Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 21 (22.5.1896)
- Date
- 1896-05-22
- Page
- Seite 369 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 21. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 369. Nr. 21. ihnen Verstand gegeben, nd nun sucht der junge en; er sucht mit seinem empfindet es in diesem : überall ein Fremder ist, risten. Von dem Unrecht, Gebauten zu'dem Unrecht migen, die fich in seiner us dieser Erde umerdrückt ilt er es sür seine Pflicht,! alle Unterdrückten;u er-- m nichts thun; man kann psen. Wem sollte er nun oll er leben? Ich habe es tsanwalt, es giebt keine i zu kehren und keinen, er geht er zu den andern, mit meinem Sohn im Ge- Sozialisten, die Nihilisten in die Hände und schwieg, s ien Körper. Mehrere Mi- . ergriff der Staatsanwalt j statten Sie, Abraham, Sie j1 ganz richtig ist. Nehmen! allsten nicht ausgesucht, sie! s lehr er hat sie zu sich herbs das Haupt der ganzen : j blitzte von neuem in den da er mit ihnen ging, ist r [lüget itttb unterrichteter * H itimine und fuhr, unruhige | .Entschuldigen Sie, Herr Jf daß mein Söfjn der Än- § und glaube es auch nicht, jf ommen; mit [preßen niäjt oit fpadjcn von bet i§tae-- fie waten intelligent, sie tgebwißen bie Führer/ genb getabe bie Sojialiften Was fie verpaufe finb. netaben gu bet §lel' fie fjitaeliten iin§, ob man ' / Tn befennft w. . efißejt gat leine Migionf lummem fiel) nidjt batum. fie @tjie()iing unb leben, was 1mrt Nun, fe, Poledie Religion Geld; bei den Nihilisten sind sie nicht nur mit den andern gleichberechtigt, sie sind die ersten. „ Man setzt sie nicht vor die Thür, man wendet ihnen nicht den Rücken, man läßt sie nicht fühlen, daß sie nur geduldet sind; man sucht sie, sie sind die ersten.Herr Staatsanwalt, Herr Staatsanwalt, betrachten sie das alles, bedenken Sie, daß Sie es noch dazu mit jungen Leuten zu thnn haben, und Sie werden begreifen, warum sie mit den Sozialisten gehen." Der Staatsanwalt schüttelte mit ungläubiger Miene den Kopf und sagte: „Ich gebe zu, daß die Erziehung, die Sie Ihren Kindern angedeihen lassen, dazu beiträgt, sie von der israelitischen Gesellschaft, von dem Milieu, in dem ihre Eltern leben, zu trennen. Ich gebe zu, daß sie sich einer schlechten Gesellschaft in die Arme werfen, da eine andere sie nicht anfnehmen will. Aber iniviefern, sind wir, wir Christen dafür verantwortlich, daß das geschieht? Sie sagten soeben, die Schuld hätten Sie und wir." „Ich habe das nicht gesagt, Herr Staatsanwalt, oder ich hatte wenigstens nicht die Absicht, es zu sagen. Wir sind nicht die Schuld, aber wir sind die Ursache." „Also gut, sagen wir die Ursache. Wieso sind wir die Ursache, wir Christen?" „Herr Staatsanwalt, blicken Sie um sich; betrachten Sie aufmerksam, nicht nur die Oberfläche, nein, auch den Grund der Dinge. Was sehen Sie? Man sagt, man hat den Israeliten Rechte eingeräumt, sie könnten Güter besitzen und Handel treiben und unsere jungen Leute fänden, wenn sie von der Universität kämen, öffentliche Stellungen." „Nun, und sind das nicht bedeutende Rechte? Denken Sie doch an die alte Zeit, Abraham. Sie sind alt und können sich noch erinnern, wie es vor fünfzig Jahren war. Vergleichen Sie doch Ihre Lage von damals mit Ihrer jetzigen, und sagen Sie mir, ob die Israeliten nicht ungeheure Rechte erworben haben, sowohl, was den Großbesitz als auch den Handel und die öffentlichen Stellungen anbetrifft." „Gewiß, Herr Staatsanwalt, gewiß, das sind ungeheure Rechre. Ich erkenne es an nnd segne die, die sich erinnert, daß wir auch Menschen sind, und sich bemüht haben, uns den andern gleich zu stellen." Der Greis erhob die Hände gen Himmel, und fuhr fort: „Wer sollte nicht anerkennen, daß das ungeheure Rechte sind. Die alten Leute erinnern sich noch anderer Zeiten, schlechter Zeiten; sie haben sie selbst gesehen, sie haben sie selbst mitgemacht; die jungen Leute könne» aus