Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 22 (29.5.1896)
- Date
- 1896-05-29
- Page
- Seite 379 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/4794838-9609712-9610114--1445-9610121- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 22. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 379. dieselbe somit kein religiöses Oberhaupt besitzt, hat der religiöse Verfall unter den Juden Westfalens derartige Dimensionen angenommen und herrscht in Bezug ans wichtige religiöse Institutionen eine Willkür, wie es wohl nirgendwo, in keiner anderen Provinz des Deutschen Reiches auch nur annähernd anzutreffen ist." - Bedauern wir auch aufrichtig diese wie jede andere Separation, so erscheint sie doch selbst dein Fernstehenden, selbst dem Gegner erklärlich. Seligmacherei mag ja eine angenehme Beschäftigung sein, die Seligmacherei wider Willen aber erregt Widerwillen und provoziert Widerspruch. Andererseits können lvir einer Stimme mrs jener Provinz nicht die Zustimmung versagen, die da meint: „Wir fürchten, daß ein streng orthodoxer Rabbiner in Westfalen nicht den geeigneten Wirkungskreis finden wird, er wird dort ziemlich isoliert dastehen und von der modernen Richtung vielleicht verfolgt werden, und das kann sicher der Sache des Judentums nichts nützen. Eher wäre die Anstellung eines gemäßigt-orthodoxen Rabbiners zu empfehlen, der, wenn er mit friedlichem Sinn und großer Begabung ausgestattet wäre, wohl die Aussicht hätte, allmählich die Parteien für sich zu gewinnen und eine segensreiche Wirksamkeit zu entfalten .... Ein jetzt entbrennender Kamps der Parteien würde uns erstens nach außen schaden und konnte auch unter Umständen zur Auslösung sehr vieler kleiner Gemeinden führen. Das Austrittsgesetz hat neben seinem Segen der Gewissenssreiheit auch schon viel Unheil angerichtet und viele kleine Gemeinden, deren Bestand schon heute bezüglich der gottesdienstlichen Einrichtung, der religiösen Erziehung und Aufbringung der materiellen Mittel gefährdet ist, würden dadurch in eine sehr traurige Lage gebracht werden." Und darum können auch wir den Fiihrern der Opposition nicht brtngenb genug raten, in der Wahl ihrer Mittel vorsichtig zu sein und stets erst zu prüfen, was durchführbar und nützlich ist. — Die Juden in Tirol machen selten von sich reden, man erfährt nichts von ihnen, nichts über sie. Darum wird unseren Lesern eine statistische Notiz über sie nicht uninteressant sein: Jüdische Einwohner in Tirol sind nur in ben größeren Städten, und zwar sind in Innsbruck 40 jüdische Familien tmb ein Rabbiner ansässig, 15 Familien sind in Meran ansässig, wo aber während der Knrsaison über 3000 Juden verkehren; es sind auch in Meran 4 jüdische Restaurants und die jüdische Stiftung von Baron Konigswarter. In Bozen sind 12, in Trient nur 10 jüdische Familien ansässig; in Trient wohnen Juden erst seit 6—7 Jahren. Seit der Zeit der Beschuldigung der dortigen Juden Im Jahre 1475) wegen des Ritualmordes am Heiligen Simon war dort kein Jude ansässig. In dein Gäßchen des Heiligen Simon in Trient ist auf einem Halste eine Inschrift in deutscher und italienischer Sprache zu lesen, daß die Juden im Jahre 1475 in diesem Hause den Heiligen Simon ermordet haben. Dieses Haus soll die Synagoge gewesen sein, jetzt sind darin Privatwohnungen. Tie sämtlichen Heiligen Sachen vom Tempel in Trient sind noch heute in Verona. Dagegen ist von einem jüdischen Friedhof aus jener Zeit keine