Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-05-15 · 20 (15.5.1896) · p. Seite 348

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
20 (15.5.1896)
Date
1896-05-15
Page
Seite 348 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/4794838-9609712-9610080--1412-9610088
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 348 Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 20. Prüfungen selbst vorzunehmen, welcher Beschluß auch regierungsseitig bestätigt wurde (Landesherrliche Verordnungen vom 22. Juli 1872). N) ochen - (Ohronik. Berlin, den 12 Mai. — Lehrcrelend. Einem hiesigen Blatte wird unterm 10. d. M. aus Diepholz telegraphiert: „In der hiesigen Synagoge hat sich heut Nacht der jüdische Lehrer Höxter erschossen. Als Beweggründe gelten Nahrungssorgen und ein schlechtes Verhältnis zur Gemeinde." — Dieser Schuß wird, wir hoffen cs, den entsprechenden Widerhall in jüdischen Lehrerkreisen finden. — Treitschke. Der Nachruf, den wir auf den verstorbenen Historiker gebracht, ist der antisemitischen Presse in die Glieder gefahren und hat sie in ein Wutgeheul ausbrechen lassen, das sich in den Spalten jener Blätter, die von Schmähung und Beschimpfung leben, recht sonderbar ausnimmt. Als ob ein Jude nicht eine Katze eine Katze und einen Hasser einen Hasser nennen dürste, nennen müßte. Nicht um uns vor dem antisemitischen Preßgelichter zu rechtfertigen, sondern um unseren Aussatz zu ergänzen, lassen rmr einen Christen über den Verstorbenen sprechen. In der Franks. Ztg. schreibt Dr. M. Schwann: „Der einseitigen Natur des starken Mannes, dessen Wirken nicht denkbar ist ohne rechtschaffenen Haß und tiefen Ekel, zollte Treitschke einen noch weit aufregenderen Tribut durch seine Schrift: „Ein Wort über unser Judentum", welche 1880 erschien. Unter den vielen Entgegnungen, welche diese Schrift, hervorries, befand sich auch eine des Berliner (Straßburger) Geschichtsprofessors Harry Breßlau, welchem Treitschke in den preußischen Jahrbüchern eine Antwort zuteil werden ließ. Er betonte hier abermals: „Wir wollen nicht, daß den Jahrhunderten germanischer Gesittung ein Zeitalter deutsch-jüdischer Mischkultur folge." Er rät den Juden, wie schon früher, sich lediglich als deutsche Bürger israelitischen Glaubens zu fühlen. Dieser Rat erscheint um so naiver, als für Treitschke die Geschichte ein „erbarmungsloser Rassenkampf" war .... Fürchtete er den Orientalismus einer gewissen Klasse von Juden, so hätte er nur bedenken sollen, daß eine tiefer stehende Kultur und Gesittung nur da in einem zivilisierten Lande Boden zu fassen vermag, wo die heimische Kultur selbst Rückständigkeiten und Verfallsmomente aufweist, und daß unser deutsches Bauerntum zumal mit den geistigen und technischen Waffen, welche ihm Staat und Gesellschaft der jüngsten Vergangenheit überlieferten, den Anforderungen der modernen Zeit nicht mehr gewachsen ist, hätte ihm jeder Blick in die statistischen Tabellen der Landwirtschaft offenbaren können. Nein, aus rechtschaffenem Haß und tiefem Ekel flössen die Argumente Treitschkes in dieser wie in so mancher Frage. „Die deutsche Judenfrage," meinte er, „wird nicht eher zur Ruhe kommen, das Verhältnis zwischen Juden und Christen sich nicht eher wahrhaft friedlich gestalten, als bis unsere israelitischen Mitbürger durch unsere Haltung die Ueberzeugung gewinnen, daß wir ein christliches Volk sind und bleiben wollen." Ob