Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 21 (22.5.1896)
- Date
- 1896-05-22
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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I { Nebst einer wissenschaftlichen Beilage „Ieschurun". Berlin, 22. Illai 1896. errre Nr. 21. Jahrgang V. Redakteur: A. 5evin. Bezugspreis vierteljährlich: Verlag: Siegfried Lronbach, Serlin W. 57. §rmt und frei T Deutschland u. Oesterreich-Uugaru MK. 8,00, Telephon: ' alle andern Länder MK. 3,50. Redaktion VIl, 4236. * Expedition VI, 796. _Post-Zeitungsliste Rr. 108._ Die „Wochenschrift" erscheint an jedem Freitag mindestens 20 Seiten (2 Va Bogen), der „Jefchurun" Mitte und Ende jeden Monats mindestens 4 Seiten (Va Bogen) stark. Zu beziehen durch die Post (Zeitungsliste pro 1896 Nr. 108) oder unsere Expedition. Anzeigen werden mit 2» pfg. für die einspaltige Petitzeile oder deren Raum berechnet. Bei Wiederholungen oder größeren Aufträgen tritt eine Preisermäßigung ein. Alle Annoncen-Expeditionen sowie unsere Expedition nehmen Anzeigen für dieses Blatt entgegen. Inhalt: Glückspilz und Pechvogel. — Der Tanz um das Goldene Kalb. Bon Dr. I Rülf. — Noch ein Abend im Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. — Eine Pflegestätte für die jüdische Wissenschaft. Bon Dr. S. Bernfeld. — Emile Zola für die Juden. — Wochen-Chronik: „Religionsunterricht" in Berlin. — „Kauft nicht bei Juden." — Ahlwardt. — „Antisemiten-Kravatten." — Schließung des Rabbinerseminars in Ramsgate. — „Ohne Unterschied der Konfession." — Der verstorbene Schah und die Juden. — Die Juden in Algier. — Jüdische Frauenbewegung in Amerika. — Amerikaner über die Juden. — Feuilleton: Rosegger, der „Judenhasser". Bon 3£. Jard. — Darum....! (Fortsetzung). Bon Saltikow-Schtschedrin. — Hier und dort. — Aus dem Leserkreise. — Kalender. — Anzeigen. Klückspih und pechnugel. (Zu den Lehrerkonferenzen am 24. und 25. Mai.) Das Schöpfungswerk war nahezu vollendet. Der Weltenschöpfer hatte Himmel und Erde, Ströme und Meere geschaffen. Am Himmelszelt im blauen Aether war die ewige Lampe, die Sonne angezündet worden, und mild leuchteten Mond und Sterne am nächtlichen Himmel. Auf dem Lande und im Wasser tummelte sich in Jugendfrische die Tierwelt — zwei-, vier- und vielbeinig: mächtige Saurier und riesige Fische, Schlangen und Ungeheuer aller Art belebten die in üppiger Pracht grünenden Gefilde. Der große Zeiger an der Weltenuhr rückte mit donnerähnlichem Geräusch der Sabbatstunde immer näher. Der sechste Schöpfungstag neigte sich seinem Ende zu, es wollte Abend werden. Da griff der Allmächtige noch einmal in die Rüstkammer, in die geheime Werkstätte der Natur, — ein Wink von ihm, und zwei neue Schöpfungen entwanden sich der Form, die Myriaden von Geschöpfen Gestalt gegeben. Die Neugeschaffenen waren der Glückspilz und der Pechvogel. Lange betrachtete der Schöpfer das Dioskuren-Paar, das so ähnlich an Gestalt, so verschiedene Lebenswege wandeln sollte. Tann ertönte das Gotteswort: „Wandern!" Und die Wanderung begann, und heute noch ziehen der Glückspilz und der Pechvogel durchs Leben, die gleiche Art aufs neue stets erzeugend, und werden bleiben bis an der Welten Ende. Den Glückspilz näher zu beschreiben, ist wohl eine unnötige Mühe. Wer kennt ihn nicht, den Glücklichen, der nach allem seine Hand ausstreckt, ohne Mühe alles erreichen, alles erringen kann? Wer kennt ihn nicht, den Glückspilz, den Ueberall und Nirgends, der seine Bestimmung nicht kennend, sich selbst für unfehlbar, für den Schöpfer seines Glückszustandes hält? Der Pechvogel hingegen, der echte Pechvogel ist der Lehrer, das Stiefkind der Menschheit, so weit Zivilisation reicht. In der Regel in Armut geboren, hat er die höchste Mission, die edelste Aufgabe, die je einem Menschenkinde geworden: die geistige Veredlung der Menschheit. Im zarten Jünglingsalter beginnt der Lehrer die Vorbereitungen für seinen schweren Beruf. Noch jung an Jahren betritt er den Dornenpfad seiner Wirksamkeit, und im Silberhaar noch wirkt und schafft er; und sein Schaffen und Wirken ist ihm lieb und teuer geworden, und doch haben Not und Sorgen gar häufig in seine stille Häuslichkeit geblickt, gar oft an seine Thür geklopft! Und wenn Alter oder Krankheit ihm gebieterisch ein Halt zurufen, ihm nicht länger gestatten, der Leiter, der Lehrer der Jugend zu sein, dann ist er und was er geleistet gar bald vergessen, und er darf von Glück sagen, wenn ihm ein Stückchen Brot geblieben, um im Alter nicht — zu hungern. Jeder Stand, jedes Gewerk bildet Vereine, um im festen Zusammenhalten, im gemeinsamen Handeln die eigene Wohlfahrt zu befördern, um als vielköpfige Kraft, als gebietende Macht dem Kapital Gesetze vorschreiben zu können. Die Lehrer der Gegenwart bilden wohl auch Vereine, und viele Meilen hindern sie nicht, ihren Versammlungsort aufzusuchen. Aber die Selbstlosigkeit, die Selbstverleugnung, die dem Stande eigen, läßt den Lehrer nicht an die eigene Wohlfahrt, an die eigene Prosperität denken; nur an die Jugend, an dje Schule wird gedacht, und jede Verbesserung, jeder Fortschritt, die in Wort und Schrift, im Gedankenaustausch als eine Gedenktafel da aufgerichtet worden, werden ohne Rücksicht auf das eigene Wohlergehen, lediglich nur dem allgemeinen Besten gewidmet.