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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-05-15 · 20 (15.5.1896) · p. Seite 352

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
20 (15.5.1896)
Date
1896-05-15
Page
Seite 352 (sequence 12)
Language
German
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Seite 352. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 20. Frage von Ihnen haben. Seit drei Jahren kenne ich Sie, aber vor der Affaire mit Ihrem Sohn haben Sie wohl nie über solche Fragen nachgedacht, und deshalb habe ich nie mit Ihnen darüber gesprochen.... Aber vorher fassen Sie sich, beruhigen Sie sich, und trinken Sie ein wenig Wasser." Der Staatsanwalt füllte ein Glas mit Wasser, der Greis leerte es langsam und gab es dann mit tiefer Verbeugung zurück. „Erklären Sie mir, Abraham," fuhr der Beamte fort, „warum man unter den Nihilisten so viele junge Israeliten findet. Es sind nicht etwa arme Burschen, arme Teufel, die vielleicht von der gemeinsamen Kasse leben wollen, nein, es sind die Söhne reicher Leute, wohlhabender Kaufleute, kurz Leute, wie es Ihr Sohn ist. Diese jungen Menschen geben ihr Geld zu propagandistischen Zwecken; sie geben das Blut und den Schweiß ihrer Eltern dahin, sie predigen gegen das Eigentum, gegen das Kapital und die Kapitalisten, gegen die Fabrikanten, die Fabrikbesitzer, u. s. w.; und unter diesen Fabrikanten, diesen Besitzern, diesen Kapitalisten befinden sich so viele Israeliten, daß man sie gar nicht zählen kann, besonders in unserer Gegend. Ihre Kinder kämpfen gegen Sie. Man wiederholt beständig, die Israeliten besäßen Rassengeist, sie unterstützten sich gegenseitig.... Wie erklären Sie sich nun die Thatsache, die ich Ihnen anführe? Woher kommt es, daß Ihre Kinder sich gegen ihre Glaubensgenossen wenden?" Abraham erhob den Kopf und sagte: „Die Ursache dieses Zustandes sind wir und Sie!" „Was heißt dcks „wir und Sie?" „Verzeihen Sie, Herr Staatsanwalt, aber es ist so. Sie sagen. Sie kennen mich seit drei Jahren, aber kennen Sie mich wirklich? Sie kennen den Kaufmann Abraham, den Fabrikanten Abraham; Sie kennen Herrn Samuel Abraham, aber.den kleinen Schmul, den kleinen Juden Schmul, kennen Sie den? Nein, den haben Sie niemals gesehen. Nun wohl, dieser kleine Schmul, der sein Vermögen Kopeke für Kopeke zusammengescharrt hat, Schmul Abraham, nicht Herr Samuel Abraham, sondern Schmul Abraham kurzweg, begreift Ihre Frage und wird Ihnen darauf antworten. Sie sprachen wahr, Herr Staatsanwalt, wenn Sie sagten, daß das Geld, das sie für die Propaganda fortwerfen, der Schweiß und das Blut ihrer Väter sind." Der Greis richtete sich auf, und seine Augen blitzten. „Es ist der Schweiß und das Blut ihrer Väter. Herr mein Gott, was habe ich gelitten, was habe ich geduldet, um das zu gewinnen, was mir jetzt gehört! Wie oft habe ich gehungert, wie oft habe ich gefroren, wie viel schlummerlose Nächte habe ich verbracht! Wie habe ich gearbeitet! Wie hat man den kleinen Schmul gequält! Wie oft hat man ihn beleidigt, die Seinigen sowohl, wie die Fremden! Wie ist er mißhandelt worden, wie oft hat er geweint! Wie oft hat er Sorgen und Mißerfolg kennen gelernt! Ja, Herr Staatsanwalt, Sie hatten recht, unser Geld ist unser Schweiß und unser Blut! Die Christen sagen: „Der Jude ist reich, der Jude ist ein Wucherer"; ja, wir sind