Israeliten der Erde könnten durch ein Wunder dorthin transportiert werden, so glaube ich doch nicht, daß sie sich dort erhalten würden." „Warum in Palästina? Ich habe keine Erziehung, aber ich habe beobachtet, daß ein und dasselbe nicht zweimal im Leben des Menschen geschieht, und ich glaube ebenso wenig, daß ein und dasselbe sich zweimal im Leben eines Volkes ereignet. Palästina ist unsere herrliche Vergangenheit, unser Ruhm .... aber heute ist Palästina nicht mehr für uns das gelobte Land . . . Allerdings ist bei Gott alles möglich, aber jetzt darf der Israelit nicht mehr in Palästina sein Vaterland suchen; sein Vaterland liegt ganz anderswo." „Und wo liegt es?" fragte der Staatsanwalt. „Hier," versetzte der Greis und zeigte mit der Hand aus den Erdboden, „hier, wo er lebt, in Rußland, in Deutschland, in England. Als die Israeliten zur Zeit der polnischen Insurrektion (Abraham hatte die letzten Worte ganz leise gesprochen, als wenn er dem Staatsanwalt ein Geheimnis mitteilte) mit den Polen Freundschaft geschlossen und sich den Namen „Polen mosaischer Konfession" beigelegt hatten, da haben die Russen gelacht; inan hat sich über die Juden und die Polen lustig gemacht. Man hatte Unrecht, Herr Staatsanwalt. Als sie diesen Namen wühlten, da handelten sie klug und weise. Glauben Sie mir, so lange unsere Kinder nicht Russen oder Deutsche „mosaischer Konfession" werden, so lange wird ein Abgrund zwischen Ihrer Jugend und der unserigen gähnen, so lange ivird unsere Jugend ohne Vaterland, ohne Nation, ohne Religion dahin leben." „Und was wollen Sie thun, um diese Zustände ans der Welt zu schaffen?" „Ich, Herr Staatsanwalt? Ist es meine Aufgabe, über so wichtige Fragen zu entscheiden? Dafür sind die Minister, die Staatsräte, die Regierung da. An ihnen ist es, darüber zu entscheiden, dazll sind sie da." Ein ironisches und ungläubiges Lächeln huschte über das runzlige Gesicht des alten Mannes, und er fuhr fort: „Wenn sie aber keinen Entschluß fassen". „Tann?" unterbrach der Staatsanwalt. „Tann wird die Zeit entscheiden, die Zeit, der große, aber schreckliche Ordner aller Dinge." Abraham schwieg und neigte das Haupt. Der Staatsanwalt betrachtete ihn mit nachdenklicher Miene und trommelte leise auf den Tisch. Die Uhr schlug sechs. Der Greis zitterte, und mit dem Ausdruck eines Menschen, der plötzlich wieder zum Bewußtsein kommt, hob er schnell seine Mütze, die auf die Erde gefallen war, auf, trocknete den Schweiß von der Stirn und stand auf. „Verzeihung, Herr Staatsanwalt, wenn ich etwas gesagt habe, das ich nicht hätte sagen sollen. Ich wollte wahrhaftig nicht." „Im Gegenteil, ich danke Ihnen, ich bin Ihnen aufrichtig dankbar für alles, was Sie mir gesagt haben. Adieu!" „Und was meinen Sohn anbelangt," fragte der Greis, dessen Stimme wieder zu zittern anfing. „Morgen um 11 Uhr; ich lasse Ihnen einen Erlaubnisschein ausstellen." Abraham verneigte sich tief und wandte sich langsam der Thüre zu. Aus der Schwelle verbeugte er sich von neuem. Im Vorzimmer war nur noch ein Diener, der auf einem Stuhle schlief. Abraham zog seinen Pelz an, blieb einige Augenblicke an der Thür stehen, dann ging er hastig den Kopf schüttelnd und unverständliche Worte vor sich hinmurmelnd hinaus. Im Zimmer des Staatsanwalts hörte man noch längere Zeit langsame und schwere Schritte. Der Zchiitzdiikatril. Von R. E. Sch. Der alte befestigte Grundbesitz Preußens hatte früher ganz wunderliche Rechte und Privilegien, und gar mancher Landjunker, der, ungern nur der jetzigen Zeitströmung folgend, nicht ohne Verdruß die alten Fendalrcchte zu Grabe tragen sah, schwelgt in der Erinnerung vergangener Zeiten, wo der Edelmann von Gottes Gnaden dem Bürger und Landmanne ungestraft den Fuß auf den Nacken setzen durfte. So hatten bis zum Jahre 1812 die Juden, die in den kleinen Städten und Dörfern Schlesiens wohnten, an ihren Gutsherrn eine Abgabe zu entrichten, von der die christlichen Unterthanen befreit waren, und weil diese Abgabe in Gestalt eines Maria-Theresia-Dukatens von jeder Judenfamilie des Ortes alljährlich in die herrschaftliche Rentamtskasse eingezahlt werden mußte, nannte inan sie den Schutzdukaten. Dafür hatte der Gutsherr die Verpflichtung, seine jüdischen Unter* thanen gegen alle Unbilde und Ausschreitungen irgendwelcher Art zu schützen. So stand es wenigstens ans dem Papiere, das der Parneß im Archiv der Gemeinde sorgfältig zu verwahren pflegte. Weil die Gutsherren aber weniger den Schutz der Juden als den des eigenen Geldbeutels im Auge behielten, so hatten sie die Einrichtung getroffen, daß der Vorstand der Gemeinde den Schntzdukaten von jeder einzelnen Familie erhob und die ganze Summe dann dem herrschaftlichen Rentmeister einhändigte. Selbstverständlich waren Vorstand und Gemeindemitglieder für den ganzen Betrag der Abgabe solidarisch verpflichtet und selten nur wurde ein Nachlaß gestattet. So war es auch in Z., einem Städtchen in Oberschlesien, das durch den Gewerbefleiß seiner jüdischen Bewohner zu einem gewissen Wohlstand gelangt war. Auch dort wurde