Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 21 (22.5.1896)
- Date
- 1896-05-22
- Page
- Seite 365 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 21. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 366. einer fürchterlichen Behandlung ausgesetzt seien. Damals empfing der Schah die Deputation auf die liebenswürdigste Weise, versicherte ihr, daß die Juden Gegenstand seiner besondern Aufmerksamkeit seien, daß er die Erziehung jüdischer Kinder durch Errichtung von Schulen fördern wolle rc. Der Schah hielt, wie gesagt, oft, was er versprochen, doch wurden seine Pläne häufig in den von Teheran entfernten Teilen des Landes durchkreuzt. Während der schrecklichen Hungersnot im Jahre 1871 erließ er den Juden die Steuern. Wie sich der neue Schah, Mozaffer Eddin, in Bezug auf die Juden verhalten wird, darüber ist noch nichts bekannt. Doch hofft man, daß der neue Schah in die Fußtapfen seines Vaters treten und den Juden seinen Schutz angedeihen lassen wird. Freilich ist die Zeit der Wiedergeburt der verfolgten getretenen Juden in Persien noch in weiter Ferne. — Die Juden in Algier. Wie aus Paris berichtet wird, traf der dortige Kassationshos eine interessante Entscheidung betreffend die bürgerliche Stellung der Juden in Algier. Eine große Anzahl algerischer Juden war durch die Friedensrichter mehrerer Ortschaften, namentlich in der Provinz Constantine, aus den Wählerlisten gestrichen und damit thatsächlich des Bürgerrechts verlustig erklärt worden. Die Handhabe zu dieser Gewaltmaßregel bildete folgende juristische Streitfrage: Im Jahre 1865 hatte eine Entscheidung des Senats die algerischen Juden als französische Unterthanen erklärt und unter den Schutz Frankreichs gestellt, ohne ihnen jedoch den Titel französischer Bürger und somit das Wahlrecht zu gewähren. Am 24. Oktober 1870 erließ der Justizminister Cremieux als Mitglied der Regierung der Nationalverteidigung ein Dekret, demzufolge alle eingebornen Juden, welche die algerischen Departements bewohnten, von diesem Tage an französische Bürger wurden. Ein Jahr später indessen beschränkte ein neues, von Thiers erlassenes Edikt diese erste Entscheidung, indem es festsetzte, daß nur diejenigen eingebornen Juden, welche sich zur Zeit der französischen Okkupation (1830) auf algerischem Gebiete befanden, uub ihre Nachkommen das Bürgerrecht erhalten. Die strittige Frage, ob die nach 1830 in Algerien eingewanderten Juden und ihre Nachkommen Wähler sind oder nicht, benutzten die von den Antisemiten gedrängten Friedensrichter, um mehrere Tausend Juden, darunter auch solche, die der Militärpflicht genügt hatten, aus den Listen zu streichen. Die Gemaßregelten wandten sich beschwerdeführend au den Kassationshos, welcher nunmehr seine Entscheidung getroffen hat. Der Anwalt der Beschwerdeführenden behauptete, daß das Dekret vom 24. Oktober 1870 als allein giltig, das von 1871, welches nur von dem Chef der Exekutivgewalt ohne Zustimmung der gesetzgebenden Körperschaften erlassen wurde, als hinfällig anzusehen sei. Der Staatsanwalt dagegen verfocht die Ansicht, daß die beiden Dekrete von 1870 und 1871 nur ein Ganzes bilden und daß somit die nach 1830 eingewanderten Juden und ihre Nachkommen sicher keine französischen Bürger seien; nur denjenigen müsse dieses Recht zugestanden werden, welche dem letzten Rekrutierungsgesetze von 1809 Genüge geleistet hätten. Der Kassationshos schloß sich im allgemeinen den