Büchern ersehen, wie es in den alten Zeiten zugegangen ist oder sie können es von den alten Leuten erfahren; glauben Sie mir, wir haben diese Zeiten nicht vergessen." „Und um der Regierung, welche diese Verhältnisse verbessert hat, ihre Dankbarkeit zu beweisen, arbeitet Ihre Jugend gegen sie?" „Leider, Herr Staatsanwalt. Wer erkennt nicht an, daß wir, im Vergleich zu unseren früheren Rechten, heutzurage ungeheure besitzen? Aber nur die Greise empfinden den Wert dieser Rechte. Und wenn man gerecht sein will, so können auch nur sie ihn fühlen." „Ich verstehe Sie nicht recht." „Die Sache liegt doch ganz einfach, Herr Staatsanwalt. Unsere Kinder — im besonderen die Kinder wohlhabender Leute — haben diese Zeiten nie kennen gelernt, sie haben die schwere Last jener Tage nie empfunden; sie haben davon sprechen hören, sie haben Bücher gelesen, in denen davon die Rede war; aber kann ein satter Mensch Hunger haben, kann ein gesunder Körper leiden, kann jemand in einem warmen Zimmer frieren? Wir Greise, die wir die Dinge mit unseren Augen gesehen, die wir selbst darunter gelitten haben, wir können die Gegenwart mit der Vergangenheit vergleichen; wir verstehen nicht nur den Unterschied, wir fühlen ihn und segnen Gott und die Regierung dafür. Aber unsere Kinder! Sie kennen nur vom Hörensagen den Unterschied, der zwischen der Lage der Israeliten von heute und der vor fünfzig Jahren besteht, aber sie fühlen, Herr Staatsanwalt, den Unterschied, zwischen ihrer Lage und der ihrer christlichen Kameraden, die in denselben Gymnasien erzogen sind und auf denselben Bänken wie sie gesessen haben. Sie fragen mich, Herr Staatsanwalt, inwiefern die Christen bei alledem beteiligt sind? Insofern, daß sie unseren Söhnen die Thür geöffnet haben, damit sie unsere Kreise verlassen können, und ihnen doch nicht gestatten, in die ihrigen zu treten, außer, wenn sie die Religion ihrer Väter abschwören, ein bedeutendes Vermögen besitzen oder große Künstler und Gelehrte sind. Und dann handelt es sich auch noch um etwas anderes." Abraham senkte den Kopf und schwieg; dann fuhr er nach längerer Pause fort: „Man hat uns Rechte, viele Rechte gegeben. Haben Sie die Güte, Herr Staatsanwalt, und untersuchen Sie, was aus diesen Rechten erfolgt. Wenn die Israeliten ihre Studien auf der Universität beendet haben, so können sie in die Armee eintreten: es giebt kein Gesetz, das sie daran hindert; man hat uns alle Rechte gegeben. Aber sagen Sie selbst, Herr Staatsanwalt, giebt es in unserem ganzen Heere einen jüdischen Offizier, der nicht getauft wäre? Sie werden mir antworten, die Israeliten sind nicht tapfer, sie haben keine militärischen Talente. Warum sollten sie denn nicht tapfer sein? Ich will Ihnen unter den Israeliten viele ausgezeichnete, tapfere Soldaten zeigen. Ist es etwa die Taufe, die dem Menschen Mut verleiht? Betrachten Sie nun den Beamtenstand und zeigen Sie mir einen hohen jüdischen Würdenträger, der nicht getauft ist. Sie werden mir sagen, die Israeliten seien untüchtig? Sie wissen selbst, Herr Staatsanwalt, daß es unter uns unterrichtete, gebildete Leute giebt, die ebenso viel leisten können, wie die Christen. Betrachten wir ferner die bürgerlichen Rechte; nun, könnte mein Sohn Ihre Tochter heiraten, oder Ihre Tochter meinen Sohn, ohne die Religion zu wechseln?" „Sie denken also, daß das Gesetz oder die Regierung." „Nein, Herr Staatsanwalt," beeilte sich Abraham zu sagen und warf einen mißtrauischen Blick aus sein Gegenüber; „ich spreche nicht von dem Gesetz und der Regierung . . . . Ich weiß, was die Regierung für uns gethan hat. Ich sage nur, das Gesetz mag noch so oft die Ehen zwischen Christen nnd Israeliten gestatten, sie.fl sie die Gesellschaft deshalb gern? Würden die Herren Offiziere einen jüdischen Kameraden in ihre Kreise anfnehmen? Zeigt man nicht selbst auf den getauften Juden, im Heere, in der Verwaltung, in der Ge-