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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-05-22 · 21 (22.5.1896) · p. Seite 362

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
21 (22.5.1896)
Date
1896-05-22
Page
Seite 362 (sequence 6)
Language
German
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Seite 362. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 21. Die Anstalt hat im letzten Jahre, wie bereits gesagt, 6900 Mark zum Eisernen Fond vereinnahmt, außer den lausenden Jahresbeiträgen, die 9981 Mk. betrugen (freilich nahezu die Hälfte, 4500 Mk., von der hiesigen Gemeinde). Es beweist dies jedenfalls, daß das Interesse für die Sache nicht völlig erstorben ist. Nur müßte der Lehranstalt frisches Blut zugeführt werden. Vielleicht entschließt man sich im Kuratorium, darüber etwas nachzudenken und auch kompetente Männer um Rat zu fragen; es müssen nicht gerade alle Kommerzienräte sein, die in solchen Fragen nichts zu raten wissen. Wir wollen jedenfalls die Hoffnung nicht aufgeben und uns vorläufig noch jeder Rekrimination in der Oessentlichkeit enthalten, um den Herren Zeit zu lassen, dies in Erwägung zu ziehen. Dem Geschäftsbericht geht eine wissenschaftliche Abhandlung von Herrn Professor Dr. Steinthal voran: „Zur psychologischen Grundlage der Unterrichts-Lehre." Es ist dies eine tief angelegte, streng wissenschaftliche Studie, über die ich mir eine eingehende Besprechung für eine andere Stelle Vorbehalte. Professor Steinthal ist mit seiner Gründlichkeit, seinem Forschersinn und ferner Wahrhaftigkeit in unserem Zeitalter der Oberflächlichkeit und des Humbugs ein Anachronismus; desto ehrfurchtsvoller müssen wir diese Erscheinung begrüßen. Außer dieser Abhandlung ist noch die Rede abgedruckt, welche Dr. Maybaum am Grabe des am 6. November 1895 verstorbenen Dozenten Dr. Joel Müller gehalten. Es ließe sich darüber so Manches sagen. Indes will ich mich all dessen enthalten. Nur einen Satz kann ich nicht mit Stillschweigen übergehen: Dr. Maybaum klagt über „das Elend des jüdischen Gelehrtentums" und fragt vorwurfsvoll: „Wann wird Israel endlich erkennen ... daß all die großsprecherische Liebe zum Judentum eitel Lüge und Täuschung ist, so lange die Träger seiner Wissenschaft nicht nur nicht ohne Sorge leben, sondern nicht einmal in Frieden sterben können?" Nun, die jüdische Wissenschaft stirbt ruhig und in Frieden, und jeder Mann von Ernst und Wahrhaftigkeit wendet sich von ihr verdrossen ab, weil wir heute im Zeitalter des Charlatanismus, der marktschreierischen Reklame und der Litteratur-Bereine leben. Aber Herr Maybaum braucht nicht weit zu suchen, um diejenigen herauszufinden, welche diese schmachvollen Zustände geschaffen, welche es verschuldet haben, daß selbst die wenigen Stätten, wo die jüdische Wissenschaft gepflegt werden soll, ein Tummelplatz des Kliquenwesens und der Vetternwirtschaft geworden sind. Aber was sollen jetzt die Klagen? Hier sind Thaten notwendig. Vor allem muß sich in unserer Mitte die Erkenntnis Bahn brechen, daß nicht die Menge das Judentum am besteil repräsentiert, sondern die geistigen Träger desselben. „Zehn Millionen Unwissende machen keinen einzigen Weisen aus", urteilt der Historiker Taine zutreffend. Die jüdische Wissenschaft ist bis jetzt verbreitet worden; sie soll nunmehr vertieft werden. Dr. S. Bernfeld. Emile Zrla für die Juden. 