Ausführungen des Staatsanwalts an und entschied, daß das Edikt von 1871 das Dekret Cremieux ergänze, indem es dasselbe modifiziere. Jeder Jude aber, der den Artikeln 4 und 5 des Edikts Genüge geleistet, d. h. Nachweisen könne, daß er oder seine Vorfahren der Militärpflicht nachgekommen, sei in die Wählerlisten aufzunehmen. Daraufhin wurden nahezu 1000 Streichungen anulliert und nur 80 bestätigt, zum Teil wegen formeller Fehler. Dieses Urteil des Kassationshoses stößt alle früheren Entscheidungen der Gerichtsbehörden in Algier um und entwindet den dortigen Antisemiten eine wirksame Waffe. — Jüdische Fraucnvereinigung in Amerika. Das jenseits des Ozeans die Frauen in den Kampf für das im Erlöschen begriffene Judentum eingetreten sind, hatten wir wiederholt berichtet. Das talmudische Wort: „Wo keine Männer sind, bemühe Du Dich, ein Mann zu sein," deuten drüben die Töchter Israels in ihrem Sinne und zum Heile der Bewegung, der sie sich widmen, lieber die letzte in New Aork stattgehabte Versammlung berichtet unser 8t.-Korrespondent: Frl. Annie Josephine Levi erregte Aufsehen in der Sitzung des National Council of Jewish Women, welche im Lesesaale des Tempels Beth-El stattfand. Dreihundert Frauen waren anwesend, und Präsident Valerie Kohut führte den Vorsitz. Frl. Levis Vortrag war über das selbstgewählte Thema: „Die eheliche Verbindung zwischen Juden und Christen." Sie sprach sich entschieden gegen die Mischehe aus, weil sie glaube, daß der Fortschritt der Zivilisation und die damit verbundene Freisinnigkeit die althergebrachten Gebräuche der Juden bedrohe. Sie führte an, daß glückliche Ehen zwischen Juden und Christen nur möglich seien, wenn entweder der Mann oder die Frau gleichgiltig über ihre Religion dächten. Gewöhnlich sei die Gleichgiltigkeit auf Seiten Beider zu finden. Zum Schluffe beklagte sie die wachsende Neigung ihrer Glaubensgenossen, ihre alten hebräischen Namen in moderne heidnischen Ursprunges zu vertauschen. — Die jüdische Frauenvereinigung soll ungefähr 4000 Mitglieder haben, die über 40 Städte verteilt sind. Die erste National - Konvention wird im November in New Pork stattfinden. — Amerikaner über die Juden. Gelegentlich des Ahlwardt-Rummels hat die „Jewish Times“ in San Franzisco eine Umfrage bei einigen Gouverneuren von Staaten der Union ergehen lassen, um ihre Meinung bezüglich der Judenfrage zu ermitteln. Von den interessanten Antworten wollen wir folgende wiedergeben: Gouverneur Staue von Missouri erklärte: „Ich bin überzeugt, die Wahrheit zu treffen, wenn ich erkläre, daß die Juden im Staate Missouri ein kluges, fortschrittlich gesinntes, die Gesetze achtendes Volk bilden. Sie stehen über den allgemeinen Durchschnitt der Bürger dieses Staates in der Leistung aller Pflichten, die mit dem Bürgerrecht verbunden sind, dennoch dürfte es kaum möglich sein, abgesehen von dem religiösen Unterschied, die Juden als eine besondere Bevölkerung zu bezeichnen, sie sind völlig normal, weder bester noch schlechter." Gouverneur Max Kiuley von Ohio erklärt: „Die Bevölkerung von Ohio hat hohen Respekt vor ihren jüdischen Mitbürgern. Sie befolgen die Gesetze des Staates und sind ein unternehmungslustiges, wertvolles Element in der Allgemeinheit, stets bereit, an guten Dingen sich zu beteiligen und Bestrebungen für die allgemeine Wohlfahrt zu unterstützen." Gouverneur Altgeld aus Illinois sagt: „Die Juden sind ein besonders intelligentes, unterneh-