Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 21 (22.5.1896)
- Date
- 1896-05-22
- Page
- Seite 361 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 21. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 361. stellt oder ganz verschwiegen werden, nicht minder, daß in den Berichten den Vereinsrednern zuweilen in den Mund gelegt wird, was sie gesagt haben möchten, was sie aber nicht hätten sagen dürfen, ohne ans der Stelle reprimandiert zu werden. Da der Vereinsvorsitzende sich — in aller Bescheidenheit — ein vollgerüttelt Maß Lobes spendet, so wird er diese Korrektur leicht — wiederum als „klein und kleinlich" — verschmerzen. In einer Polemik gegen den Mainzer „Israelit", auf deren Einzelheiten wir nicht eingehen, bemerkte der Vereinsvorsitzende, daß dieses Blatt eine orthodoxe Richtung vertrete oder vertreten habe, die den deutschen Juden verwehren wollte, Deutsche zu sein, die ihnen empfahl, vor allem und ausschließlich Juden zu sein, die „dem krassesten Zionismus" huldigte. Dem muß — nicht um des „Israelit" willen — widersprochen werden: Niemals haben deutsche Juden ihr Deutschtum verleugnet, und selbst der „krasseste Zionismus" ist mit der vollen Erfüllung aller staatsbürgerlichen Pflichten wohl vereinbar. Gerade die strenge Orthodoxie verhält sich übrigens ablehnend gegen die zionistische Bewegung, weil nach orthodoxer Auffassung der Zionismus auf das Erscheinen des Messias warten muß. Das zu bestreiten, sollte der Herr Vereinsvorsitzende den Antisemiten untergeordnetster Gattung überlassen. — Zum Schluß teilte der Herr Vorsitzeude noch mit, daß der Zentralverein als solcher Mitglied des Vereins für jüdische Geschichte und Litteratnr geworden. Das ist sehr löblich. Es giebt Inden, die sogar in diesem Verein noch etwas lernen können. Eine pfltgkjliille für die jüdische UUfTcnfdjaft. Wir erhalten soeben den 14. Bericht über die „Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums" in Berlin und glauben im Interesse der Gesamtheit einige Bemerkungen daran knüpfen zu müssen. Was zuerst den Geschäftsbericht des Kuratoriums betrifft, so entnehmen wir demselben, daß die Lehranstalt im letzten Winterseinester von 31 Hörern besucht war, und zwar von 16 Deutschen und 15 Ausländern, unter welchen letzteren wiederum 12 Oesterreicher waren. Der Umstand, daß die Anstalt von Ausländern, namentlich aber von solchen aus Osteuropa frequentiert wird, darf als ein sehr erfreuliches Moment bezeichuet werde», da nun einmal die jüdische Wissenschaft nur uoch vom Osten Teilnahme und Förderung erwarten darf. Der unvergeßliche Jellinek hat es kurz vor seinem Tode schmerzvoll gesagt: Wir haben mit dem westeuropäischen Judentum gründlich abgewirtschaftet: der Schwerpunkt muß daher nach dem Osten verlegt werden. In Osteuropa findet noch die jüdische Wissenschaft begeisterte Jünger, welche sie auch nicht als Brotstudinm pflegen, sondern vielmehr aus schwärmerischer Liebe zum Judentum sich in dessen geistigen Inhalt vertiefen. Wenn sich nun solche Jünger der jüdischen Wissenschaft in Berlin niederlassen, um das theologische mit dem profanen Wissen zu vereinigen, so darf man dies mit Freuden begrüßen. Wir können und dürfen es aber nicht verschweigen, daß nach dieser Richtung hin in der Anstalt sehr wenig geschieht, um jener erhabenen Mission gerecht zu werden, die Zukunst der jüdischen Wissenschaft zu sichern. Es bestehen