Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 21 (22.5.1896)
- Date
- 1896-05-22
- Page
- Seite 359 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 21. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 369. appelliert. Millionen sind gesammelt und verteilt worden und das meiste von den Groschen der Geringen und Mittelleute. Was die Groschen- und Pfennig - Spende vermag, das habe ich ganz besonders an einer russischen Stadt, nämlich in Wilna erfahren. Unter den 60- bis 70000 Juden Wilnas giebt es gar wenige vermögende Leute; sie sind wahrlich an den Fingern abznzählen. Das Gros der Bevölkerung bilden die Handwerker, Arbeiter und Kleinkrämer. Eine regelrechte Besteuerung giebts nicht; die Fleisch- und Lichtsteuer nimmt die Regierung; die milde Spende bewirkt alles. Da giebts über hundert Bet- und Lehrhäuser mit mindestens 6000 Insassen — Bedienstete, Lehrer und Schüler, — welche lediglich durch milde Gaben unterhalten werden. Da giebts Krankenhäuser, Schulen und andere dergleichen Anstalten, alle auf Wohlthätigkeit gegründet. Da giebts eine Altersversorgungs - Anstalt, der inbezug auf ihren Umfang und die Zahl ihrer Pflegebefohlenen keine in der ganzen Welt gleichkommt. Dann giebt es Vereine für jede mögliche und denkbare Art von Wohlthätigkeit und daneben eine unbegrenzte Bettlermasse, die freilich für die Wohlthätigkeitsanstalten ebensogut beisteuert, wie jeder andere. Und wovon werden alle diese Anstalten gespeist, versorgt, unterhalten? Von der Kopekenspende der kleinen Leute. In Deutschland wird viel gespendet, in Rußland noch weit mehr — und das nennt man den Tanz um das Goldene Kalb! Dieser Tanz um das Goldene Kalb soll nun den Götzendienst bedeuten, welcher mit dem Golde getrieben wird. Dieser Götzendienst hat selbstverständlich auch seine Priester und Hohenpriester. Einen von denen, welche als die Hohenpriester dieses Goldknltus verschrieen sind, hatte ich im Sommer vergangenen Jahres kennen zu lernen Gelegenheit. Es ist kein Geringerer als Baron Wilhelm v. Rothschild in Frankfurt a. M. Möge es mir verziehen werden, wenn ich an dieser Stelle von der bezeichneten Begegnung Mitteilung mache — es geschieht ganz gewiß in bester Absicht. Auf einer Besuchsreise zu meinen in Deutschland zerstreut lebenden Kindern, Geschwistern und sonstigen Verwandten, führte mich mein Weg auch durch Frankfurt. Für diesen Ort hatte ich noch eine besondere Mission. Ich sollte für unser neu zu erbauendes, jetzt schon im Rohbau fertig hergestelltes Krankenhaus für arme russisch-israelitische Kranke, Beihilfe zu erwirken suchen. Das dortige Hilfskomite für die russischen Juden hatte bereits 4000 Mark zugesagt. Es galt aber doch nicht blos die Herstellung, sondern auch die spätere Unterhaltung des Krankenhauses; da schien es mir denn angebracht, den Baron v. Rothschild ins Interesse zu ziehen. Man riet mir davon ab, den Mann jetzt anzugehen, er sei in schwere Verlegenheit geraten; sein erster Prokurist sei plötzlich vom Schlage getroffen, und der Baron infolgedessen genötigt worden, aus seiner Sommerfrische Königstein im Taunus nach Frankfurt zurückzukehren und von früh bis spät dem Geschäfte vorzustehen. Ein Mann, der den Baron genau kennt, war anderer Meinung. Das hat gar nichts zu sagen, meinte er; — sehen Sie, des Barons ganzes Wesen und Leben neigt sich