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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-05-29 · 22 (29.5.1896) · p. Seite 376

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
22 (29.5.1896)
Date
1896-05-29
Page
Seite 376 (sequence 4)
Language
German
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Seile 376. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr 22. auf der wir stehen, noch nicht finden konnten. Nein, liebreich dem irrenden Bruder die Hand zur Hilfe reichen, und geduldig versuchen ihm die rechte Straße zu weisen. Tas ist es, was uns zukommt! Tr. L. W. vir „lrhruuSult für dir UMiischM des Judentums". Geehrter Herr Redakteur! In der letzten Nummer Ihrer geschätzten Zeitschrift bringen Sie eine Besprechung über den Jahresbericht der „Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums* aus der Feder Ihres Mitarbeiters Herrn'Tr. Bernfeld. Tiefe Besprechung hat bei vielen Ihrer Leser Erstaunen, ja einigermaßen auch Unwillen hervorgerufen. Herr Tr. Bernseld, der sich in dieser Zeitschrift mit denr Versprechen eingesührt hat, schonungs- und rücksichtslos die Wahrheit zu sagen, der seit Monaten in diesem Blatte alle mit Hohn und Spott überschüttet, die zur Mäßigung und einer ruhigen Beurteilung der Tinge raten, hat sich nun mit einemmale selbst von einer milchsrommen Tenkungsart gezeigt, die überall umsomehr Befremden erregen mußte, als diese Milde hier am allerwenigsten angebracht war. Tie Lehranstalt giebt schon seit Jahren allen, die sie genauer kennen, ein großes Aergernis. Von vielen Seiten wird gesagt, es wäre endlich an der Zeft, die Zustände, die in jenem Instftute herrschen, zu beleuchten; doch wollte sich niemand damit befassen, um nicht in ein Wespennest zu greisen. Und nun kommt Herr Tr. Bernfeld mft der ihm schlecht anstehenden Miene des Wohlwollens und der Freundlichkeit, um über alle Mängel der Anstalt liebevoll hinwegzukommen. Ich kann mir dies nicht anders erklären, als daß Tr. B.. der, wie ich glaube, einige Zeit jenem Institut angehörre, sich ein gewisses Maß von Anhänglichkeit für die Lehranstalt gewahrt hat. Ties wäre gewiß sehr schön: aber das öffentliche Interesse erheischt die schonungslose Wahrheit und kein Tiplomatisieren. Tie Anstalt krankt an Haupt und Gliedern und mit den paar wohlwollenden Redewendungen Ihres Mitarbeiters läßt sich da wenig ausrichten. Tie Anstalt ist durch die Initiative des Tr. Geiger gegründet worden. Als er den Entschluß gefaßt, nach Berlin zu gehen, schrieb er ausdrücklich an Prof. Lazarus, er müffe darauf dringen, daß in Berlin eine Pflegeftätle für die jüdische Wiffenschaft geschaffen werde, wo nur die Wissenschaft gefördert und kein Pfaffentum kultiviert werden solle. Ties Ziel war durchaus löblich. Nun möge man zeigen, ob die Anstalt den Erwartungen entsprochen hat, die in sie gesetzt worden sind. Ich will jedoch nicht an Vergangenes erinnern. Aber wie sieht es jetzt dort aus? Auch mir liegt der letzte Bericht vor, und ich entnehme demselben, daß Herr Prof. Tr. Steinchal wöchentlich eine Stunde Religionsphilosophie gelesen hat! Nicht wahr, ein ungeheures Quantum? Tazu ist Herr Prof. Sreinthal schon seit Jahren leidend und selbst diese eine Stunde wird nicht innegehalten. Gewiß, wir alle verehren diesen verdienstvollen Gelehrten sehr; aber hier handelt es sich um eine heilige Sache, welche die Gesamtheit betrifft. Ta Rücksicht zu üben, wäre geradezu ein Verbrechen. Was soll ein Jünger der Wiffenschaft des Judentums von der jüdischen Religionsphilosophie wissen, die ihm in einer solchen homöopathischen Tosis verabreicht wird! Ferner: Tr. Maybaum liest drei Stunden wöchentlich. Alle Achtung vor den oratorischen Leistungen dieses Herrn. Ich höre seine Predigten mit Vergnügen an, auch wenn er eine und dieselbe Predigt innerhalb eines Zeitraumes von kaum zwei Jahren drei Mal hält, wie neulich passiert ist. Aber Tr. Maybaum hat — das werden selbst seine treuesten Anhänger nicht in Abrede stellen — nicht die mindeste wiffenschaftliche Bedeutung; er hat sich durch kein Werk, durch keinen wissenschaftlichen Vortrag auf diesem Gebiete hervorgethan; denn was er vor Jahren Wellhausen nachgeschrieben, nimmt doch kein Unterrichteter ernst, mit alleiniger Ausnahme vielleicht der Kuratoren der Lehranstalt. Was lernen nun die jungen Leute von diesem Herrn? Nichts! Nun kommen die talmudischen Disziplinen. Talmud kursorisch ist mit drei Stunden wöchentlich auf dem Programm vertreten. Das ist der reine Hohn! Diese Methode hat nur dann Sinn, wenn es sich um gründliche Kenner des Talmuds handelt, die sich in dieses Studium vertiefen, nebenbei aber auch einige Stunden mit Lektüre im Talmud zubringen, um sich eine gewisse (Belesenheit) anzueignen. Bei Hörern aber, die, mit Ausnahme der Ausländer, den Talmud nicht einmal buchstabieren können, ist diese Methode der reine Unsinn. Bleiben nunmehr vier Stunden Talmud ftatarisch und drei Stunden wöchentlich Tezisoren. Das heißt vom Talmud täglich einen Eßlöffel voll einnehmen. Ter eigentliche Dozent, der ernst zu nehmen wäre, könnte somit nur Tr. Schreiner sein. Aber dies hätte nur dann einen Sinn, wenn sonst alles ineinander paffen würde. So aber ist auch dieser Lehrer auf der Anstalt nicht an seinem Platze. Tie Hörer kommen sehr selten und nur in verschwindend geringer Zahl zu den Vorlesungen. Es gehen aus ihr Rabbiner hervor, welche, mit geringer Ausnahme, selbst in unserem Zeitalter durch ihre Unkenntnis Kopffchütteln erregen. Endlich: Herr Tr. Bernfeld hat die wiffenschaftliche Abhandlung des Herrn Prof. Steinthal so sehr gelobt, 'Jkur hat er vergessen anzugeben, wo in jener Abhandlung, die eine Zierde einer jeden allgemein wissenschaftlichen Zeitschrift wäre, auch nur ein Wort von der jüdischen Wiffenschaft zu finden sei. Diese Abhandlung erinnert an die Vorträge, die im verflossenen Winter zu gunften der „Lehranstalt* gehalten wurden. In einer-Beziehung zum Judentum standen nur die Redner, nicht aber die Reden. Herrn Tr. Bernfeld möchte ich darum bitten, sein Wohlwollen würdigeren Gegenständen zu widmen und sich nicht mit einem Mundspitzen zu begnügen, wo ein schriller Pfiff am Platze wäre. * * * Kultus-lliutugeu in Muk-luthriugeu. Tie „Teutsche Zeitschrift für Kirchenrecht* befürwortet in einer längeren Abhandlung') die Einführung landeskirchlicher Umlagen in Elsaß-Lothringen. Nach dem Vorbilde der badischen Gesetzgebung soll den staatlich anerkannten ') Sonderabdrücke sind von Schmidts Universitätsbuchhandlung in Slraßburg gegen 50 Pf. porroftei zu beziehen.

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