jetzt jüdisch - theologische Seminare in Budapest und in Wien; daß ein solches auch in Lemberg entstehen wird — dies ist nur eine Frage der Zeit. Scheiden demnach dann die österreichischen Hörer aus, so wird die Lehranstalt nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ sehr viel verlieren. Dieses durch eine längere Ausführung erst zu beweisen, wird man uns erlassen, da es sich um Allbekanntes handelt. Die Lehranstalt würde und könnte zum Segen und zum Heil der Gesamtheit wirken, wenn deren Kuratorium einmal den Mut hätte, gründlich mit dem alten Schlendrian zu brechen. Dem Rechenschaftsbericht entnehmen wir, daß die Anstalt im letzten Berichtsjahr 23883 Mark eingenommen, von welcher Summe aber 6900 Mark zum Eisernen Fonds geschlagen werden mußten. Es blieben demnach eigentlich kaum 17 000 Mk. für die lausenden Bedürfnisse der Anstalt, von denen wiederum für Gehälter an die Dozenten nur 11450 Mark verausgabt worden sind. - Das ist geradezu beschämend. Ein Rabbiner erhält in Berlin 10000 Mark Jahresgehalt, und sämrliche vier Dozenten, welche nicht nur für Berlin, sondern zum mindesten für alle deutschredenden Juden die jüdische Wissenschaft pflegen und sortpflanzen sollen, werden im ganzen mit 11 450 Mark abgelohnt. Wo ist da die Opferwilligkeit und die Liebe zu unserm geistigen Erbe? Ich glaube, daß dieser kurze Bericht mehr beweist als alle die Artikel, die ich über die Dekadence, der wir verfallen sind, veröffentlicht habe. Die Bestätigung meiner Anklagen, die ich hiermit finde, macht mir aber keine Freude. Es wäre mir lieber, widerlegt zu werden. Von verschiedenen Seiten wird gesagt, dafl die Lehranstalt an vielen Mängeln leide, daß sie eigentlich gar nicht existiere, sondern blos vegetiere. Erst vor wenigen Tagen wurde uns nahe gelegt, es wäre sehr verdienstvoll, der Anstalt den letzten Stoß zu versetzen. Ich bin aber überzeugt, daß man daran unrecht thäte. Ein derartiges Institut repräsentiert trotz alledem das geistige Auge unseres Stammes. Ich meine nun, eine getrübte Sehkraft ist besser, als völlige Blindheit. Die Anstalt war unentbehrlich, könnte aber auch etwas Ersprießliches leisten, wenn sie nach dem Ideal streben würde, eine Pflegstätte der jüdischen Wissenschaft ohne jeden Nebenzweck zu sein. Sie soll nicht konservativ und auch nicht liberal sein, sondern streng wissenschaftlich, ohne jede Parteischablone. Nicht einmal aus die Ausbildung von Rabbinern soll sie bedacht sein, sondern einfach auf die Pflege der jüdischen Wissenschaft. Ich weiß, daß dieses Ziel der Anstalt vor Jahren vorgeschwebt hat, daß man aber davon abkommen mußte, weil bei vielen Hörern jedes ernste Streben fehlte. Aber der Fehler lag nicht in dem Prinzip, sondern an den Hörern, die ohne Auswahl zugelassen wurden. Gerade jetzt müßte der talmudische, von Rabbi GamliLl proklamierte Grundsatz gelten: „Jeder Jünger, dessen Inneres nicht lauter ist — der soll nicht ins Lehrhaus." Es muß als für die historische Entwickelung des Judentums verhängnisvoll bezeichnet werden, daß man da den Mut verloren und das häßliche Prinzip -|j? nx?"V> angenommen hat. Solange der letzte Lebensfunke nicht erloschen ist, ließe sich aus der Anstalt noch etwas machen. Wenn sie aber den letzten Rest von Achtung verliert, so bleiben uns nur noch die anderen Brutstätten des Pfaffentums, die das Rabbinertum in den letzten dreißig Jahren völlig degeneriert haben.