Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 21 (22.5.1896)
- Date
- 1896-05-22
- Page
- Seite 363 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 21. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 363. zu vermischen. Bereichern wir uns mit ihren guten Eigenschaften — denn sie haben gute Eigenschaften. Man mache dem Rassenkampf ein Ende, indem die Rassen sich verbinden." Zola weist nunmehr nach, daß der Antisemitismus insbesondere in Frankreich sinnlos ist, ohne jede Wurzel in der Bevölkerung, eine Ausgeburt qualmiger Gehirne: „Tag für Tag dieser wüste Lärm, Tag für Tag werden die Inden der schlimmsten Dinge geziehen. Tag für Tag wird jedem, der etwas Uebles, der ein Verbrechen begeht, das Judentum angelogen. Wie muß unser Volk gut, vernünftig, ehrenhaft sein, um nicht auf diese täglichen tollen Aufreizungen zu achten . . . Das ist mein ständiges höchstes Erstaunen, daß eine solche Wiederkehr des Fanatismus möglich war in unserer Epoche, in unserem großen Paris, inmitten unseres guten Volkes. Und das zu einer Zeit der Demokratie, da eine große Bewegung sich geltend macht für die Gleichheit, die Brüderlichkeit und Gerechtigkeit. Wir sind dabei, die Grenzen niederzureißen, uns die Gemeinsamkeit der Nationen zum Bewußtseiu zu bringen, eine Vereinigung zu bewirken, in der die Priester aller Kulte sich umarmen. Wir sind drauf und dran, uns alle eins zu fühlen, Brüder durch den gemeinsamen Schmerz des Daseins und einen einzigen, gemeinsamen Altar zu errichten dem menschlichen Erbarmen. Und da giebt es eine Handvoll Narren, Blödlinge oder Macher, die uns täglich zurufen: „Fressen wir die Juden, kehren wir zurück zu Scheiterhaufen und Dragonaden! Ist das nun mehr dumm oder mehr verächtlich?"- Der Aufsatz erregt großes Aufsehen. Er wird sicherlich ein lautes Echo auf Seiten unserer Gegner, vielleicht aber auch einige Beachtung irr derr Kreisen der Unbefangenen finden. U) ochen - (Lhronik. Berlin, den 20. Mai. — „Religionsunterricht" in Berlin. In dir. 19 brachten wir einen Artikel über den Religionsunterricht in Berlin. In sehr gewandter Weise plädierte der Verfasser für Vermehrung der Religionsschulen, da nicht von dem obligatorischen Religionsunterricht an den staatlichen und städtischen Schulen, sondern nur von einem Unterrichte an Religionsschulen Heil und Erfolg zu erwarten sei. Es ist möglich, daß der Herr Verfasser im allgemeinen recht hat; es ist aber unzweifelhaft, daß an einzelnen Religionsschulen ein Unterricht erteilt wird, dem gegenüber kein Unterricht ein Vorzug wäre. Vor uns liegt ein „Kleines Glaubensbekenntnis", das den Leiter der Religionsschule einer Privatgemeinde — einen I)r. phil. — zum Verfasser hat, und das die armen Kleinen wahrscheinlich auswendig lernen müssen. Dieses Glaubensbekenntnis, eine Katechese, hat folgenden Wortlaut: Frage: Was ist die höchste Tugend? Antwort: Die Veredlung der sinnlichen Leidenschaften, der verführerischen Bilder zu reizenden Figuren des erhabenen Himmlischen. Frage: Was ist das niedrigste Laster? Antwort: Die Erniedrigung des Erhabenen zur Ausschmückung der Sünde. Frage: Was ist Gott? Antwort: Der endlose Geist, der immer außer sich schafft. Frage: Was ist Welt? Antwort: Das beendete Geschaffene, das immer in sich arbeitet. Frage: Was ist Mensch? Antwort: Das höchste und nützlichste, und durch seine Schuld niedrigste und gefährlichste aller Geschöpfe. Frage: Was ist Tugend? Antwort: Das wahre Antlitz der Seele. Frage: Was ist Religion? Antwort: Was wir nicht wissen sollen. Frage: Was ist Ewigkeit? Antwort: Das Hinausschauen über stets fortlaufende Schranken und Grenzen, oder das Siegen des Unendlichen über das Endliche. Frage: Was ist Seligkeit? Antwort: Der froheste Blick in sich, zu sein, was man sein soll. Frage: Was ist jüngstes Gericht? Antwort: Die letzte Läuterung, hinter der keine mehr ist. Frage: Was ist Leben? Antwort: Das Hinabsteigen der seienden geistigen Kraft in die Schranken der Nichtseienden; oder der Uebergang von Sein in Werden. Frage: Was ist Tod? Antwort: Das Hinaufsteigen vom Geweseusein ins Vollendete, von ein War in ein Ist. Frage: Was ist Schicksal? Antwort: Die beste Erklärerin des göttlichen Willens. Frage: Was ist Offenbarung? Antwort: Der Wille selbst."- Was soll man zu diesem unsinnigen, unverständlichen und unverdaulichen Zeug sagen! Ist auch Religion, nach dem Herrn Schuldirektor, etwas „was wir nicht wissen sollen", und hat auch der Herr Direktor gezeigt, daß er sehr religiös ist, so sollte doch die Gemeindeverwaltung wissen, was für „Religion" in den von ihr subventionierten Schulen gelehrt wird und für einen geistig gesunden und nahrhaften Unterricht Sorge tragen. Es giebt nur ein Mittel für die gedeihliche Entwickelung der subventionierten Religionsschulen: Uebernahme derselben seitens der Gemeinde und Anstellung geeigneter Lehrkräfte. Hierdurch würde einem „Religionsunterricht" vom Schlage des oben angeführten das „jüngste Gericht" bereitet werden. — „Kauft nicht bei Juden!" Dieser Appell unsrer Gegner, die für teutsche Ideale und dito Geldbeutel eintreten, ist strafbar. Von der Strafkammer in Hagen ist eine dahingehende Entscheidung gefällt worden. Einige Zeit vor Weihnachten vorigen Jahres erschien dort ein vom deutschsozialen Verein herausgegebenes, im Wortlaut von der deutsch-sozialen Partei verfaßtes, auch anderwärts viel verbreitetes Flugblatt, das von Haus zu Haus verbreitet wurde. Der Inhalt des Flugblattes gipfelte darin, die Weihnachtseinkäufe nicht bei Juden zu machen, deren Geschäftsgebahren mit Lug und Trug durchsetzt sei. Vier jüdische Kaufleute in Hagen fühlten sich beleidigt und stellten Strafantrag gegen zwei Mitglieder des deutsch-sozialen Vereins. Die Strafkammer lehnte die Eröffnung des Hauptversahrens ab, weil der Inhalt des Flugblattes sich allgemein auf die Juden,