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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-05-15 · 20 (15.5.1896) · p. Seite 350

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
20 (15.5.1896)
Date
1896-05-15
Page
Seite 350 (sequence 10)
Language
German
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Seite 350. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr 20. alle dM sind ja in den Augen der Russen schismatisch — das entlehnt sie direkt von den Juden. Jnderthat ist es erst ein paar Jahre her, das Negus Menelik bei dem verstorbenen Zaren Protest erhob gegen die Verfolgungen, denen die Juden in Rußland unterworfen waren, und in diesem Protest nannte er sich selbst einen Abkömmling Salomos und als solcher das Haupt und der Beschützer der semitischen Völker. Es ist bekannt, daß er den Juden an seinem Hofe alle Ehren erweist, und sein Glaube ist vielleicht eher jüdisch als christlich zu nennen. Er rühmt sich, die echte Bundeslade zu besitzen, die in so wunderbarer Weise von Palästina nach Abessynien gebracht wurde; die Priester seiner Kirche tanzen bei ihrem Gottesdienst davor wie einstens die Leviten; den jüdischen Sabbat und die Beschneidung hat diese seltsame christliche Kirche behalten. — Die Predigt in Amerika. Der jüngste unangenehme Austritt im Tempel Emanuel in New Port (csr. Nr. 18 d. Bl.) diktiert dem greisen Dr. Wise in Cincinnati folgende Kritik in die Feder: Daß die Predigt der Hauptbestandteil des jüdischen Gottesdienstes ist, wird jetzt allgemein auch in konservativen Kreisen zugestanden. Das lebendige Wort hat den toten Buchstaben verdrängt. In den kleinsten wie in den größten Gemeinden ist die Predigt bei der Anstellung eines Kultusbeamten die Hauptfrage. Ueber das Wie und Was der Predigt ist man noch nicht einig. Es ist anerkannt, daß die jüdische Predigt nicht nach christlichem Muster sein sollte. Der Christ glaubt mehr und der Jude denkt mehr — „er singt Metaphysik und betet Logik" — also wird die jüdische Predigt weniger salbungsvoll und mehr argumentativ sein müssen. Früher konnte man die Argumente aus der Bibel, dem Talmud und dem Midrasch sich holen. Jetzt aber, da das Publikum vom Talmud und Midrasch sehr wenig versteht, bleibt nur noch olc einzige Beweisquelle, nämlich die Bibel, und über den richtigen Gebrauch derselben sind die Ansichten geteilt unter den Predigern und im Publikum. Der eine predigt ohne Text und argumentiert auf eigene Faust, während einem andern eine solche Predigt ganz fremdarlig und unbefriedigend oder wenigstens unjüdisch erscheint. Eine Klasse von Gemeindemitgliedern will von der jüdischen Litteratur und Geschichte garnichts hören, während die andere gerade das vom Prediger hören und lernen will, und hört sie das nicht, meint sie, garnichts gehört zu haben. Dabei sind die Prediger am schlimmsten daran, sie können nicht allen Ansprüchen gerecht werden. Daher kommt es, daß die Predigt unter uns noch keine feste Form gewonnen hat. Dazu kommt noch die Frage über den Inhalt. Eine Klasse verlangt, daß die Predigt religiöse und moralische Themata ausschließlich behandle, während eine andere vom Prediger über alle Tagesfragen, wenn sie auch das Judentum garnicht berühren, unterrichtet werden will. Da werden nun Dinge besprochen in der Predigt, die man ebenso gut in der Weinschänke verhandeln könnte. Und so ist man auch über das Was uneinig. Es fehlt uns an Form und Norm. Feuilleton. Dmin....! Von Saltikow-Schtsch edrin*). (Nachdruck verboten.) Die alte Wanduhr in dem Arbeitszimmer des Staatsanwalts schlug langsam, mit traurigem Tone, die fünfte Stunde. Es war Winter. Die Sonne war untergegangen, und Lampen und Kerzen erleuchteten nur schwach die hohen, kalten Zimmer; ' der Eingangsstur mit seinem abgeschabten Sopha und seinen Holzstühlen war fast ganz dunkel. Das Treiben in den weiten Räumen verstummte nach und nach, denn der Arbeitstag ging zu Ende; die Beamten schlossen ihre Akten und hüllten sich in ihre verschiedenen Kleidungsstücke, der eine in einen Paletot, der andere in einen Pelz, der dritte in ein Plaid. Knirschend fiel die Thüre hinter ihnen zu, und eine kalte Luft strömte in den Saal. Das Vestibüle leerte sich. Nur in einem Winkel saß auf einem Stuhle noch ein Bittsteller, der in einen schönen Nerzpelz eingehüllt war und in der Hand eine Sammetmütze hielt. Die Lampe, welche von der Decke herabhing, sandte nur ein schwaches Licht in seinen Winkel, und außerdem verbarg der Kragen des Pelzes sein Gesicht. Man unterschied nur einen grauen Kopf, einen gelblich weißen Bart und zwei lange magere Hände, die sich über den Knieen falteten. Bei jedem Knarren der Ausgangsthür zitterte der Fremde und erhob für eine Sekunde den Kopf. Im Arbeitszimmer des Staatsanwalts ertönte eine Klingel. Ein Diener stürzte in das Kabinet, kam sogleich wieder heraus und ersuchte den Bittsteller, einzutreten. Der Mann erhob sich, ließ den Pelz von den Schultern gleiten und wandte sich mit leisem, furchtsamen und zitternden Schritte der Thür des Kabinets zu. Bevor er eintrat, zog er aus der Tasche seines Ueberrocks ein seidenes Taschentuch und trocknete mit rascher nervöser Bewegung die großen Schweißtropfen, die ihm von der Stirn rannen. Der Fremde war ein Greis von ungefähr 70 Jahren, von mittlerer, leicht gebeugter Statur. Seine spärlichen Haare und sein großer Bart umrahmten ein längliches, schmales Gesicht, dessen scharfe Züge den jüdischen Ursprung verrieten. Die Gesichtsfarbe war blaß; tiefe Runzeln hatten sich in die Stirn gegraben; die Hände zitterten leicht, die ganze Persönlichkeit des Greises machte einen müden, lebenssatten Eindruck. Nur seine kleinen schwarzen Augen schimmerten in fieberhaftem Glanze, und auch das nur auf Augenblicke; dann erloschen sie und waren unter den angeschwollenen, geröteten Lidern kaum sichtbar. Der lange Rock von seineyi schwarzen Tuche, der augenscheinlich ganz neu war, schlotterte um seinen Körper; um seinen Hals hing eine schwere, goldene Kette, in deren Mitte ein mit Diamanten besetztes Medaillon befestigt war. Der Diener schloß die Thüre hinter dem Bittsteller, und der Greis verneigte sich tief nach der Richtung des Arbeitstisches, hinter dem der Staatsanwalt, ein -großer Herr mit schwarzen Haaren, saß. ') Deutsch von Wilhelm Thal.

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