Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 22 (29.5.1896)
- Date
- 1896-05-29
- Page
- Seite 380 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 380. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 22. Stelle als Professor an der medizinischen Fakultät ausschließlich der kaiserlichen Gunst verdanke. In Wirklichkeit lernte ihn Napoleon erst vier Jahre nach seiner Ernennung kennen, einige Tage vor der Kriegserklärung an Preußen. Es war am 20. Juni 1870, als er, auf den dringenden Rat der Herzogin von Monchy, zur Konsultation nach St. Cloud berufen wurde. Seit Jahren schon litt Napoleon schweigend und vermied es, die Aufmerksamkeit seiner Leibärzte auf sein Leiden zu lenken. Keiner hatte auch bis dahin den eigentlichen Sitz der Krankheit des Kaisers erkannt. Germain See gegenüber war der Kaiser nrerkwürdigerweise offen. Er gestand frei die Art seines Nebels, ließ sich untersuchen, und entschlossen zu erfahren, was ihm fehle, bat er seinen neuen Arzt, ein Konsilium zu berufen. Am 1. Juli, zeitlich früh, versammelten sich Nelaton, Ricord, Fauvel, Söe und Corvisart bei dem Dr. Conneau, welcher in den Tuillerien wohnte. Zum großen Erstaunen seiner Kollegen stellte Dr. Germain See vor diesen Koryphäen der Wissenschaft seine Diagnose dahin: „Meine Herren, der Kaiser hat die Steinkrankheit." Dann führte er seine Gründe an, und Ricord, sofort seiner Meinung, bemühte sich, die anderen zu überzeugen, welche hartnäckig die Achseln zuckten. Nelaton besonders schien unruhig und unentschlossen, so sehr, daß man sich entschloß, den Kaiser mittels der Sonde zu untersuchen, um Gewißheit zu erlangen. Ricord und Germain S6e wollten die Sache beenden und schlugen eine Konsultation für den zweitnächsten Tag vor; Nelaton indes sowie Fauvel und Corvisart erklärten, daß es dem Kaiser seit einigen Tagen besser gehe und beschlossen, da sie die Majorität hatten, daß die Untersuchung bis zum September verschoben werde. Germain See indes, um sich zu decken, redigierte das Protokoll der Aerzte-Sitzung, trug es am 3. Juli zur Unterschrift zu Dr. Conneau, bat ihn, es auch von den übrigen Aerzten signieren zu lassen und dann der Kaiserin vorzulegen. Tr. Conneau that dies aber nicht. Man behauptet, daß Nelaton, noch erschreckt durch den Mißerfolg der Lithotritie, die er ein Jahr vorher an den Marschall Niel versucht hatte, seine Unterschrift verweigert habe, in der Besorgnis, daß er mit der Operation an dem Kaiser betraut werden würde. Sicher ist, daß die Kaiserin nicht benachrichtigt wurde, daß auch die Minister nichts erfuhren und daß der Kaiser zehn Tage später Preußen den Krieg erklärte. „Die Enthüllung der wahren Diagnose", so schreibt heute ein Anonymus im „Figaro", „hätte vielleicht unser Unglück verhütet." — Die Juden in Bagdad. Ist die Gemeinde Bagdad die größte Asiens, so ist sie zugleich auch die mit lieblichen und schönen Töchtern reich gesegnetste, von denen die arabischen Dichter, wenn sich dieselben nur besingen ließen, sagen würden, „ihr Gesicht gleicht dem Vollmonde, dem der Abend- und Morgenstern zugleich als Augen dienen." Leider gehört die Mehrheit der Töchter biei'er Gemeinde der ärmeren Klasse an, bei der die Frage der Mitgift fast immer ein schwer zu lösendes mathematisches Thema bildet. Zwar wird es dort schon als eine große Summe Geldes betrachtet, wenn man seiner Tochter hundert türkische Lire (gleich 2000 Mark ungefähr) mitgeben kann: aber in einem Lande, wo das Geld so knapp und auch so schwer aufzutreiben ist, wie in Mesopotamien, verursacht schon die Herbeischaffung dieser kleinen Summe großes Kopfzerbrechen und auch viel Schweiß. Sehr oft hört man daher eine zärtliche Mutter seufzen: Ach, wenn mir Gott nur das Glück gewähren wollte, meiner lieben Sarah oder Rebecka hundert Goldlire mitgeben zu können! In neuester Zeit jedoch hat Indien begonnen, seine Blicke auf die hübschen Töchter Bagdads zu werfen, und zwar sind es die Ben-Israel in Bombay, Cocin und anderen indischen Städten, welche mit Vorliebe Bagdader Judenmädchen als Gattinnen heimführen, die, da sie fast durchwegs von dunkelbrauner Gesichtsfarbe sind, sich schon glücklich fühlen, wenn weiße Mädchen sich herbeilassen, ihnen als Gattinnen zu folgen, so daß sie nach der Mitgift garnicht zu fragen wagen. Dieselben tragen ihre Frauen auf Händen, betrachten sie als ihren und ihres Hauses guten Engel und sind immer bestrebt, deren Wünschen nachzukommen. Von einer Ehescheidung bei einem Ben-Israel ist fast kein Gedanke; im Gegenteil, dieselben fühlen sich sogar noch überglücklich, da die Bigamie bei ihnen unter gewissen Bedingungen gestattet ist, wenn letztere es ihnen ermöglichen, nun auch eine Anverwandte der Gattin oder wenigstens eine Landsmännin derselben als zweite Frau heimführen können. Die Vermittelung der Ehen zwischen den Töchtern Bagdads und den Ben-Israel besorgen gewöhnlich die in den indischen Hafenstädten lebenden Bagdader Kausleute, die es als eine große Mizwah betrachten, wenn sie eine Tochter ihrer Vaterstadt unter die Haube — Pardon! wollte sagen, unter das Sammetkäppchen, da es in Bagdad keine Hauben giebt, bringen können. Es ist sehr interessant zu sehen, wie der Ben-Israel, der gewöhnlich nur tamulisch spricht, und die Bagdaderin, die wieder nur arabisch spricht, sodaß sie sich garnicht verständigen können, bestrebt sind, durch Gesten und Mimen ihre Gedanken auszudrücken und sie ihrer Ehehälfte begreiflich zu machen. Merkwürdigerweise leben dieselben dennoch ganz harmonisch und einträchtig. Jeder von Bagdad nach Bombay abgehende englische Dampfer pflegt daher immer auch etwa ein Dutzend jüdischer Mädchen mitzunehmen, um sie nicht nur einem indischen Hafen, sondern zugleich auch in den glücklichen Hafen der Ehe zu bringen. Feuilleton. Das Marturiinu der lpanischm Juden. Von Prof. Dr. H. Grätz. III. Die Beteiligung der Juden an der von Childerich hervorgerufenen Empörung unter Recceswinths Nachfolger Wamba (673), welche durch eine alte gute Quelle beurkundet ist, scheint daher mehr von den gequälten jüdischen Konvertiten als von eigentlichen Juden ausgegangen zu sein. Wahrscheinlich hatte ihnen der rebellische Graf von Nimes Freiheit des jüdischen Bekenntnisses verheißen. Die Empörung lief indes unglücklich ab, die aufständischen Scharen wurden zersprengt und die Juden aus der mit Spanien annektierten narbonensischen Provinz vertrieben. Trotzdem findet sich vor Wamba keine Maßregel gegen die jüdischen Neophyten. Erwig, dieser schlaue Grieche, der dem König Wamba im Schlafe die Krone geraubt, dessen Doppelzüngigkeit seinen byzantinischen