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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-05-29 · 22 (29.5.1896) · p. Seite 375

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
22 (29.5.1896)
Date
1896-05-29
Page
Seite 375 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 22. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 375. Der Antisemitismus ist eigentlich nur der Rückschlag gegen das rasche lleberhandnehmen des Kapitalismus in unserer Zeit, der sich im Judentum besonders verkörpern soll. Dies ist sein Ausgangspunkt, der von seinen Vätern vielleicht nicht klar erkannt, aber doch geahnt worden ist. Die antisemitische Bewegung ging aber weiter, und heute ist nichts ungeheuerlich, nichts sinnlos genug, was gegen die Juden vorgebracht wird, das in den verhetzten Massen nicht gern und kritiklos Glauben findet. Es ist dies alles ja bekannt und schon öfters gesagt worden, aber es mußte hier erwähnt werden, um eine Grundlage für unsere späteren Ausführungen zu gewinnen. Die Juden werden dafür verantwortlich gemacht, was ein Jude gethan oder unterlassen hat; alle Beschuldigungen, die im Einzelfalle wohl berechtigt sind, ergehen gegen die Juden: alles wird aus Tücke oder Unvernunft in einen Tops geworfen. Verblüfft standen anfangs die Juden da unter den Keulenschlägen, die ein blindes Vorurteil hageldicht auf sie herniedersausen ließ; aber als die Feindschaft immer mehr wuchs, als immer heftigere Angriffe auf die Juden erfolgten, da begannen — naturgemäß — die geistig vorgeschrittenen unter ihnen nach deren Gründen zu forschen, und je mehr man nun die Vorwürfe der Antisemiten objektiv prüfte, zeigte es sich, daß gar mancher derselben berechtigt war. Hand in Hand mit dieser Wahrnehmung ging das Bestreben, die gerügten Fehler abzulegen, dies gelang denen, die sich zu dieser Erkenntnis durchgerungen, auch infolge ihrer größeren Bildung ziemlich leicht; aber der große Haufen der Juden, und besonders die auf dem Lande wohnenden, denen höhere geistige Interessen fehlten, sie schimpften nur auf die böseu Antisemiten und fanden alle die erhobenen Anklagen vollständig unwahr und ungerecht — den wahren Kern in den ungeheuerlichen Uebertreibungen erkannten und erkennen sie leider nicht; — sie sahen die ganze Bewegung als eine von Gott geschickte Plage an, die man geduldig ertragen müsse und die schon wieder verschwinden werde, und lebten daher im alten Schlendrian ruhig weiter. Wir harren noch des Dichters, der uns mit lebendiger Kraft die Gefühle schildert, welche die antisemitische Bewegung gerade in den Herzen der Juden iveckte, deren Herz und Geist fest in dem Boden des Landes wurzeln, in dem sie ausgewachsen, dessen Kunst und Litteratur sie mit ihren für alles Gute und Schöne so empfänglichen Herzen tief in sich ausgenommen haben, die alles, was zu des Vaterlandes Wohl beiträgt, fördern möchten, — oh, sie litten und leiden furchtbar durch den Antisemitismus. Mit Hohn und herben Worten sehen sie sich mitleidslos überall zurückgestoßen, nur weil sie Juden sind; jedes hehre Gefühl, jeden hohen Gedanken spricht man ihnen um des willen ab, weil manch' einer, der auch „Jude" genannt wird, unschöne Charaktereigenschaften zeigt. Wahrlich tragisch ist dieser schier verzweifelte Kampf, den der tief und edel empfindende Jude immer und immer wieder um Aiwrkennung seiner Menschenwürde und Menschenrechte führen muß, während die Masse des jüdischen Pöbels die antisemitische Bewegung meist nur materiell verspürt, da sie das schwere Brotverdienen nur noch schwerer macht. Erbitterung und Verzweiselung erfaßte sie, die geistigvornehmen Juden. Sie billigten ja keineswegs die Sünden, die ein Teil ihrer Glaubensgenossen beging, wegen denen sie so viel zu leiden hatten und das Judentum als solches so viele Anfechtungen erdulden mußte. Es entwickelte sich daher allmählich gegen alle, die jene viel getadelten, sogenannten semitischen Stammfehler zeigten, ein erbitterter Haß, der um so heftiger meist emporflammte, je besser der Betreffende es mit dem Teile der deutschen Staatsbürger, die jüdischen Glaubens sind, meinte, gerade weil die Gesamtheit dieser durch das Verschulden einiger weniger, minderwertiger Gesellen in so furchtbarer Weise angegriffen und bekämpft wurde. So entstand im Judentum eine tiefgehende Spaltung, die immer mehr sich erweitert, da das eigentlich Verbindende: der gemeinsame Glaube, dem weitaus größten Teile der gebildeten Juden im Laufe der Zeit ganz abhanden gekommen ist; sie scheinen nur noch „Juden" zu sein. Denn in ihren Kreisen hat der Atheismus infolge des mangelhaften Religionsunterrichtes am raschesten Boden gewonnen. Ha! wie zürnen sie diesen „Juden", wie verachten sie dieselben! Aber doch hält ein pietätvolles Mitleid mit denen, die vom gleichen wilden Haß zu leiden haben, sie vom letzten Schritt zurück: dem Austritt aus der israelitischen Religionsgemeinde, und wäre nicht der gemeinsame Feind, der alles, was auch nur im entferntesten semitische Abkunft vermuten läßt, bekämpft und zu vernichten bestrebt ist, dem gegenüber also gemeinsame Abwehr geboten erscheint, unaufhaltsam würde sich diese Trennung vollziehen. Begreifen können wir so das Entstehen eines jüdischen Antisemitismus, ihn rechtfertigen können wir aber nicht. Wir müssen daher alle Kräfte daran setzen, dieser doch immerhin sehr traurigen Erscheinung den Nährboden zu entziehen; und das dazu wirksamste Mittel ist geistige und sittliche Hebung der Massen. Wir müssen in den gebildeten Juden das Gefühl für die hohe Verantwortlichkeit wecken, die sie der niedrigstehenden Menge gegenüber haben, sie müssen aufgerüttelt werden aus ihrer trägen Gleichgiltigkeit, mit der sie den leider ja nur vereinzelt sich geltend machenden Bestrebungen zur geistigen und sittlichen Weiterbildung der Juden gegenüberstehen. Denn nur diese vermag dem Antisemitismus im allgemeinen und so auch dem geschilderten seine Grundlage zu entziehen. Religionsunterricht müssen wir vor allem, gleich unseren christlichen Mitbürgern, allenthalben einführen, besonders aber auf dem Lande, wo gerade diese Verhältnisse so entsetzlich im Argen liegen, daß eine sittliche Einwirkung auf die Jugend — doch der Hauptzweck des Religionsunterrichtes und wodurch fast allein eine Besserung der Lage erzielt werden kann, — unmöglich ist. In immer weiteren Kreisen müssen wir der Anschauung den Weg zu bahnen versuchen, zu der sich, trotz Nietzsche, die besten unserer Zeitgenossen wieder durchgerungen: „daß die Erlösung aus dem Kerker des individuellen Seins die vornehmste Aufgabe jedes Menschen sein müsse"; wir müssen die Ueberzeugnng wachrufen, daß es etwas edleres, höheres giebt, als für sich und die Seinen ein sturmgeschütztes Plätzchen zu erlangen, wo man sich geborgen und zufrieden fühlt und mit stolzer Verachtung erfüllt auf die armen Wanderer herabschaut, die den Weg zu der Höhe der geistigen und sittlichen Bildung,

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