6. Paris, 17. Mai. Paris ist die Stadt der „Ereignisse". Ein gutes Buch, ein sensationeller Zeitungsartikel ist hier ein Ereignis, über das ebenso laut, wenn auch nicht ebenso lange gesprochen wird, wie etwa ein Wechsel im Ministerium, wie etwa der Sturz eines Kabinetts. Das neueste Ereignis auf publizistischem Gebiete ist das Eintreten Zolas für die Juden. An der Spitze der gestrigen „Figaro"-Nummer ist ein 2’/2 Spalten langer Aufsatz des berühmten Schriftstellers erschienen, der gleich am Kopfe zeigt, was der Aufsatz im Herzen habe: „Pour les Juifs“ ist er überschrieben, für die Juden will Zola eintreten. Freilich, was er ausführt ist nicht immer neu und nicht immer unanfechtbar, bemerkenswert bleibt es aber durch die Kraft einer ehrlichen Ueberzeugung und den gesunden Zorn, der aus jedem Satze spricht. Es kommt im allgemeinen auch gar uicht darauf an, was Zola sagt, weit interessanter ist die einfache Thatsache, daß ein Dichter in der Stille und Zurückgezogenheit seines Poetendaseins, ein Mann von Zolas Eigenart und Bedeutung sich von seinem Gewissen getrieben sieht, öffentlich Protest zu erheben gegen das verlogene Gezeter der Hetz-Antisemiten. Geben wir nun etliche Stellen aus dem bemerkenswerren Aussatz wieder. Zola beginnt: „Seit einigen Jahren beobachte ich den Kampf, den man in Frankreich gegen die Juden zu führen versucht, mit wachsender Ueberraschung und zunehmendem Widerwillen. Er scheint mir eine Ungeheuerlichkeit, ohne Sinn und Verstand, aller Wahrheit und Gerechtigkeit fremd, ein Unternehmen, thöricht und blind, das uns um Jahrhunderte zurückwirft, ein Unternehmen, das den heftigsten Abscheu weckt . . ." Zola läßt nun die Anklagen Revue passieren, die man gegen die Juden erhebt und weist im einzelnen ihre Albernheit, ihre Jnhaltlosigkeit nach. Er hebt hervor, daß die Juden durch die Christen, durch die ewigen Verfolgungen, zu dem gemacht worden, was sie sind; was an ihnen mitunter etwa absonderlich erscheinen mag, das sei das Produkt achtzehnhundertjähriger sinnloser Verfolgung: „Man hat ihnen die mißachtete Domäne der Geldgeschäfte überlassen, hat sie zwangsweise zu Krämern und Wucherern gemacht, kein Wunder, daß man sie, da die rohe Gewalt alter Zeiten einer Herrschaft der Intelligenz und Arbeit wich, als Herren des Kapitals fand . . . Doch wie! Ihr seid mehr denn zweihundert Millionen Katholiken, man zählt im ganzen kaum fünf Millionen Juden — und Ihr zittert, Ihr ruft die Geusdarmen, Ihr stoßt ein Angstgeschrei aus, wie wenn Heere von Plündernden im Lande ihr Wesen trieben. Oh, dieser Mut. Anerkennt man die Ueberlegenheit der Juden auf manchem Gebiete, nun, so eifert ihnen nach, eignet Euch ihre Eigenschaften an, schlagt sie mit ihren eigenen Waffen. Man höre auf, sie zwecklos zu beschimpfen, und versuche es, sie zu übertreffen. Welch' stolze Genugtuung müßte ihnen nicht im Grunde das Angstgeschrei einflößen, das Ihr ausstoßt. Eine verschwindende Minderheit und die Entfaltung eines solchen Kriegsapparates! . . . Fahrt nur fort, sie zu verfolgen, wenn Ihr wollt, daß sie fortsahren, Euch zu besiegen! . . . Bethaut vom Blute ihrer Märtyrer wächst jede Sache und wird groß. Wenn es überhaupt noch Juden giebt, ist's Eure Schuld. Sie wären verschwunden, in uns ausgegangen, wenn man sie nicht genötigt hätte, sich zu sammeln, zu verteidigen, sich zu versteifen auf ihre Besonderheit.Ihr schafft erst künstlich eine Gefahr, indem Ihr täglich schreit, sie bestehe. An dem Tage, an dem der Jude uns nicht anderes sein wrrd als ein Mensch wie wir, wird er unser Bruder sein. . . . Dre umgekehrte Taktik ist angezeigt: Die Arme weit öffnen, in Wirklichkeit die Gleichheit durchführen, die das Gesetz anerkennt. Umarmt die Juden, um sie aufzusaugen und mit Euch

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