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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-05-29 · 22 (29.5.1896) · p. Seite 374

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
22 (29.5.1896)
Date
1896-05-29
Page
Seite 374 (sequence 2)
Language
German
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Seite 374. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 22. Arbeiten ehrlicher, billiger und prompter jüdischer Handwerker der orthodoxen Bevölkerung große Vorteile sichern. Die christliche Bevölkerung des Südwestgebietes endlich wird aus der Emanzipation der Juden deshalb Vorteile ziehen, weil sie in ihren Wohnorten nicht durch arme Juden beengt werden wird, welche die Regierung der redlichen Mittel zum Lebensunterhalt beraubt. In unserer Forderung nach Emanzipation der Juden bestärken uns die Wissenschaft und die Erfahrung der europäischen Staaten. Die Geschichte Spaniens, Portugals, Frankreichs, Englands, Deutschlands und Hollands beweist zur Genüge, welchen Schaden die Beschränkung der Rechte der Juden anrichtete und welcher Nutzen das Ergebnis der Emanzipation der Juden war. Holland hat zuerst die Gleichberechtigung der Juden proklamiert und die Judenbedrückung, diese Schmach des Mittelalters beseitigt, die Inden haben sich dort durch Vervollkommnung der Wissenschaften und der Künste, durch Hebung von Handel und Industrie und durch Vermehrung des Volkswohlstandes dankbar erwiesen. Und so sehen wir denn, daß Wissenschaft und Erfahrung, Interessen der Regierung, des Reiches und der orthodoxen Bevölkerung laut die Emanzipation der Juden fordern." In gleicher Weise trat Graf Stroganow, der damalige Generalgouverneur des Noworossijsk-Gebietes, in seinem Gutachten für die Emanzipation der Juden ein. So beschaffensind also die Aktenstücke, welche die Judenfeinde in Rußland als „Kundgebungen gegen die russischen Unterthanen mosaischer Konfession" hinstellen wollten. Eine größere Entstellung der Wahrheit kann man sich kaum vorstellen. Die aus halbvergangener Zeit herrührenden Aktenstücke enthalten durchgehends beredte Stimmen für die Rechtsgleichheit der Inden. Jüdischer Antisemitismus. Sie klingt wohl sehr paradox diese Ueberschrift, und sie mag bei manchem Leser ein ungläubig - spöttisches Lächeln Hervorrufen; „Jüdischer Antisemitismus"! ^Zst es nicht ein Widerspruch in sich? Eigentlich ja; und doch wieder nicht, wenn wir näher zusehen, was das gewählte Schlagwort sagen will, nämlich: es existiert dasjenige, was wir mit „Antisemitismus" bezeichnen, auch bei Juden. Eine auffallende, merkwürdige Thatsache; dem Psychologen hochinteressant und leicht erklärlich. Freilich hört man in der Oeffentlichkeit fast nie etwas davon; den Mut hat selten einer, die nackte Wahrheit zu sagen: „Auch ich, der Jude,' bin Judenhasser, stehe auf dem gleichen Standpunkt wie die Antisemiten; ja ich gehe in manchen Dingen noch weiter als diese!" Nur im vertrauten Gespräche mit Gleich- oder Aehnlichgesinnten werden solche Worte laut, und gerade in den Kreisen der wirklich gebildeten Juden sind diese Ideen verbreitet, und leider in ausgedehnterem Maße als man denken sollte. Warum? Wieso? Je nun, in den folgenden Zeilen soll versucht werden, eine erklärende Antwort zu geben. Zweck und Absicht dieser Zeilen ist es nicht, diesen eigentümlichen Zug unserer Zeit genau zu analysieren; nur das Hauptsächlichste soll beleuchtet, eine Erklärung desselben versucht werden. Am 3. Juli 1869 wurde vom Gesetzgeber des Norddeutschen Bundes die Gleichberechtigung aller Konfessionen verkündet und dieselbe bei Begründung des deutschen Reiches dann auf dessen ganzes Gebiet ausgedehnt; vor allem kam sie uns Juden zu Gute. Wir waren nun endlich auch vor dem Gesetze denen gleich, mit welchen wir schon Jahrhunderte lang ein Land beivohnten, dessen Schicksal wir mit ihnen in Freud und Leid teilten; erst dadurch wurden wir in Wirklichkeit deutsche Staatsbürger. Als so die rechtlichen Schranken gefallen waren, die das Mittelalter für uns aufgerichtet, der alte Bann von uns genommen war — mit welcher Begeisterung suchten da die besten der deutschen Juden ihr Bestes dankbar dem Vaterlande zu weihen! Sie gingen darin auf, seinen Interessen allenthalben zu dienen, immer tiefer nahmen sie deutsche Kultur in sich aus, verarbeiteten sie, machten mehr noch als zuvor deutsche Bildung sich zu eigen. Die lange Unterdrückten und Verachteten waren „gleichberechtigt"; allein wie mancher Jude mag damals in bitterer Erinnerung an vergangene Zeiten geseufzt haben: „Die Botschaft hör' ich wohl, allein mir fehlt der Glaube". Die Jahrhunderte lange Knechtschaft hatte einen großen Teil der Juden der nötigen geistigen und körperlichen Elastizität beraubt, um alsbald ein neues Leben beginnen, und ihre Kinder sofort im Geiste der neuen Zeit erziehen zu können; sie behielten ihre alte, einstens ihnen aufgezwungene und nun gewohnte Lebensführung bei..— Sind wir Juden doch auch nur Menschen! Die siebziger Jahre brachten für kurze Weile einen rapiden wirtschaftlichen Aufschwung, dem eine noch heute andauernde Periode des wirtschaftlichen Niederganges folgte. Dafür, und noch für manches andere Unangenehme, das die Zeitläufte brachten, mußte ein Sündenbock gesucht werden; er fand sich in den Juden. Denn die Hoffnungen, die man auf ihre „Emanzipation" gesetzt, sie fanden sich ja nach kaum 10 Jahren noch nicht verwirklicht; die Wunden, die mehr denn ein Jahrtausend geschlagen, sie wollten in einem Jahrzehnt nicht heilen, und weil mancher Jude die kaum gewonnene Freiheit nicht recht zu benutzen verstand, weil die Juden, denen von der Gesetzgebung einer früheren Zeit der Handel als ausschließliche Domäne zur Gewinnung ihres Lebensunterhaltes zugewiesen worden war, gemäß ihrer großen Sparsamkeit nun über Geldmittel verfügten, die so die wirtschaftliche Lage anfangs der siebziger Jahre nützen konnten und auch durch Fleiß und Vorsicht das Gewonnene zu erhalten und zu vermehren verstanden, als die Verhältnisse allgemein ungünstige wurden — deshalb kommt alles Unglück unserer Zeir von ihnen her. Ha! Wahrlich, eine zivingende Logik für jeden „Denkenden" (und die Deutschen sind ja das „Volk der Denker"), sofort einleuchtend in einer Zeit der größten sozialen Gegensätze, wo auf allen Gebieten das Alte in Trümmer zu sinken beginnt, wo man jedoch das, was an seine Stelle treten soll, noch nicht klar erkannt, in einer Zeit des „Versuchens", sich und seinem Nachbar aber von der gewaltigen Entwicklung der Dinge, von der Erleuchtung der Geister von heutzutage vorfaselt, und mächtig darauf stolz ist. Und doch.Brechen wir hier lieber ab! Wie bequem waren da die Juden; alle Schuld konnte man ihnen wieder ausbürden; seit Jahrhunderten waren sie ja daran gewöhnt, und dann, sie sind ja auch so geduldig! —

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