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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-05-29 · 22 (29.5.1896) · p. Seite 378

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
22 (29.5.1896)
Date
1896-05-29
Page
Seite 378 (sequence 6)
Language
German
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Seite 378 Allgemeine Jsraelittsche Wochenschrift. I V das Amt befähigt glaubt, Gelegenheit zur Bewerbung finde und damit man andererseits von den Befähigten die Befähigtesten heraussuchen könne. Wenn man aber gegen ein Uebel ankämpfen will, muß man dem Grunde desselben nachforschen. Das habe ich gethan, und nun will ich zu Nutz und Frommen aller, die über das „Warum" im unklaren sein sollten, meine Meinung hier preisgeben. Ich erinnere mich, daß schon früher einmal in diesem Blatte darauf hingewiesen wurde, daß ein und dieselbe Person in der Gemeindeverwaltung zum Schaden derselben oft mit vier, fünf und noch mehr Ehrenämtern bedacht ist. An die Rockschöße derer, die mit einer solchen Fülle von Aemtern behaftet sind, hängen sich nun alle die Stellenjäger, welche den Weg über die Hintertreppe für den bequemeren halten, weil er, wie die Thatsachen leider lehren, viel erfolgreicher als der der offenen Bewerbung ist, und diese Vorsichtigen werden, je nach der Anzahl der Vettern, die sie in der Verwaltung haben, in die Stellen hineingeschoben — häufig ohne jede Befähigung und nur weil man die Hintertreppenbewerber aus dem einen oder andern Grunde gewissermaßen für zivilversorgungsberechtigt hält und ihnen eine Sinekure schaffen will! Durch ein solches Verfahren, das, möchte ich beinahe sagen, geradezu an der Tagesordnung ist — denn man ist sogar wiederholt so weit gegangen, von außerhalb Beamte zu importieren, die „zufällig" in der Verwaltung Anhang hatten — wird der Gerechtigkeit ein Schlag ins Gesicht versetzt, wird jedem Billigkeitsgefühl Hohn gesprochen. Mit diesem System muß unter allen Umständen gebrochen werden. Durch solches Vorgehen erzieht man nur einen von Servilismus triefenden, rückgratlosen Beamtenstand, der einem Verwaltungskörper, wie dem der Jüdischen Gemeinde von Berlin, nicht zur Ehre gereicht. Darum fort mir dem Protektions-System, durch welches nur niedrige und widrige Schmeichler erzogen werden, deren Befähigungsnachweis allein in ihrer Rückgratlosigkeit liegt! Anochi. — Religions-Unterricht in Berlin. Man schreibt uns: In Nr. 20 der Allg. Z. d. Judent. wird die „erfreuliche Mitteilung" gemacht, daß an dem im Wilhelmsgymnasium „neu eingeführten Religions-Unterricht" 177 Schüler teilnehmen. Eigenartige Freuden hat dieses Blatt! In Nr. 16 hatte es selbst berichtet, daß das erwähnte Gymnasium 368 jüdische Schüler zähle. Wir fragen nun: Warum wenden sich die übrigen 191 jüdischen Schüler von dem Unterricht ab, obgleich er noch den Reiz der Neuheit hat? — Hätten die 177 Schüler jemals etwas vom Judentum erfahren, wären die „liberalen" Herren durch die „Dunkelmänner" nicht an ihre Pflicht gemahnt worden? — Werden die 177 Schüler befähigt sein, an einem jüdischen Gottesdienst teilzunehmen, dabei auch nur das Birkhath ha Thorah zu sprechen? — In Luckenwalde ist, wie in Nr. 19 S. 336 a dieses Blattes berichtet wird, bereits an der höheren Töchterschule der jüdische Religions-Unterricht obligatorisch geworden, und wird jetzt mit der zuständigen Regierungsbehörde wegen Einführung obligatorischen Religionsunterrichts auch am dortigen Realgymnasium verhandelt; wenn in Berlin die neugewählten Repräsentanten jüngst der übernommenen Pflicht eingedenk gewesen wären — hätten dann Westfalen seit langen Jahren bereits ohne Rabbiner ist. Da Nr. 22. 