Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 20 (15.5.1896)
- Date
- 1896-05-15
- Page
- Seite 349 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/4794838-9609712-9610080--1413-9610089- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 20. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 349. Juden als Erzieher gesetzt werden, sei es Pflicht, öffentlich zu erklären, daß diese Forderungen in diesem Falle aufgehoben seien, ja, daß von dem Herrn Pick erwartet werde, daß er sich jeder religiös-sittlichen Beeinflussung der Schüler, soweit das überhaupt möglich sei, aufs gewissenhafteste enthalte." — Wir haben unsre Darstellung in Nr. 18 noch einmal durchgelesen, und nachdem wir sie noch einmal gelesen, müssen wir noch einmal fragen: Wo sind hier die „wesentlichen Punkte", die. in jener Darstellung unrichtig sein sollen? Diese Berichtigung zeigt ja ein noch viel grelleres Bild als jener erste Bericht! — Antisemitismus in den Badeorten. Die Erfahrungen der letzten Jahre lehren uns, daß der feine wie rüpelhafte Antisemitismus leider auch in eine Reihe von Badeorten getragen worden ist. Jüdische Kurgäste haben in geradezu beschämender Weise unter den Ungezogenheiten und Widerlichkeiten dieser Bewegung zu leiden gehabt, so daß wir es als eine Pflicht erachten, aus Badeorte aufmerksam zu machen, die diese traurigste aller Sportarten mitmachen. Wir sind sonst keine Freunde des Boykotts, aber man kann es keinem Juden verdenken, wenn er Orte meidet, lpo er, statt die erhoffte Erholung zu finden, nur Gehässigkeiten und Beleidigungen ausgesetzt ist. Wir werden diese Orte nachdrücklichst an den Pranger stellen und bitten alle Leser, uns in diesem Vorhaben mit zuverlässigem Material zu unterstützen. Durch und durch antisemitisch sind': Borkum, Zingst, Gehlsberger Mühle bei Oberhof in Thüringen, Juist, Zinnowitz. Einzelne Beschwerden liegen vor über: Saßnitz und Binz. — Die Krönung des Zaren. Am Ende wird die Judenschast in Rußland bei der Zarenkrönung doch noch offiziell vertreten sein. Im Laufe des vorigen Monats schickte der Gouverneur von Kischinew zu dem Rabbi Abraham,Kotlawker und zeigte ihm ein Telegramm der Regierung in Petersburg vor, welches ankündigte, daß er und zwei andere Rabbiner zur Krönung eingeladen werden würden. Rabbi Kotlawker wurde wahrscheinlich deshalb gewählt, weil er an den Beratungen der letzten Rabbiner-Kommission, die in Petersburg (auf Veranlassung der Regierung) zusammentrat, in hervorragender Weise beteiligt war. Der verstorbene Zar verlieh ihm sogar die — Ritterwürde. Das wäre also die offizielle Vertretung der Juden. Ferner hat aber eine jüdische Gemeinde in Kaukasien um die Erlaubnis gebeten, eine Deputation mit einem etwas merkwürdigen Geschenk senden zu dürfen: das Geschenk besteht in einer Tafel mit den Zehn Geboten und einem gleichfalls auf der Tafel befindlichen Gebet für den Kaiser. Reuters Bureau meldet: Drei Rabbiner, einer von Petersburg, einer von Moskau und einer von Warschau werden den Krönungsfeierlichkeiten in Moskau als Vertreter der Judenschaft beiwohnen. In dieser Meldung ist aber von Rabbi Abraham Kotlawker nicht die Rede. — Ueber die Zahl der Juden auf der Erde zerbrechen sich unsere Gegner ihre würdigen Köpfe; sie vermeinen selbst in renommierten Werken nur unzuverlässige Angaben zu finden. So stehe beispielsweise in der letzten (XIV.) Auflage des Brockhausschen Konversations-Lexikons unter Juden am Schluffe eines längeren Aufsatzes eine statistische Zusammenstellung der gegenwärtigen jüdischen Bevölkerung der Erde wobei die Anzahl derselben nach Ländern geordnet ist. Unter anderen werden für Abessynien und Marokko je 200,000 geführt, also für diese beiden afrikanischen Länder allein schon 400,000 Juden. Die genannten Blätter fügen nun hinzu: Ganz abgesehen davon, daß diese Ziffer entschieden zu niedrig gegriffen sind, denn in Marokko sollen über 250,000 und in Abessynien gegen 3(0,000 Juden wohnen, steht in der in diesem Aussatze an letzter Stelle befindlichen Rekapitulation nach Erdteilen für Afrika die Gesamtanzahl der Juden mit nur 350,000 angegebenen (also 50,000 weniger als obige Länder allein), welche Zahl, wie aus der darunterstehenden Addition zu ersehen, kein Druckfehler sein kann. Es werden nämlich (für das Jahr 1892) angegeben: für Eüropa 5,415,000, Asien 310,000, Afrika 350,000, Amerika 250,000, Australien 120,000, in Summa also 6,337,000 Juden. Diese Summe ist ganz bedeutend zu niedrig. Nach anderen Quellen beläuft sich die Gesamtzahl der heutigen Juden auf über 8 Millionen, d. h. auf weit mehr, als das jüdische Reich zur Zeit seiner höchsten Blüte je besessen. Die oben angegebenen Zahlen dürften für Europa und Australien annähernd richtig sein. Für Amerika sind 250,000 viel zu wenig. New-Aork hat allein gegen 300,000, Chicago über 100,000 Juden; auch in vielen anderen Städten der Union giebt es große jüdische Gemeinden. Die Anzahl der Juden in Surinam (Holländisch Guyana) und in Argentinien ist ebenfalls bedeutend. Auch die Zahlen für Asien und Afrika sind viel zu niedrig, für letzteres dürften 800,000 angenommen werden. Für Ost-Indien giebt Brockhaus im ganzen 1000 Juden an, obwohl allein in der Präsidentschaft Bombay etwa 4000, in Cochin (an der Malabarküste) über 2000 leben. In der asiatischen Türkei (inclusive Arabien) und in Persien leben mehr Juden, als Brockhaas für ganz Asien ansührt. — Woher diese Blätter ihre Wissenschaft haben, das verraten sie nicht. — Ruhestörungen in Persien. Schah Nasr-Eddin wurde, wie allgemein bekannt, am 1. d. M. von einem zur Sekte der Babisten gehörigen Fanatiker ermordet, und sein jüngerer Sohn Mussafer-Eddin wurde als fein Nachfolger proklamiert, da Massud Mirza, der ältere Sohn, dessen Mutter keine Prinzessin von kaiserlichem Geblüte war, nicht zur Thronfolge berechtigt erschien. Ein Thronwechsel in Persien ist stets von größeren oder geringeren Ruhestörungen begleitet. So fanden denn auch arge Exzesse in Schiras statt, bei denen große Warenvorräte geplündert wurden. In der Nähe dieser Hauptstadt der Provinz Farsistan versuchte es am 3. d. M., abends, ein Haufe von Räubern, die Judenquartiere zu plündern, die Juden waren auf ihrer Hut und vertrieben von den Dächern herab Die Räuber mit Steinwürfen. — Russen, Abessynier und Juden. Seitdem die Italiener sich im Hochlande von Habesch sestzusetzen suchen, haben die Russen auf einmal mit bewunderungswürdiger Phantasie ihr Herz für die Abessynier entdeckt und herausgefunden, daß diese eigentlich ihre Glaubensgenossen sind. Darin liegt, wie eine vornehme Londoner Wochenschrift richtig bemerkt, eine köstliche Ironie. Was nämlich die abessynische Religion nicht der armenischen, koptischen und syrischen Kirche verdankt — und