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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-05-29 · 22 (29.5.1896) · p. Seite 382

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
22 (29.5.1896)
Date
1896-05-29
Page
Seite 382 (sequence 10)
Language
German
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Seite 382. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 22. der siegreich vordrängenden und nach dem schönen Spanien, lüsternen Araber nichts anderes, als das westgothische Reich zu stürzen (ausu tyrannico inferre conati sunt ruinam patriae ac populo universo). So abenteuerlich auch diese verwegene Unternehmung der Juden klingt, so hätte sie doch gelingen können, da der westgothische Staat durch die Uneinigkeit der Großen, die Herrschsucht der Priester, das Ueberhandnehmen der Laster, welches die germanische Tapferkeit entnervt hatte, in Auflösung begriffen war und leicht die Beute eines kühnen und glücklichen Handstreiches hätte werden können. Die Verschwörung der Juden wurde aber verraten, und als Egica vollgiltige Beweise durch erpreßte Geständnisse davon in Händen hatte, legte er sie der Kirchenversammlung (der vorletzten toledanischen, November 694) vor und knüpfte daran einen Gesetzvorschlag, der einem Racheakte ähnlicher ist als einem besonnenen Gesetze und Unschuldige wie Schuldige traf. Die Väter des siebzehnten Konzils, nicht minder entrüstet über die Verwegenheit der Juden, welche nicht blos das Glaubensgewand, das die Mutter Kirche ihnen durch das Bad der Taufe angelegt, durch die Beobachtung ihrer Riten befleckt, sondern auch die Macht des Reiches durch Verschwörung an sich zu reißen gedacht, genehmigten Egicas Dekret. Dieses verfügte, daß sämtliche Juden Spaniens als Sklaven oder Leibeigene erklärt, an Herren verschenkt und durch das Land verteilt werden sollten, ohne daß es ihren Herren frei stände, sie zu emanzipieren. Die Kinder, von sieben Jahren an sollten ihren Eltern entrissen und frommen Christen zur Erziehung übergeben werden. Eine Ausnahme war nur gemacht zu gunsten der Juden, welche in den Engpässen der gallischen Provinz wohnten und als Grenzwächter vermöge ihrer Tapferkeit den Einfall der Feinde verhinderten. (Hebraei, qui Galliae provinciae intra clausuras habitatores exsistunt). Diese sollen nicht zur Sklaverei verdammt, aber jedenfalls zur Bekehrung gezwungen werden. Aber kaum ein Jahrzehnt blieb dieses ebenso unsinnige wie ungerechte Gesetz in Kraft. Egicas Sohn, Vitiza, hat es selbst aufgehoben und den Juden wieder doppelte Freiheit gegeben. Aber sie konnten die tausend Unbilden und Quälereien, die sie so lange erduldet, nicht vergessen. Gerade ein Jahrhundert, seitdem ihre Vorfahren von Sisebut zur Taufe gezwungen worden waren, erleichterten die Enkel den Arabern das Vordringen und die Siege im westgothischen Spanien (711). . Sisebut hatte es nicht geahnt, daß er vermöge seiner Gewaltthat gegen die Juden den Untergang des westgothischen Reiches angebahnt hat. _ Dmm....! Von Saltikow-Schtschedrin. (Schluß.) (Nachdruck verboten.) „Die Jugend ist immer die Jugend. Auch die ihrige weicht leicht vom guten Wege ab. Der Unterschied ist nur der, daß sie dazu zwei Schritte zu machen hat, während die unsrige nur einen zu machen braucht." „Was verstehen Sie unter den zwei Schritten? „Das ist ganz einfach, Herr Staatsanwalt. Um Sozialist oder Nihilist, wie Sie es nennen, zu werden, muß man zuerst aufhören Russe, Deutscher oder Pole zu sein; man muß sein Vaterland und sein Volk vergessen, man muß die weite Welt seiner Heimat vorziehen; die Interessen des fremden Arbeiters müssen ihm mehr am Herzen liegen als die seines Brotherrn. . . . Die Nation, das Vaterland sind nur leere Worte, Herr Staatsanwalt, ja, es sind Ketten und Fesseln." Der Staatsanwalt zuckte die Achseln und sagte: „In unserm Jahrhundert, bei unserer Jugend! „Ja, Herr, in unserm Jahrhundert, bei unserer Jugend." „Sagen Sie mir nicht, daß unsre Jugend viel redet und nichts thut. . . Erinnern Sie sich, Herr Staatsanwalt an den letzten Krieg, wie diese Jugend sich geopfert hat, wie sie in der Türkei gefallen ist. Ist sie etwa während des deutschfranzösischen Krieges nach Paris oder Berlin geeilt, um für Frankreich oder für Deutschland zu fallen. Nein, Herr Staatsanwalt, sie ist zu Hause geblieben. Nehmen wir ein Beispiel: Ich sehe da an Ihrer Uhrkette ein wertloses Berloque; es ist ein Stein, aber kein Edelstein, das sehe ich von hier; wenn meine Augen auch alt sind, so sehen sie doch noch scharf, besonders, wenn es sich um Edelsteine handelt. (Abraham stieß ein trockenes Lachen aus und fing an zu husten). Es ist ein unbedeutender Stein, der nicht viel wert ist und nicht besonders schön aussieht; seit ich Sie kenne, seit drei Jahren, tragen Sie den Stein. Wenn ich Ihnen nun anböte, ich wollte Ihnen den Stein zehnfach bezahlen, würden Sie ihn mir lassen? „Nein, aber ich sehe nicht, welche Beziehung zwischen diesen! Stein und den Worten „Vaterland und Volk" bestehen kann." „Das will ich Ihnen sagen. Sie würden :nir das Berloque nicht verkaufen, weil es ein Andenken ist, weil Sie sich seit fünf, sechs, zehn Jahren daran gewöhnt haben. . . . Das Vaterland, Herr Staatsanwalt, ist auch eine Gewohnheit, eine Gewohnheit, die von dem Tage der Geburt besteht; es ist eine Erinnerung, nicht nur Ihres eigenen Lebens, sondern Ihres Vaters, Ihres Großvaters, Ihres Urgroßvaters; alles knüpft sich daran: Ihr Verstand, Ihre Seele, Ihre Interessen. Und die Nation, Herr Staatsanwalt, was ist die Nation für jeden von uns? Das sind die Leute, deren Sprache wir von unserer Geburt, unserer Kindheit an, gehört haben, deren Sprache wir selbst reden, mit denen wir gelebt haben und deren Leben das unsrige geworden ist. Ihnen, Herr- Staatsanwalt, haben nicht nur Ihr Vater und Ihre Mutter gesagt, daß Sie Ihr Vaterland und Ihre Nation lieben müßten; auch in der Schule hat mau es Sie gelehrt, in Ihren Büchern war die Rede davon. Vergißt man etwa so etwas leicht? Eine Idee ist eine große Macht; aber auch einer Idee wird es schwer, über die Gewohnheit eines ganzes Lebens den Sieg davon zu tragen. Der erste Schritt, vom rechten Wege abzuweichen ist der, daß man seine Nation und sein Vaterland vergißt. Der Israelit, der von Ihrer christlichen Universität kommt, braucht diesen Schritt nicht zu thun, er hat ihn schon gethan. Er hat keine Nation. Wo ist seine Station? Die Scharen armer zerlumpter Juden, die den ganzen Tag arbeiten, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen? Pfui, er hat nichts gemein mit diesen Bettlern. Diese kleinen Kaufleute, diese kleinen Fabrikanten, diese kleinen Wucherer, welche Kopeke nach Kopeke sammeln, sind ihm nichts. Sie sind ihm

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