191 jüdische Schüler einer Anstalt der religiösen Unterweisung ermangelt? Sind am Wilhelmsgymnasium auch 191 christliche Schüler vom Religions-Unterricht dispensiert? — Welche Schmach, welche Schande für uns Juden, wenn wir diese und andere Vergleiche anstellen, wenn wir hören, was sich jüdische Schüler sonst noch herausnehmen, weil — nun weil der jüdische Religions-Unterricht „ja nur fakultativ" ist. IIu. — Tout comme chez nous. Aus Wien wird uns geschrieben: Eine Erscheinung der Gegenwart, die nicht unbeachtet bleiben darf noch kann, ist die, daß freisinnige Männer in den von ihnen geleiteten Blättern den Kamps für die Wiederbelebung des jüdischen Gedankens mit einer Schärfe und einer Ausdauer und einer Unerbittlichkeit führen, wie er von orthodoxer Seite niemals geführt worden. Zeugnis hierfür ist in - Deutschland diese geschätzte Wochenschrift und hierzulande die hier in Wien erscheinende „Neuzeit". Das Blatt, das in der entschlafenen Reformperiode tonangebend gewesen und leitend aufgetreten ist, liest jetzt den Glaubensgenossen in Oesterreich im allgemeinen und in Wien insbesondere den Text genau nach der Tonart, auf die Ihre Wochenschrift abgestimmt ist. Hier ein Zitat aus der letzten Nummer als Beleg: „Wenn wir uns nicht offen eingestehen, daß es im Judentume an allen Enden und Ecken morsch und faul geworden ist, daß aus allen seinen Institutionen, gleichviel ob sie auf materieller oder geistiger Basis beruhen, Marasmus und Verwesung hervorlugt, daß die Heranwachsende Jugend, die Hoffnung unserer Zukunft, mehr als mit halbem Fuße drüben steht, und daß das Judentum in heller Auflösung begriffen ist; wenn diejenigen, denen die Führung zufällt, oder sagen wir lieber, die sich, die stumpfe Indolenz der jüdischen Großen sowie der Massen zu Nutze machend, die Führung angemaßt haben, sich und anderen vor diesen Zuständen länger die Augen verschließen werden, dann werden wir gar bald die allertraurigsten Erfahrungen machen. Das Traurigste aber daran wird sein, daß wir unser Los verdient haben werden." — (Wir haben die Waffenbrüderschaft schon längst mit Vergnügen wahrgenommen und freuen uns, daß das Blatt, das unter dem Einfluß des Radauphilosemitismus in Wien sehr gelitten hatte, sich allmählich wieder zu erholen scheint. Red.) E. B. — Der westfälische Unfrieden. Unsere Leser wissen, daß der westfälische Gemeindeverband bei Herrn Dr. Vogelstein in Stettin ein Gebetbuch nach Maß hat arbeiten lassen und den Versuch gemacht hat, dieses Buch allen Gemeinden Westfalens auszuhalsen. Gegen dieses eigentümliche Verfahren lehnten sich etliche Gemeinden und viele Privatleute auf; jene wiesen das Buch zurück, und diese sind jetzt im Begriffe, etwas Praktisches zu leisten. Sie haben am 19. Januar in einer Versammlung zu Münster die Gründung eines „Vereins zur Wahrung der religiösen Interessen des Judentums in der Provinz Westfalen" beschlossen und die konstituierende Versammlung am 25. d. M. in Dortmund abgehalten. In dieser Versammlung ist die Anstellung eines orthodoxen Rabbiners beschlossen worden. In der Einladung heißt es, diesen Punkt der Tagesordnung betreffend: „Wie unendlich wichtig gerade dieses ist, geht daraus hervor, daß die gesamte ca. 150 Gemeinden umfassende Provinz die Pflicht, dies bekannt zu geben, damit jeder, der sich für <

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