Erinnerung hasten geblieben, nur in Riva am Garda-See ist in dem Gebäude der Bezirkshanptmaunschaft eine jüdische Maz.'bhäh mit der Jahreszahl 1463 eingemauert. Trotz der geringen Zahl jüdischer Einwohner in Tirol, ist ganz Deutsch-Tirol antisemitisch. So hat z. B. die kleine Gemeinde Kaltern bei Bozen Dr. Lueger zlun Ehrenbürger ernannt, und doch kommt nach Kaltern Jahre lang kein Jude, und es ist auch keiner dort ansässig. In der Weinbau-Schule zu San Michele sind 2 jüdische Studenten, welche von ihren deutschen Kameraden viel zu leiden haben; auch in Meran, wo alljährlich Juden so viel Geld zurücklassen, existiert ein klerikal-antisemitisches Blatt „Der Burggräfler", welches fortwährend Hetzartikel und erst in seiner letzten Rümmer wieder die Blutlüge in neuer Auflage bringt. — Pobjedonoszew tritt zurück. Eine sehr bedeutungsvolle Nachricht bringt der Draht aus Petersburg: Es verlaute dort mit Bestimmtheit, daß Pobjedonoszew, der Oberprokuror des Heiligen Synods, nach der Krönungsfeier zurücktreten werde; sein "Nachfolger solle ein viel geringeres Maß von Selbständigkeit erhalten. — Pobjedonoszew, der „Scharfrichter von Rußland", war der allmächtige Mann unter Zar Alexander III., und auch jetzt noch galt sein Einfluß auf alle Verwaltungsgebiete für bedeutend. Die Kirchenpolitik Rußlands ruhte in seinen Händen und sein Werk war die Bedrängung der Katholiken und Lutheraner. Zar Alexander III. schenkte ihm unbedingtes Vertrauen und folgte Pobjedonoszews Rate, als er die bei der Thronbesteigung in Aussicht genommenen freiheitlichen Reformen alsbald verwarf und sich zum starren Absolutismus seiner Väter bekehrte. Die Verabschiedung dieses Mannes, in welchem das alte, orthodoxe Rußland wie in keinem anderen verkörpert ist, wäre in der That das Anzeichen einer anderen Zeit. Nnverbiirgte Meldungen verkündigen ja seit längerem, daß bei der Krönung einige fortschrittliche Reformen in Kraft gesetzt werden sollen. Wenn es auch verfrüht wäre, überspannte Erwartungen zu hegen, verdient doch die Bestätigung der jüngsten Nachricht mit besonderer Spannung errvartet zu werden. — Der Zar für Gewissensfreiheit. Schon beim Regierungsantritte Nikolaus II. wurde mehrfach versichert, daß er die Verfolgung Andersgläubiger mißbillige. Gegenwärtig, in den Tagen der Moskauer Krönungsfeste, wird diese Versicherung erneuert. So erzählt der Petersburger Korrespondent der „Kölnischen Zeitung", der Zar hätte, als ihm jüngst eine Anzahl Bittschriften der unter der vorigen Regierung stark bedrückten linierten in Polen vorgelegt wurde, geäußert, es sei wirklich an der Zeit, auch in Rußland an Gewissensfreiheit zu denken. Der Korrespondent will erfahren haben, daß sich selbst in den Anschauungen Pobjedonoszews eine Wandlung vollzogen hätte. — „Die Botschaft hör' ich wohl, allein mir fehlt der Glaube." (Siehe übrigens den vorstehenden Artikel.) — Genua in Sec und Napoleon. Irr Paris starb vor einigen Tagen der berühmte Dr. Germain Söe. Er war 78 Jahre alt und zählte zu den Großen der wissenschaftlichen Welt Frankreichs; einer der gründlichsten Kenner der medizinischen Litteratur Deutschlands, wurde er andererseits von den deutschen Aerzten sehr hoch geschätzt. Eine Reihe bedercksamer Schriften, die noch heute in Frankreich für klassische Werke gelten, enthält ein reiches Resultat von Arbeiten und Erfahrungen Es wurde aber dem Dr. Säe nicht leicht, sich eine Stellung zu machen; man warf ihm vor, daß er seine