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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-05-22 · 21 (22.5.1896) · p. Seite 368

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
21 (22.5.1896)
Date
1896-05-22
Page
Seite 368 (sequence 12)
Language
German
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Seite 368. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 21. unser Geld, unser Vermögen. Dieses Geld, das dem Juden Stellung und Macht giebt, er sah es nicht einmal an. Alles war ihm fremd geworden in seiner eigenen Familie; und doch konnte er sie nicht verlassen, denn er besaß nichts, wohin er hätte gehen können. Seine Kameraden hatten ihr Vaterland, ihre Nation, von der sie die Schule nicht getrennt hatte. Er hatte kein Vaterland. Seine christlichen Kameraden hatten eine Familie, und ihre Erziehung harte sie noch enger an dieselbe geknüpft; ihn hatte die Schule von seiner Familie getrennt. Seine Kameraden hatten eine Gesellschaft, in der sie geboren waren, in der sie vor ihrem Eintrit ins Gymnasium gelebt hatten, und in der sie nach Beendigung ihrer Studien wieder lebten. Ihn, den Juden, hatte das Gymnasium von der Gesellschaft, in der er bis dahin gelebt, getrennt, hatte ihm aber dafür keine neue gegeben.Seine christlichen Kameraden haben die Karriere ihrer Eltern vor sich, sie konnten in den Staatsdienst eintreten oder irgend eine andere Beschäftigung ergreifen. Für ihn giebt es keine Staatskarriere, und die Beschäftigung seines Vaters und seines Großvaters ist nicht die seine; er mochte sie nicht. Sie werden mir sagen, Herr Staatsanwalt, die Israeliten hätten heutzutage dieselben Rechte, wie die Christen, aber Sie wissen selbst, ebensogut wie ich, wie es damit bestellt ist: Damit ein Israelit, ohne daß er seine Religion abschwört, ohne daß er seine Voreltern und seinen eigenen Vater und seine Mutter vergißt, ohne daß er seine Vergangenheit leugnet, in Ihre Gesellschaft ausgenommen wird, muß er Geld haben, viel Geld." „Das ist nicht richtig, Abraham. Wie viele Künstler, Musiker, Gelehrte, Schriftsteller israelitischen Ursprungs verkehren in der Gesellschaft und leben in völliger Gleichberechtigung mit den Christen!" „Jawohl, Herr Staatsanwalt, das ist wahr; aber die Leute, von denen Sie sprechen, sind gottbegnadete Menschen, große Künstler, große Gelehrte. Doch selbst unter diesen verlassen schließlich viele den Glauben ihrer Väter und trennen sich von ihren Glaubensgenossen. Wenn sie es nicht thun, so thun es ihre Kinder. Aber die andern, die Masse, die weder ein großes Vermögen, noch ein großes Talent besitzen, befinden sich, wenn sie die Schule verlassen, wie in einer Sackgasse; es giebt keine mögliche Rückkehr zu den Ihren, kein Weg, der sie zu den andern führt. Und doch müssen sie leben; die Jugend will leben. Sie brauchen nicht zu arbeiten, um zu essen; wir haben dafür gesorgt, daß sie zu essen haben; und so leben sie, ohne Geschäfte, ohne zu denken, ohne ... ich weiß nicht, wie ich es nennen soll." „Ohne Streben?" „Nein, entschuldigen Sie, das wollte ich nicht sagen." „Ohne Zweck, ohne Ziel?" „Ja, ganz recht, ohne Ziel. Ein junger Mensch kann nicht ohne Ziel leben. Er ist jung, sein Blut ist feurig, er ist intelligent, es wirbelt in seinem Kopse von Ideen, er ist unterrichtet, oft ist er sogar unterrichteter und intelligenter, als seine christlichen Kameraden ... Nehmen Sie es nicht übel, ich wollte Sie nicht verletzen." „Ich fühle mich durchaus nicht verletzt." „Was ich sage, darf Sie nicht beleidigen, aber sehen Sie selbst. O unsere Jugend, unsere Kinder! (Der Greis erhob stolz sein Haupt.) Gott hat ihneu Verstand gegeben, und sie haben etwas gelernt. Und nun sucht der junge Mann irgend etwas zu vollbringen; er sucht mit seinem Kopfe und seinem Herzen; und er empfindet es in diesem Herzen wie einen Schimpf, daß er überall ein Fremder ist, unter den Seinen und unter den Christen. Von dem Unrecht, das ihm widerfahren, geht er im Gedanken zu'dem Unrecht der andern, zu dem Unrecht derjenigen, die sich in seiner Lage befinden, zu allen, die sich auf dieser Erde unterdrückt und mißhandelt glauben. Nun hält er es für seine Pflicht, alles Unrecht zu rächen und sich für alle Unterdrückten zu erheben. Aber ein Mann allein kann nichts thun; man kann nicht allein gegen eine Masse kämpfen. Wem sollte er nun seine Ideen mitteilen? Mit wem soll er leben? Ich habe es Ihnen bereits gesagt, Herr Staatsanwalt, es giebt keine Möglichkeit, zu den Seinen zurück zu kehren und keinen. Weg, der zu den Ihren führt; daher geht er zu den andern, zu ihnen." „Was heißt das „zu ihnen?" „Das sind die Leute, die sich mit meinem Sohn im Gefängnis befinden, die Sie die Sozialisten, die Nihilisten nennen." Der Greis stützte das Haupt in die Hände und schwieg. Ein leichtes Zittern durchfuhr seinen Körper. Mehrere Minuten herrschte Schweigen, dann ergriff der Staatsanwalt wieder das Wort und sprach: „Gestatten Sie, Abraham, Sie haben eben etwas gesagt, was nicht ganz richtig ist. Nehmen wir Ihren Sohn; er hat die Sozialisten nicht aufgesucht, sie sind zu ihm gekommen; oder vielmehr er hat sie zu sich herangezogen und verführt, er war das Haupt der ganzen Gruppe." Eine Art freudigen Stolzes blitzte von neuem in den Augen des Greises auf. „Ja, vDn dem Augenblick an, da er mit ihnen ging, ist er ihr Anführer geworden, weil er klüger und unterrichteter war, weil er Geld besaß." Der Greis stockte, senkte die Stimme und fuhr, unruhige Blicke um sich werfend, fort: „Entschuldigen Sie, Herr Staatsanwalt, Sie haben gesagt, daß mein Sohn der Anführer wäre; ich weiß nichts davon und glaube es auch nicht, ich sprach nur im allgemeinen." „So habe ich es auch ausgenommen; wir sprechen nicht von Ihrem Sohn im besonder«, wir sprechen von der israelitischen Jugend. Sie sagten also, sie wären intelligent, sie hätten Erziehung und Vermögen." „Und deswegen werden sie notgedrungen die Führer." „Aber warum sucht Ihre Jugend gerade die Sozialisten auf?" „Warum? weil sie dort zu Hause sind. Was sie verhindert, wie ihre christlichen Kameraden zu leben, was sie überall und in allen Dingen von der Gleichberechtigung mit den Christen ausschließt, ist, daß sie Israeliten sind. Nun, bei den Nihilisten ist das alles eins, ob man Russe, Pole, Deutscher oder Israelit ist. Was! Du bekennst die Religion Moses? Das thut nichts. Du besitzest gar keine Religion? Das thut nichts; die Nihilisten kümmern sich nicht darum. Uusere Kinder sind intelligent, sie besitzen Erziehung und . \ >M

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