Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 21 (22.5.1896)
- Date
- 1896-05-22
- Page
- Seite 358 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 358. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 21. Und die Väter und die Mütter, deren Kinder des Unterrichtes noch bedürfen, lesen alsdann die oft gehaltvollen Reden, die am letzten Vororte des Lehrer-Vereins gehalten worden; sie lesen vielleicht die vielspaltigen Zeitungsartikel, die von der Wirksamkeit der Lehrer sprechen, — lesen sie und — gähnen. Und die Lehrer? Nun, die haben ihre Sparpfennige dem Wohle der Jugend, der künftigen Generation wiederum zum Opfer gebracht, arbeiten weiter in ihrem Berufe mit treuer Liebe, und bleiben, was sie immer gewesen: — Pechvögel. R. E. Sch. Der Tan; m das Goldene Kalb. Von Dr. I. Rülf, Memel. Es ist noch nicht allzulange her, da schickte mir ein lieber Freund und Kollege, Rabbiner einer der angesehensten Gemeinden Deutschlands, eine am Versöhnungstage gehaltene und auf Wunsch seiner Hörer gedruckte Predigt, mit demselben Titel und Inhalt, wie dieser Artikel. Allerdings steht der Versöhnungstag mit der Sache in genauer Beziehung, denn nach der Ueberlieferung war es am zehnten Tage des Monats Tischri, also am Versöhnungstage, da Mose zum zweiten Male mit den steinernen Tafeln, worauf die zehn göttlichen Worte eingegraben waren, vom Berge Sinai herabkam und gleichzeitig auch die Versöhnung für die Sünde des Goldenen Kalbes mitbrachte. Diese Sünde war wohl die schwerste, welche Israel je begangen hat. Es hatte seinen Gott verleugnet, kurz nach der wunderbaren Errettung und Befreiung aus der Sklaverei Egyptens, unmittelbar nach der Offenbarung am Sinai, und der Zorn und die Verzweiflung des göttlichen Mannes, welche ihn erfaßt hatten, als er die ersten Gesetzestafeln aus der Hand warf und zerbrach, sind wohl zu begreifen. Allein man muß die Sache auch recht verstehen. Der dem Tanze um das Goldene Kalb heutzutage untergeschobene Sinn ist inbezug auf unser Volk doch wenig zutreffend und liegt auch nicht in den Thatsachen begründet. Als das Volk sah, daß Mose zögerte, vom Berge herabzukommen, da sammelte es sich um Aron und sprach: „Auf, mache uns Götter, die vor uns hergehen, denn dieser Mose, der Mann, der uns aus Egypten geführt hat — wir wissen nicht, was aus ihm geworden ist." Als Aron nun entgegnete: „So nehmet denn ab die goldenen Spangen, welche in den Ohren eurer Frauen, Söhne und Töchter sind, und bringet sie mir," da hatte der Priester, der auch das Volk mehr fürchtete als seinen Gott, solches nicht gesagt, weil er auf den Widerstand der ihren Schmuck sesthaltenden Frauen und Töchter rechnete, sondern weil er Gold nicht vermuten konnte bei den israelitischen Männern, die damit nur ihre Frauen und Kinder zu beschenken und zu zieren sich beeiferten. Da jedoch dieses Gold zur Formung des Bildes, welches ihren Gott darstellen sollte, verlangt wurde, waren sie allesamt dasselbe zu opfern bereit, und der Tanz um das Kalb galt nicht dem Golde, sondern dem Gotte, welchen dieses Kalb vorstellen sollte. Unser Volk hat seine Fehler. Aber gerade von diesem Fehler, welcher in dem Tanz um das Goldene Kalb ausgedrückt sein soll, möchte ich das Volk freisprechen. Der Tanz um das Goldene Kalb ist nicht jüdisch; allein der Kampf um den Nibelungenhort, der ist germanisch, so recht von Grund aus germanisch. O, dieser Nibelungenhort hat schon gar viel Unheil angerichtet, und Blut in Strömen ist seinetwegen geflossen! Selbst das edle Geschlecht der Burgunder, doch sonst auch so beliebt bei den Genannten, hat darüber zu Grunde gehen müssen. Der Jude ist nicht goldgierig, und wenn ihr von der goldenen Internationale redet, so laßt den Juden aus dem Spiele. Der Jude weiß den gebotenen Vorteil zu finden und zu benutzen; und er wäre ein Narr, wenn er es nicht thäte; er weiß aber auch Gewinn und Verdienst auf das beste anzuwenden. Zunächst denkt er dabei an Frau und Kinder. Für diese ist ihm keine Arbeit zu schwer, kein Opfer zu groß. Alle anderen persönlichen Gelüste und Genüsse müssen gänzlich zurücktreten vor der Sorge um Weib und Kind. Er verpraßt nicht seinen Erwerb, kommt nicht am Ende der Woche mit leeren Händen zu den Seinigen, und er beantwortet nicht die Forderungen seines Weibes und seiner Kinder mit rohem, höhnischem Worte, selbst mit Mißhandlungen. Seine Liebe und Fürsorge für Frau und Kinder kennt gar keine Grenzen und bleibt bewußt und unbewußt, des talmudischen Spruches eingedenk: „Iß und trink unter deinem Stande, kleide dich deinem Stande gemäß, für Frau und Kinder aber sorge über deinen Stand hinaus." Das will sagen: Bei all' der Fürsorge sollst du die Balanze nicht verlieren. Das Plus des letzteren soll sich ausgleichen durch das Minus des ersteren. Beispiele könnte ich für das Gesagte zu Hunderten und Tausenden liefern. Der Herausgeber dieser Blätter weiß am besten, daß ich nicht übertreibe. Der Jude ist nicht goldgierig, das beweist uns seine unbegrenzte Mildthätigkeit. Ich rede nicht von den dünngesäten Millionären, welche im Augenblick geeigneter Stimmung wohl aus einmal Hunderttausende zu irgend einem wohlthätigen Zwecke hingeben. Auch der eben plötzlich verstorbene B aron Moritz v. Hirsch und seine Millionenstistungen sollen nicht als Muster hingestellt werden. Von dem jüdischen Mittelmanns, von dem Kleinen und Kleinsten, ja von dem Bettler rede ich, der von seinen Bettelgroschen noch einige Pfennige zu wohlthätigen Zwecken spendet; denn an der totbesregenden Zedakah will sich ein jeder beteiligen. — Welch' ein eigentümliches Wort, dieses Wort „Zedakah" für Almosen spenden. Zedakah heißt Gerechtigkeit, heißt seine Schuldigkeit thun, bezahlen, was man schuldig ist. Wenn du dem Armen eine Gabe spendest, darfst du es nicht betrachten als Werk deiner Gutherzigkeit und Menschenfreundlichkeit, du hast nur deine Schuldigkeit gethan und dem Armen gegeben, was du ihm schuldig warst. Wenn das auch nicht immer so betrachtet wird, aber gespendet wird immer und unablässig, davon weiß ich giltiges Zeugnis abzulegen, da ich genötigt war, in Hunderten von Fällen die Mildthätigkeit meiner deutschen Glaubensgenossen zu Gunsten der russischen anzurufen. Nie habe ich vergebens an die Mildthätigkeit