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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-05-22 · 21 (22.5.1896) · p. Seite 367

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
21 (22.5.1896)
Date
1896-05-22
Page
Seite 367 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 21. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 367. zusammen. Meisterhaft ist dann die Schilderung eines Kirchweihmorgens; vorn an der Straße die Meßbuden der Juden, Stand an Stand, drinnen auf der Kanzel ein „fremder Pfaff", der gegen die „falschen und blutdürstigen" Juden donnert; hinter der Kirche auf dem Anger allerlei Volk beim Branntwein des Heiligegeist-Wirtes. Der braune Hammerherr ist auch nicht müßig; er streicht von Gruppe zu Gruppe und spricht von Kindermord und Brunnenvergiftung; vom Wirt läßt er sich eine Hostie reichen, die er vorher mit seinen Schmiedsnägeln durchstochen hat, und seine Rede paßt gut zu der Predigt des eifernden Priesters, die aus den Kirchenfenstern herübertönt. Etwas weniger glücklich ist Rosegger, wie er an die Versammlung der Juden im Bethaus kommt. Er heißt den Platz vor der heiligen Lade „Bimah", und der alte Rabbi steigt bei ihm entblößten Hauptes im rötlich (!) schimmernden Talar hinauf. Doch steht neben diesen kleinen Unrichtigkeiten ein Zug feiner Beobachtung; im jüdischen Gotteshause schwinden alle Unterschiede von Stand und Vermögen, und es sind bemerkenswerte Worte, die der christliche Dichter spricht: „Reich und arm war beisammen, aber der Bündeljude bezeigte dem hochfahrenden Kaufmann wenig Respekt, und der Kaufherr behandelte den niedrigsten seines Stammes wie seinesgleichen." Die Gründe der Hetze in Jdunburg sind sehr weltlicher Natur; ihren religiösen Namen bekommt die Sache aber doch. Jener Mönch hat auf der Kirchweih nicht umsonst so feurig gegen die Festentheiligung an den jüdischen Buden gesprochen; daß sein Kloster über und über den Juden verschuldet war, machte nichts aus; höchstens verlieh es seiner Streitrede für die gefährdete Religion ganz besondere Kraft. Die Jdunburger beginnen auch fromm zu werden mitten in ihrem Haß; überall betet man einen Segen gegen die Juden, ein Stoßgebet für die „Feindesschlacht". Rosegger giebt diesem „Traktätlein" kein Wort Kommentar; es würde seine Wirkung auch nur schwächen; ich weiß kein anderes Denkmal religiöser Verfolgungssucht, in dem sich der blinde, blöde Glaubenshaß erschreckender offenbarte als in diesen wenigen Zeilen; keinen blutigeren Hohn des Schicksals, als die Vereinigung der heiligsten Worte, die die beiden Religionen der Menschenliebe kennen, zu Fluch und Verwünschung im Munde einer raubgierigen Rotte. Hier reden die Thatsachen laut genug; an anderen Stellen legt der Dichter seine Gedanken einer seiner Personen in den Mund, dem Petrus, einem alten Bettler, der während der schwülen Stille vor dem Sturm in den Straßen sein Wesen treibt. Er ist früher Einsiedler gewesen; ein Philosoph ist er geblieben, wenn auch nur ein cynischer, und oft muß er auf seinen Krücken davonhumpelu vor der Rache der Leute; denn seine Worte sind bitter und wahr. Dem Schmied verdirbt er die ganze, schöne Komödie mit der Hostie: „Untergang den Juden!" äfft er ihm nach; „aber nicht, weil sie unseres Stammes nicht sind und unseres Glaubens nicht. Wir blümeln das dem Volk nur vor, damit wir Gott und Vaterland zum Schlachtgeschrei machen können-. Weil sie klüger sind als wir und wir vielleicht stärker als sie, darum wollen wir sie erschlagen!" Auf solche Reden hin muß der Alte wieder flüchten. Im Gebirge findet er bei einem Hirten Obdach, und dem gegenüber spricht er des Dichters Stellung in der Judenfrage deutlich aus. Es sind veraltete, oft widerlegte Beschuldigungen und Vorwürfe, die da zu Gunsten der Juden abgethan werden; aber wer sich an gewisse moderne Wiener Predigten erinnert, wird die Berechtigung dieser Apologie begreifen und nicht darüber lächeln, wenn der Hirt und der Bettler in ihrem Dialog über die Toleranz zu dem Satze kommen: Hilf deinem Nächsten, auch wenn er ein Jude ist. — Am Tage nach der Mordnacht hinkt der alte Petrus über die Brandstätte. Die Juden sind erschlagen; aber auch ihre Feinde. Nur der Schmied lebt noch; ihm hat ein geschleuderter Feuerbrand beide Augen vernichtet. Der Bettler steht vor ihm. „Sei christlich, Petrus," murmelte der brauue Schmied. „Wohl, wohl," versetzte der Petrus, „für euch wollt ihr imnler was Christliches. Was habt ihr denn für andere? -Blind wäret ihr schon lange, sonst hättet ihr sehen müssen, wohin euer Eifern und Treiben führt.- Ich sage euch was: die Welt ist voll von Wesen, die sich nicht leiden mögen. Allerhand Nachbarn, Völker, Stämme, Religionen. Ein wenig schüren, ein wenig reizen, ein wenig hetzen, was ist das? Nichts ist das — ja wartet nur, es ist was!-Und erst gar, wenn sich mehrere und viele zusammenthun. Zuerst nur Abneigung; hernach Feindschaft, Verdächtigungen, Verleumdungen, hernach Rachepläne, Raubgier, Mord-." * * * Indem ich diese Zeilen schreibe, durchläuft die Presse die Nachricht von einem neuen antisemitischen Totschlag in Wien, der auf offener Gasse, am Hellen Tage verübt wurde. — Das Schüren, Reizen und Hetzen hat Wien hinter sich; es ist jetzt in die Phase der Feindschaft, der'Verdächtigungen, der Rachepläne eingetreten. Ob das Letzte, der Mord, wirklich noch kommen wird, um der modernen Großstadt vom Ende des neunzehnten Jahrhunderts das Bild des unglücklichen Jdunburg auch in seinen letzten, furchtbaren Konsequenzen aufzudrücken? Damm....! Von Saltikow-Schtschedrin. (Fortsetzung.) (Nachdruck vcrboten.) „Wie, Abraham, ich glaubte Sie seien gegen die Schulen, gegen den Unterricht?" „Nein, Herr Staatsanwalt, nein, Herr Staatsanwalt, ich bin üicht gegen den Unterricht. O die Wissenschaft! Sie ist das größte aller Güter, der Anfang und die Quelle alles Lebens! Ich meine nur, Herr Staatsanwalt, mit dem Tage, da mein Sohn ins Gymnasium gekommen ist, hat er den ersten Schritt nach dem Gefängnis gethan, in dem er sich jetzt befindet." „Weshalb?" „Weil er sich im Gymnasium und später auf der Universität des Glaubens und der Gedanken seiner Väter entschlagen hat. Als er nach Beendigung seiner Studien zu uns zurückkehrte, war ihm alles fremd: unsere Religion, unsere Gewohnheiten, unsere Geschichte, unsere Gedanken, alles, selbst

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