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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-05-22 · 21 (22.5.1896) · p. Seite 360

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
21 (22.5.1896)
Date
1896-05-22
Page
Seite 360 (sequence 4)
Language
German
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Seite 360. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 21. ohne die geringste Pause als sein eigener Chasan (Kantor) das Mincha- und Maariw-@ebet Wort für Wort mit der größten Andacht herzusagen, und zwar ohne 3iddiir (Gebetbuch), aus dem Gedächtnisse, und mit dem letzten Amen auf das Kaddisch- Gebet verschwand er wieder in derselben Thüre, durch welche er gekommen war. Des morgens versammelt sich in aller Frühe dieselbe besoldete Gemeinde — es brauchten nach jüdischem Ritus nur zehn Personen zu sein, sind ihrer aber viel mehr — zum Morgengebet bald an diesem, bald an jenem Orte, denn der Baron hat in allen seinen Behausungen auch eingerichtete Betlokale, woselbst nicht nur gebetet, sondern auch „gelernt" wird. Er hat zwar keinen eigenen Chasan, denn das ist er selbst, wohl aber seinen eigenen Rabbiner, mit welchem er Thorastudien betreibt. Außerdem besitzt der Baron an verschiedenen Orten eine ganze Anzahl Wohlthätigkeitsanstalten, deren jährliche Unterhaltungskosten sich auf mehrere Hunderttausende belaufen. Seinem sonstige irreguläre Wohlthätigkeit, so von Fall zu Fall, ist gleichfalls sehr groß, weit größer als die Welt weiß und ahnt, sagen Eingeweihte. Angesichts solcher Thatsachen will man noch vom Tanz um das Goldene Kalb bei den Juden reden! Es ist ja wahr, niemals haben Neid und Mißgunst, niemals Goldgier, Habsucht, sowie Kriecherei und Streberei nach ergiebigen Pfründen, niemals Haß und Hatz aus purer Scheelsucht, Rivalität und bedrohter Genußsucht sich in einer so rohen und rücksichtslosen Weise geltend gemacht, wie in unserer Zeit. Auch der Jude ist gewiß nicht frei von allzu eifrigem Streben nach Gewinn und Besitz. Allein in solch roher, barbarischer, alle Menschlichkeit und Gerechtigkeit verleugnender Weise ist er nicht auf seinen Vorteil bedacht, strebt er nicht nach Besitz und Genuß. Vor solchen Ausschreitungen ist der Jude bewahrt durch seinen angebornen Sinn für Wohlthätigkeit und Menschenliebe, sowie seine unbegrenzte Hingabe und Fürsorge für seine Familie! Noch ein Abend im Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Klaubens. König Friedrich der Große, der es liebte, zuweilen mit seiner Umgebung kräftigen Scherz zu treiben, berief eines Tages seine Vertrauten und Räte, Minister und Generale, um von ihnen ein hochverständiges Gutachten über einen ihm angeblich als besonders köstlich empfohlenen Tabak zu erhalten. Die entrippten Blätter, staubfrei gesiebt, waren sorglich in Staniol gewickelt und lagen in prächtigen Mahagonikästchen. Das Tabakskollegium, dessen Mitglieder nicht sämtlich an den Genuß des Nikotinkrautes gewöhnt waren, stopfte die Pfeifen und begann zu rauchen. Der Tabak aber, den der König so schön hatte verpacken lassen, war ein bösartiges Kraut, nur der unverwöhnten Zunge der Rekruten erträglich, die ihm den bezeichnenden Namen „Lausewenzel" gegeben hatten. Der König, der seine Nase durch reichliche Zuführung von Schnupftabak gegen den Dampf der Pfeifen thunlichst verteidigte, ging von einem der Gäste zum anderen, das Urteil einfordernd. Den Herren rann der Angstschweiß von der Stirne. Sie lobten mit überschwänglichen Worten das Kraut, dessen Vorzüge man freilich erst nach mehrerer Gewöhnung völlig würdigen könne; daß es schwer sei wie köstlich, darin stimmten sie alle überein. Ziethen allein schmauchte sein Pfeifchen in unbeirrbarer Ruhe. „Nun, Ziethen!" redete ihn der König an, „wie mundet denn Ihm das Kraut? Was sagt denn Er zu dem Tabak?" — „Was soll ich denn dazu sagen?" erwiderte Ziethen; „das ist ja der Lausewenzel, den habe ich schon als Rekrut geraucht." , An diese Erzählung wurden wir erinnert, als wir am Dienstag voriger Woche der letzten Versammlung des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens in Dräsels Festsälen beiwohnten und den Vortrag eines Herrn Dr. Rosenthal über Jehuda Halevi und Walther von der Vogelweide anhörten. Der Vortragende fand zwischen den beiden großen Dichtern in Aeußerungen und Anschauungen zahlreiche Aehnlichkeiten, die er nach dem üblichen Schema gruppierte. Er knüpfte an seine Ausführungen, die den Ministern und Räten des Zentralvereins herrlich dünkten, die Soldaten aber in die Rekrutenzeit zurückversetzten, da sie am „Lausewenzel" Geschmack fanden, den einladenden Wunsch, der Zentralverein möchte sich bemühen, derartige Parallelen in wissenschaftlich gründlicher Weise inbezug auf andere jüdische und nichtjüdische Eminenzen feststellen zu lassen, um ddn Behauptungen der Antisemiten gegenüber darzuthun, daß Juden und Deutsche, die Zeitgenossen gewesen, immer auch durch gleiche Gefühle und Gedanken verbunden waren. Der Vorsitzende des Vereins sagte das mit großer Beflissenheit zu, und aus der Mitte der Versammlung wurde die neue Ausgabe noch näher dahin spezifiziert: Es möchte in Broschüren und in Vorträgen gezeigt werden, welche nahe geistige und Charakter-Verwandschaft zwischen Juden und Deutschen bestehe, und wie Juden und Deutsche einander in ihren Eigenschaften ergänzen. Der Vorsatz ist jedenfalls recht lobenswert, denn jede Popularisierung jüdischen Wissens unter den Juden verdient Ermunterung. Daß trotz des Vortrages wenigstens einzelne der Hörer — auch von denen, die sich an der späteren Diskussion beteiligten — den Kastilianer Jehuda Halevi eben umjener Gleichstellung willen allem Anschein nach für einen deutschen Juden nahmen, spricht nur für die Dringlichkeit der Empfehlung des Herrn Dr. Rosenthal. Der Bericht, den der Vereinsvorsitzende erstattete, konstastierte die erfreuliche Vermehrung der Mitgliederzahl des Vereins und brachte die schon üblich gewordenen Anpreisungen der Thätigkeit des Vereinsvorstandes. Eine Spezifikation dieser Thätigkeit wurde nicht beliebt. Nur der Vereinszeitschrift wurde besonders rühmend gedacht. Bescheiden lehnte der Vorsitzende das ihr in Briefen gespendete Lob als übertrieben ab, — doch gewann diese Bescheidenheit einen etwas eigentümlichen Anstrich durch die Hinzufügung, daß der Tadel, der hier oder da laut geworden, „klein und kleinlich" gewesen sei. Wir gehen wohl nicht fehl, wenn wir annehmen, daß diese Charakteristik sich aus die Vorhaltungen bezieht, die wir an dieser Stelle in unserer vorletzten Nummer den Vereinsberichten der gedachten Zeitschrift gemacht haben. Wir können trotz dieser Zensur unsere Vorhaltungen nicht als klein oder kleinlich ansehen. Es ist vielmehr unschicklich und anstößig, daß in jenen Berichten die Ausführungen der Opponenten ent-

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