reich, aber welche Mühe hat es uns gekostet. Der Jude liebt das Geld. Aber er ist gezwungen, das Geld zu lieben. Hat er kein Geld, ist er arm, so ist er ein Jude, wird er reich, so ist er kein Jude mehr, sondern ein Israelit. Sie wissen. Herr Staatsanwalt, welcher ungeheure Unterschied zwischen einem Juden und einem Israeliten besteht. Ja, Sie haben recht, das Geld ist der Schweiß und das Blut, das ist die Wahrheit." „Aber warum verspottet denn Ihr Sohn Ihre Mühen, Ihren Schweiß und Ihr Blut?" „Verzeihen Sie, Herr Staatsanwalt, ich bin kein Redner, aber ich will Ihnen meine Meinung sagen: Weil er aufgehört hat, wie sein Vater und sein Großvater zu denken und zu fühlen, aber doch nicht aufgehört hat, Israelit zu sein; er hat niemals ausgehört, sich als Sohn des kleinen Schmul zu fühlen, oder richtiger gesagt, er hat es nicht vermocht. Seit der Minute, da mein Sohn, jetzt mein einziger Sohn, in das Gefängnis geworfen worden ist, habe ich darüber nachgedacht, Tag und Nacht, und ich sage Ihnen die Wahrheit, Herr Staatsanwalt, es ist unsere Schuld, wenn unsere Kinder hinter Schloß und Riegel sitzen. Wir waren gläubig, aber unser Glaube ist nicht der ihrige; wir haben gearbeitet, aber unsere Arbeit ist nicht ihre Arbeit; wir haben Geld aufgehäuft, aber dieses Kapital — unser Schweiß und Blut — Sie hatten ganz recht, Herr Staatsanwalt — was ist dieses Kapital für sie? Es ist gar nichts für sie. Unsere Kinder haben nicht mehr unseren Glauben; sie beten nicht mehr unsere Gebete; ja sie beten überhaupt nicht mehr und glauben an nichts. Wir haben vom Morgen bis zum Abend gearbeitet, und vom Morgen bis zum Abend daran gedacht, wie wir ein paar Pfennige erwerben konnten; sie finden das Geld bereits vor; sie brauchen nichts zu erwerben, sie brauchen nur die Hand auszustrecken, sie beschäftigen sich nicht mit der Vermehrung dieses Kapitals, ja, sie denken nicht einmal daran! Alle, die wie mein Sohn sind, denken nicht daran, und wie ergiebt es viele! Wir sind Kaufleute, Fabrikanten geworden; wir haben Fabriken gebaut und uns ein Vermögen erworben; aber wir fanden, es sei nicht genug, darum wollten wir mehr haben, und warum wollten wir mehr haben? Weil wir, die Eltern, glaubten, wir müßten unseren Kindern die Erziehung der Christen angedeihen lassen, weil wir die Schulen der Christen, ihre Gymnasien, ihre Universitäten für sie haben wollten...." (Fortsetzung folgt.) Hier und dort. d. Berlin, den 10. Mai. Herr Moritz Manheimer hat dem hiesigen jüdischen Krankenhause den Betrag von 200OO Mk. gelegentlich seines 70. Geburtstages überwiesen, nachdem er erst im vergangenen Jahre das jetzige Siechenhaus, welches nach Eröffnung des neuen Hospitals geräumt wird, für den Preis von 180 0OO Mk. dem Vorstande des Krankenhauses überwiesen hat. Dem Beschluß des Vorstandes gemäß soll ein Krankensaal der inneren Frauenabteilung als „Moritz u. Bertha Manheimer Stiftung" bezeichnet und am Eingang zu diesem Saal die diesbezügliche Aufschrift angebracht werden. Ebenso ist nach Fertigstellung des geplanten Umbaues des Siechenhauses für die Zwecke des Krankenhauses eine entsprechende Inschrift zu Ebren des Stifters auf einer Tafel an geeigneter Stelle vorgesehen. Auch dem Verein für jüdische Krankenpflegerinnen hat Herr Manheimer aus Anlaß seines

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