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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-05-22 · 21 (22.5.1896) · p. Seite 366

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
21 (22.5.1896)
Date
1896-05-22
Page
Seite 366 (sequence 10)
Language
German
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Seite 366. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 21. mungslustiges, fleißiges und patriotisches Element der Bevölkerung. Sie sind aufmerksame Beobachter aller Gesetze, unterstützen die Bedürftigen und Armen und sind, mit einem Worte gesagt, ausgezeichnete Bürger." Gouverneur Mercill aus Kansas erklärt: „Was den Charakter der Juden und ihren gegenwärtigen Standpunkt in unserem Staate anbetrifft, so kenne ich sie nur als ordentlich, loyal, fleißig, mäßig und genügsam, wie nur irgend eine andere Klasse der Bevölkerung in unserem Staate". Feuilleton. Rosegger, -er „Iudenhaffer". Von X. Iard. „ ... Es herrschten und machten sich breit Des Rassenkampfs wilde Gewalten, Die Tiere in Menschengestalten, Es war eine häßliche Zeit." Rosegger. Wer heute den Parlamentsbericht verstimmt bei Seite wirst und nach irgend einem belletristischen Buche greift, um sich zu zerstreuen, dem mag es leicht passieren, daß er im Mantel der Erzählung dieselbe Anschauung, denselben Parteistandpunkt, denselben Haß wiederfindet, der ihm vorher die politische Lektüre verleidet hat. Die schöne Litteratur ist nicht mehr neutrales Gebiet; mancher glaubt hinter der Zeit zurückzubleiben, wenn er seinen Werken nicht einen Parteianstrich giebt, der ihren Charakter mehr oder weniger bestimmt — ich erinnere an H. v. Zobeltitz' Roman „Die Kronprinzenpassage", mit dem „Daheim" seine antisemitische Aera begann. Mancher findet sich auch ehrlicher mit den Fragen der Gegenwart ab: zur Folie eines gleichgiltigen Romans stehen sie ihm zu hoch; er macht sie zum Objekt seiner ernsten Arbeit, geht mit dem Auge des Dichters ihrem Ursprung, ihrer Entwickelung und Entartung nach, und stellt die Leidenschaften, die wild und roh in der trüben Wirklichkeit mit einander ringen, harmonisch geläutert im Lichte der Poesie dar. Eine von diesen ehrlichen Naturen ist Rosegger, wohl der gelesenste Schriftsteller Oesterreichs, desselben Oesterreichs, auf das seit geraumer Zeit die Blicke der jüdischen Welt in banger Erwartung gerichtet sind. — Rosegger ist den Lesern dieses Blattes nicht fremd. Es war eine spitze Feder, die damals aus Wien seine Aeußerungen über das Heinedenkmal berichtete. Nichts kann falscher sein, als die halbversteckten Andeutungen und Angriffe in jenem Briefe. — Der Dichter ist als Waldbauernbub weit oben im steierischen Hochwald ausgewachsen, mit all den Vorurteilen seiner Berge. Es ist wahr, wenn im fernen Kirchdorf die Mission predigte, dann glühte er vor Glaubenseifer und verachtete seine Pfarrer, weil sie die Juden und die Protestanten nicht austrieben aus ihren Dörfern, und wie er bei seinem ersten Flug in die Welt in eine Synagoge gerät — in Wien wars, in der Leopoldstadt — da grollt er seinem Schutzengel: wie der es nur habe zulassen können, daß er in einen Judentempel gehe! Aber der gereiste Mann weiß nichts mehr von jener Befangenheit des Kindergemüts, und angesichts der immer weitere Kreise ergreifenden antisemitischen Bewegung in seinem Vaterlande hat er Gedanken und Urteil über sie unter dem an der Spitze angeführten Motto in der Erzählung „die Christvesper"*) niedergelegt; eine Novelle, die nicht nur wegen des Protestes der edlen Dichternatur gegen Glaubens- und Rassenhaß das größte Interesse besitzt, sondern auch durch die plastische und lebensvolle Schilderung fesselt; unwillkürlich sucht man nach den Vorbildern für diese Gestalten, die, wenn auch mittelalterlich drapiert, in Wort und Gebühren so merkwürdig den Häuptern des gährenden Wien gleichen. Es ist die Geschichte einer Judenschlacht aus der Zeit nach den Kreuzzügen, die Rosegger schildert; eins jener Trauerspiele, deren Handlung wir aus hundertfacher Wiederholung so gut kennen. Aber diese Handlung ist zu rauh und zu blutig, sie zeigt auf der einen Seite zu viel empörendes Unrecht, aus der anderen zu viel unverdienten Jammer, als daß sie sich ohne weiteres in den Rahmen der Dichtung fügen könnte. Rosegger bringt darum ein ganz neues Moment hinein; um das Gräßliche zu vermeiden, das in dem Hinschlachten so vieler Unschuldiger liegt, läßt er die Juden durch eigene Schuld das drohende Verhängnis entfesseln. Mancher wird über diese poetische Freiheit den Kopf schütteln, besonders wenn er selber Partei ist. Aber er hat Unrecht; der Dichter darf die poetische Gerechtigkeit sprechen lassen, wo die irdische geschwiegen hat, und in diesem Fall blieb ihm keine andere Wahl, wollte er sein Werk von dem Flecken sreihalten, den jene dunklen Blätter der Geschichte ausweisen. Dies vorausgeschickt, ist der Inhalt der Christvesper in zwei Worten zu erzählen: die Juden von Jdunburg (Judenburg?) sind ihren christlichen Mitbürgern, deren Stadt sie durch Handel und Verkehr zur Blüte gebracht, zu reich und zu mächtig geworden. Allerlei Anzeichen des nahen Sturmes gehen durchs Land; Gewaltthaten und Anklagen häufen sich. Da wollen die Juden dem Verderben zuvorkommen, den Schlag führen, ehe er sie zerschmettert; sie halten geheimen Rat und beschließen, am Weihnachtstage, zur Vesperzeit — daher der Titel — mit bewaffneter Hand die Christen zu vernichten. Der Anschlag wird jedoch verraten, man stürmt die Stadtteile der Juden, und Feuer uud Schwert wüten darin, bis die Flamme, von Dach zu Dach fahrend, Mörder und Gemordete unter den Trümmern Jdunburgs begräbt. Die Handlung ist, wie man sieht, ziemlich einfach, wenigstens im Vergleich zu anderen historischen Novellen, wo sie sich zwischen allerlei Nebenwerk hindurchwinden muß. Dafür sind die Charaktere vertieft, die Kulturbilder groß angelegt und sicher durchgeführt. Da haben wir die lautesten Rufer im Streit; der Schmied, der sich gern den Hammerherrn nennen hört und „auf den Germanen hinausspielt", obgleich sein Vater als landfahrender, „verdächtig brauner" Gesell in die Gegend gekommen ist, der Wirt zum heiligen Geist, „ein kleines, blaßgelbes, giftiges Männlein", endlich der „derbklötzige" Vogtknecht, ein Patriziersohn, der das Haus seiner Väter verspielt und vertrunken. So finden sich Rassenhochmut und Roheit mit Neid und Mißgunst in gemeinsamem Hasse *) P. K Rosegger: Höhenfeuer, neue Geschichten aus den Alpen. — A. Hartleben, Wien.

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