diese conservative Beteuerung mit seiner Anschauung, daß eine spätere Zeit erst die reinere Form des Christentunls bringen werde, noch im Einklang steht, überlassen wir andern zur Entscheidung. Die Christlichkeit, welche noch nicht da ist, kann doch unserem Gefühl nach nicht als Trumpf ausgespielt werden gegen die Bedrohung christlicher Gesittung durch das Judentum. . . . „Nichts ist gefährlicher für das kindliche Gemüt, als die inhaltlose Phrase" — sagt Treitschke selbst." — Der Vollständigkeit halber sei noch mitgeteilt, daß im „Börsen-Courier" der Antisemitismus Treitschkes in Abrede gestellt wird. Das Blatt erzählt: „Im Jahre 1894 gab ein rheinischer Schrissteller, Joseph Schrattenholz, eine Anthologie über Juden und Judentum aus der Weltlitteratur unter dem Titel „Antisemitenhammer" heraus. In diesem Werke bildet die Rubrik „Zeitstimmen über den Antisemitismus" den wichtigsten Teil. Für diese Zeitstimmen erbat sich der Herausgeber von den angesehensten Gelehrten und Schriftstellern der Gegenwart ihre Urteile über die Juden. Er schrieb auch an Treitschke. Und dieser sandte ihm — dies war im Jahre 1894 — nur die folgenden Exzerpte aus seiner im Jahre 1879 erschienenen Schrift „Ein Wort über unser Judentum". „Es wäre sündlich zu vergessen, daß sehr viele Juden, getaufte und ungetaufle, Felix Mendelssohn, Veit, Rießer u. a. — um der Lebenden zn geschweige» — deutsche Männer waren im besten Sinne des Wortes. — Unser Zeitungswesen verdankt jüdischen Talenten sehr viel. — Von einer Zurücknahme oder auch nur Schmälerung der vollzogenen Emanzipation kann unter Verständigen garnicht die Rede sein. Heute haben die wirklich bedeutenden und gesunden Talente unter unseren jüdischen Künstlern und Gelehrten längst eingesehen, daß sie nur auf den Bahnen deutschen Geistes Großes erreichen können. Und sie handeln danach. — Unsere Sorglosigkeit und Schwerfälligkeit könnte von den wirtschaftlichen Tugenden des jüdischen Stammes manches lernen!" — Mit Emphase fügt das Blatt hinzu: „Das ist Treitschkes Urteil über das Judentum im Jahre 1894!" Wer jedoch die genannte Schrift ganz liest: wer da weiß, daß in dem nämlichen Jahre 1894 der 5. Band von Treitschkes Geschichte Deutschlands erschienen ist, in welchem der Historiker Juden und Judentum mit Jnvektiven schlimmster Art überhäuft, der wird ohne Emphase, aber nicht ohne Resignation jenem Berichte hinzufügen: Das ist die Urteilslosigkeit eines liberalen Blattes im Jahr 1896! — Die „wesentlichen Punkte". Unter dem Stichworte „Abgewiegelt" teilten wir in der vorigen Nummer mit, Oberlehrer Dr. Pick in Erfurt habe erklärt, die auch von uns gebrachte Darstellung seiner Einführung ins Amt sei in wesentlichen Punkten unrichtig. Wir erlaubten uns nach dem Wesen dieser „wesentlichen Punkte" ausdrücklich zu fragen, und sind heute in der Lage, die Antwort hierhersetzen zu können: „Dr. Zange hat nur Gelegenheit genommen, sich in ungefähr folgender Weise zu äußern: Er habe die Schüler an ihre Pflicht des Gehorsams gegen den neuen Lehrer erinnert, habe dann auch dem Herrn Pick seine Pflichten vorgehalten, und da sei naturgemäß auch eine Klarstellung des religiösen Lebens erfolgt. Die Erziehung solle nach den Instruktionen keine andere sein, als eine christliche. Angesichts dieser Instruktion, wie des schreienden Mißverhältnisses, daß Kindern christlicher Eltern

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.