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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-05-15 · 20 (15.5.1896) · p. Seite 351

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
20 (15.5.1896)
Date
1896-05-15
Page
Seite 351 (sequence 11)
Language
German
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Nr 20. Nr 20. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 351. Üschedrin*). Nachdruck verboten.) Arbeitszimmer des Staats- M Tone, die fünfte Stunde, untergegangen, und Lampen h die hohen, kalten Zimmer; efchabten Sopha und seinen Tas Treiben in den weiten h, denn der Arbeitstag ging ihre Akten und hüllten sich ke, der eine in einen Paletot, te in ein Plaid. Knirschend >d eine kalte Luft strömte in sich. Nur in einem Winkel Heller, der in einen schönen der Hand eine Sammet- Tecke herabhing, sandte nur rkel, und außerdem verbarg icht. Man unterschied nur :d) weißen Bart und zwei :r den Knieen falteten. Bei zitterte der Fremde und ersanwalts ertönte eine Klingel. Bern og er und Der Staatsanwalt antwortete mit leichtem Nicken des Kopfes und betrachtete den Bittsteller mit fragender Miene. Der Greis schob nervös seine Mütze in den Händen hin und her und bewegte die bleichen Lippen. Aber kein Ton kam aus seiner Kehle, die Aufregung erstickte seine Stimme. Der Staatsanwalt runzelte Die Stirn, diese Zusammenkunft mußte ihm wohl peinlich sein. Endlich brach er das Schweigen, das schon seit mehreren Sekunden herrschte und fragte: „Herr Abraham, Sie wollen mich jedenfalls um etwas unmögliches bitten?" „Entschuldigen Sie, Herr Staatsanwalt," sagte der Greis, endlich seine Aufregung beherrschend, „entschuldigen Sie, wenn ich Sie wieder störe, ich hätte es nicht geioagt, aber meine Frau hat es gewünscht, Sie wissen doch, die Mütter .... Wir haben so viele Kinder verloren, Herr Staatsanwalt, und jetzt ereignet sich dieses entsetzliche Unglück mit unserm letzten Sohn. Es ist unser einziger, Herr Staatsanwalt, Sie begreifen, eine Mutter . . . ." Seine Stimme brach und ein paar Thränen fielen auf die weißen Haare seines Bartes. „Sie hatten mir gesagt, Herr Staatsanwalt, in vierzehn Tagen würde man wissen, ob mein Sohn schuldig ist oder nicht. Seitdem Sie mir das gesagt haben, sind zwei Wochen vergangen. Entschuldigen Sie, (der Greis streckte stehend die Hände aus) ich weiß Sie sind sehr beschäftigt, und wir sind nicht die einzigen, die nur ein Kind haben, aber er ist so jung, Herr Staatsanwalt, er ist nicht stark, und seit sechs Wochen liegt er im Gefängnis. Und dann ist seine Mutter — Sie wissen ja auch, was eine Mutter ist — krank geworden." Er schwieg von neuem und trocknete die Stirn mit seinem Tuch. Man sah, daß er eine Antwort erwartete, denn er warf dem Staatsanwalt flehende Blicke zu. Der Beamte schwieg; trotz seiner Bemühungen unbeweglich zu bleiben, konnte er einen Zug des Mitleids, der über sein breites Gesicht huschte, nicht unterdrücken. „Mein Sohn wird nicht entfliehen, ich schwöre es bei Gott dem Herrn, Herr Staatsanwalt, er wird nicht entfliehen; ich will jede Kaution stellen, die Sie verlangen, ich will mein ganzes Vermögen verpfänden . . . ." „Aber, Abraham, Sie sprechen gerade, als wäre Ihr Sohn wegen einer Kleinigkeit verhaftet! Man möchte meinen, um einer Laune wegen wäre er in eine Festung eingeschlossen." „Aber nein, Herr Staatsanwalt, das ist mir ja nie in den Sinn gekommen." „Hängt es vielleicht von mir ab, daß Ihr Sohn in Freiheit gesetzt wird?" „Aber