Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 21 (22.5.1896)
- Date
- 1896-05-22
- Page
- Seite 370 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 370. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 21. sellschaft, kurz überall mit dem Finger? Giebt man ihm gern seine Tochter, heiratet man gern die seine? Der Name Jude ist stets ein Schimpf, der sich nur mit viel Geld, viel Talent, oder viel Kenntnissen fortwischen läßt. Und so lange der Name Jude ein Schimpf bleiben wird, so lange werden unsere Kinder, die auf der Schule ihre israelitische Nationalität verloren haben, mit den Sozialisten, mit den Nihilisten gehen." Es trat eine Pause ein. (Schluß folgt.) Hier und dort. £ Berlin, 17. Mai. Heute Vormittag 11 Uhr fand die Einweihung des neuen Lehrlingsheims in Pankow, Mühlenstraße 20, unter zahlreicher Beteiligung statt. Der Vorsitzende des Kuratoriums, Stadtrat Dr. Weigert, erläuterte der Versammlung den Zweck des neuen, vom Verein zur Beförderung des Handwerks unter den Juden im preußischen Staate (gegründet 1813) angelegten Heims. Die Zöglinge, unter denen alle Berufsarten vertreten sind, Elektrotechniker, Klempner, Buchbinder, Tapezierer, Lithographen, Schriftsetzer, Uhrmacher u. s. w., werden durch ihre Thätigkeit selbst die Zweckmäßigkeit des Lehrlingsheims zu beweisen haben. Im ganzen befinden sich in der Pflege des Vereins 110 Lehrlinge, die während ihrer Lehrzeit durch Inspektoren beaufsichtigt und unterstützt werden. Von diesen konnten bisher erst 20 im neuen Lehrlingsheim untergebracht werden. Das neue Gebäude verfügt über gut ausgestattete Arbeitssäle und bietet Raum für 50 Zöglinge. * Berlin, 17. Mai. Die Liste der Bade- und Luftkurorte, die vom Antisemitismus infiziert sind, sei hier um einen Namen bereichert: In Groß-Tabarz in Thüringen befindet sich ein Hotel, das „Schießhaus" genaunt. dessen Wirt im vorigen Sommer durch ein großes Plakat angezeigt hat, daß er keine jüdischen Familien aufnimmt. Berlin, 17. Mai. Ueber 200 polnisch-russische Juden trafen am letzten Donnerstag aus Rußland von Eydtkuhnen hier ein, um über Hamburg und Bremen nach New Jork zu gehen. Sie sind für ein großes industrielles Unternehmen in der Nähe von New Jork verschrieben worden. £ Berlin, 20. Mai. Eine Störung des Gottesdienstes versetzte am Montag Morgen die Beter, in der Synagoge Lindenstraße in lebhafteste Erregnng. Während Rabbiner Dr. Stier die Festpredigt hielt, erhob sich plötzlich ein Mann aus der Gemeinde, um mit wüsten Worten, wie „Schweigen Sie!" „Lassen Sie mich reden!" „Das ist nicht wahr", „Der Mann geht zu weit" u. s. w., den Prediger zu unterbrechen. Man entfernte den Irrsinnigen, denn mit einem solchen hatte man es augenscheinlich zu thun, aus dem Gotteshause, worauf der Gottesdienst seinen nngestörten Fortgang nahm. O Berlin, 20. Mai. Heute öffnet eine neue Abteilung der Berliner Gewerbe - Ausstellung ihre Pforten. In der Spezial-Ausstellung Kairo hat eine Ausstellung der jüdischen Kolonien in Palästina ihren Platz gefunden. In einer Weinstube kann man dey Wein, den jüdische Bauern im heiligen Lande gebaut und gekeltert haben, kosten und sich davon überzeugen, daß Rot-, Weiß- und süßer Wein, ganz besonders aber Cognac den entsprechenden Sorten an Rhein- oder Bordeaux-Weinen rc. vollständig gleichwertig sind, sie zum Teil an Güte, faßt immer an Wohlfeilheit übertreffen. In einem Ausstellungsraum findet dann der Besucher die anderen Produkte des heiligen Landes aufgestellt, verschiedene Getreidearten, Honig, Oel, Seide in Cocons und im Faden, allerlei wohlriechende Essenzen und Oele, sogar dort fabriziertes Eau de Cologne. Außerdem sind die Erzeugnisse jüdischer Handwerker in Jerusalem, Schnitzereien in Olivenholz und Steinarbeiten, zum Verkaufe ausgestellt, und eine Menge Photographien aus dem heiligen Lande zeigen uns die denkwürdigen Stätten ruhmreicher Vergangenheit, wie die Plätze, auf denen die heutigen Juden wieder den Boden ihrer Väter bebauen. Sicher ist diese Ausstellung für jedermann, ganz besonders aber für jeden Juden hochinteressant, und wer zur Ausstellung nach Berlin kommt, wird nicht verfehlen, sie aufzusuchen. S* Aus Westpreußen, im Mai. Merkwürdige Spezialisten der Langfingerzunft treiben seit einiger Zeit in unserer Provinz ihr Unwesen. Dieselben haben sich darauf verlegt, in die Synagogen einzubrechen und zu stehlen, was irgendwie wert ist, mitgenommen zu werden. So wird aus Schwetz gemeldet, daß in der Nacht zum Montag auch in die dortige Synagoge eingebrochen worden ist und daß die Spitzbuben die Armenbüchse ihres Inhalts, der etwa 6 Mark betragen haben mag, beraubt haben. Es ist dies binnen wenigen Wochen der vierte Synagogeneinbruchsdiebstahl in der Provinz Westpreußen. X Danzig, 15. Mai. Die Gründung eines Vereins jüdischer Lehrer und Religionslehrer Westpreußens steht bevor. Ein Ausschuß, dem die Herren Brann-Dt. Krone, Geisenberg- Marienwerder, Jaffö - Dt. Krone und Schreiber-Danzig angehören, ladet sämtliche jüdische Lehrer der Provinz zum 24. und 25. Mai zu einer Versammlung nach Danzig ein, in der die Sache in Fluß gebracht werden soll. — Am selben Tag wird in Stettin der im Regierungsbezirk bestehende Bezirksverein in einen Provinzialverein für Pommern umgestaltet. w. Aus der Provinz Posen, 17. Mai. Am 18. Juni feiert Herr Lehrer emer. M. Spiewkowski in Samotschin die goldene Hochzeit. Diese Nachricht wird sicher die große Zahl seiner ehemaligen Schüler sehr interessieren, umsomehr als es auch zugleich 25 Jahre sind, daß Herr Sp. das Ehrenamt eines Mohel in Samotschin und Umgegend ausübt. Fast 50 Jahre lebt Herr Sp. in Samotschin, und davon war er 45 Jahre lang als Lehrer thätig. Kein Wunder, daß er von allen Gemeindemitgliedern, alt oder jung, hoch und niedrig, sehr verehrt wird. Er verstand es aber auch, vermöge seines vielseitigen Wissens und außerordentlichen pädagogischen Geschicks sich ein Ansehen zu verschaffen, das nur wenige Lehrer genießen. Auch die Regierung erkannte seine Thätigkeit an, indem sie ihn schon vor sehr langer Zeit dekorierte und ihm zu wiederholten Malen außerordentliche Gratifikationen ge-