nur zwei Dingen zu: beten und arbeiten. Und kann er diesen beiden Bestrebungen vollauf genügen, dann ist er auch für ein Werk der Wohlthätigkeit leicht zu haben. Er hat überhaupt nur Sinn und Trieb für die bekannten drei Tragsäulen des jüdischen Lebens: Thora, Awoda und Gmillus - Chasodim; die Lebensgenüsse haben für ihn keinen Reiz. Ich mußte aber doch, um ihn sprechen zu können, einige Tage länger am Orte verweilen. Endlich wurde ich auf abends nach Beendigung des Geschäfts unmittelbar vor dem Abendgottesdienst bestellt und vorgelassen. Der Baron ist ein schmächtiger, kaum mittelgroßer Mann, ganz das Gegenteil von seinem 1886 verstorbenen Bruder Mayer Carl, ein Mann von wahrhaft imponierender Gestalt, der an Körpergröße alle seine Genossen im Deutschen Reichstage, woselbst ich ihn einmal zu sehen Gelegenheit hatte, überragte. Baron Wilhelm Carl ist von bescheidenem Aeußern, bescheiden in seinem ganzen Wesen, bescheiden in Haltung und Kleidung; er geht gekleidet wie etwa der bescheidene Mittelmann, wenn er am Sabbat und Feiertag den Gottesdienst besucht — ist aber trotz seiner siebzig Jahre und darüber noch so frisch und kräftig, wie ein Vierziger. Nach freundlichster Begrüßung stellte er an mich eine ganze Reihe von Fragen über die russischen Grenzverhältnisse, über die Auswanderung der russischen Glaubensgenossen, über die Möglichkeit einer besseren Zukunft der Juden Rußlands, über das neue Regime u. s. w., die ich allesamt nach bestem Wissen zu beantworten suchte. Und schließlich trug ich denn meine Bitte bezüglich unseres neu zu erbauenden Krankenhauses vor, ohne jedoch eine bestimmte Zusage zu erlangen. Mittlerweile war aber auch die Gebetstunde so nahe gerückt, daß gar keine Zeit zur weiteren Besprechung mehr übrig blieb. Ich hatte den Wunsch geäußert, am Abendgottesdienste teilzunehmen. Ein herbeigerufener Schreiber sollte mich zum Betlokale, woselbst die Minjanleute bereits warteten, begleiten. „Warten Sie doch noch einen Augenblick," sagte der Baron, „ich habe Ihnen noch etwas mitzugeben." Aus einem nahen Tische lagen eine ganze Anzahl großer, weißer Couverts mit Inhalt. Der Baron nahm einzelne auf, legte sie wieder hin; endlich schien er das rechte gesunden zu haben. Er riß es auf, entnahm demselben .... Mark*) und gab sie mir mit den Worten: „So, hier haben Sie noch einen kleinen Beitrag für den Baufonds Ihres Krankenhauses." Schon früher war uns zu demselben Zwecke eine Spende durch den Almosenier des Barons zugegangen. Ich wollte das Geld anfangs gar nicht nehmen, weil ich zu diesem Zwecke eigentlich nicht gekommen war. Allein der Baron, noch zwei daliegende 50 Markscheine hinzufügend, sagte: „Nehmen Sie nur hin, ich möchte doch gerne vor dem Abendgebet etwas Gutes thun. Sie wissen doch, was geschrieben steht: Ani bzedek echse ponecho (und ich — im Wohlthun — zedokoh — laß mich dein Angesicht schauen), denn: Wholach lphonecho zidkecho, kwod haschem jaasphecho (so deine zedokoh (Wohlthaten) vor dir hergehen, wird die Herrlichkeit Gottes dich aufnehmen)." Ich wurde hieraus in den Betsaal geleitet, bald daraus erschien auch der Baron durch eine ganz andere Thüre, begann *) Wir nennen die Summe nicht, um nicht die Verwaltung der Riesengemeinde Berlins, die für den nämlichen Zweck 100 (einhundert) Mark bewilligt hat, verlegen zu machen. Red.