Sie haben doch selbst gesagt, Herr Staatsanwalt in vierzehn Tagen würde man klar sehen." „Man hat klar gesehen, leider sind die Ergebnisse der Untersuchung für Ihren Sohn nicht günstig. Es ist bewiesen, daß er der Anführer war, er hat die andern verleitet." „Das ist nicht möglich, Herr Staatsanwalt, man hat Sie falsch berichtet." „Man hat mich nicht falsch berichtet; man hat Packete mit revolutionären Aufrufen in dem Bette Ihres Sohnes gefunden; auch eine Kasse hat man bei ihm gefunden. Allerdings war nicht viel darin, aber jedenfalls war die betreffende Summe zu Zwecken der Propaganda bestimmt." „Herr Staatsanwalt, das ist nicht möglich, das ist nicht wahr; man muß ihm die Aufrufe in sein Bett gesteckt haben, es giebt ja so viele boshafte Leute in der Welt. Und was das Geld anbetrifft, so haben wir es ihm gegeben; wir haben ihm nie Geld abgeschlagen; seine Mutter gab ihm oft und viel; Sie wissen ja, Herr Staatsanwalt, sie verzog den Jungen." „Man hat Papiere, eine Liste und Briefe bei ihm gesunden. Ihr Sohn hat selbst gestanden, daß Versammlungen bei ihm stattgefunden haben. Arbeiter, alle möglichen Leute, kamen zu ihm. Man verlas Proklamationen verteilte Broschüren . . . ." „Er hat gestanden, er ist verloren, armes Kind, arme Mutter!" Abraham wurde noch bleicher und wankte auf den Füßen. Der Staatsanwalt erhob sich lebhaft, ergriff eine Karaffe, die aus dem Tische stand und sagte: „Setzen Sie sich, Abraham, wollen Sie etwas Wasser trinken?" „Nein, Herr Staatsanwalt, ich danke Ihnen, entschuldigen Sie, ich kann mich nicht mehr aufrecht erhalten. Das ist das Alter; die Beine schmerzen mich." Der Greis fiel in einen Sessel und bedeckte das Gesicht mit den Händen. Seine Mütze rollte auf die Erde, man hörte unterdrücktes Schluchzen, und heiße Thränen flössen über seine Wangen. Endlich hörte das Schluchzen auf, Abraham erhob sich, hob seine Mütze auf und sprach: „Verzeihen Sie, Herr Staatsanwalt, einem Greise, verzeihen Sie einem Vater, ich sehe jetzt wohl, Sie können meinen Sohn nicht frei lassen." Er unterbrach sich und blickte den Beamten aufmerksam an. Dieser schwieg. Ein Strahl der Freude huschte über das verstörte Gesicht des Greises, abet der Staatsanwalt schüttelte langsam den Kopf. Seufzend fuhr Abraham fort: „Ich sehe wohl. Sie können ihn nicht freilassen, aber kann ich ihn nicht wenigstens im Gefängnis sehen? Nur eine Stunde, Herr Staatsanwalt, nur eine Minute ... Er braucht doch vielleicht etwas, vielleicht ist er krank . . nur eine Minute, Herr Staatsanwalt." „Es wird bei Ihrem Sohn ebenso gehalten, wie bei den übrigen Gefangenen, die ihre Verwandten in Gegenwart eines Beamten sehen können. Ich werde morgen den Befehl ausfertigen, daß man Sie zu ihm läßt, für heute ist es schon zu spät." „Ich danke, Herr Staatsanwalt, also auf morgen." Der Greis verbeugte sich und wandte sich der Thür zu; aber er hatte seine Kräfte überschätzt: sein ganzer Körper zitterte vor Aufregung und seine Beine wollten ihm nicht gehorchen. Der Staatsanwalt rief ihn zurück. „Warten Sie noch ein wenig, Abraham, setzen Sie sich und ruhen Sie sich aus, ich möchte gern etwas mit Ihnen besprechen." Abraham setzte sich in einen Sessel an der Thür und betrachtete mit furchtsamer Miene den Staatsanwalt. „Ich weiß nichts, ich habe nie bemerkt, daß. . . ." „Meine Absicht ist durchaus nicht, Sie über Ihren Sohn auszufragen; ich möchte nnr die Lösung einer allgemeinen

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