Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-05-15 · 20 (15.5.1896) · p. Seite 345

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
20 (15.5.1896)
Date
1896-05-15
Page
Seite 345 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/4794838-9609712-9610080--1409-9610085
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 20. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 345. Für das russisch-jüdische Krankenhaus in Memel schlägt die Kommission in Uebereinstimmung mit dem Vorstand die Summe von — 50 (fünfzig!) Mark auf drei Jahre vor. lieber diese „Sparsamkeit" zeigte sich allgemeines Staunen, das sich in verwunderten Ausrufen Lust machte. Die Versammlung stimmte denn auch einem Anträge des Herrn Bodenstein zu, welcher die Subvention aus 100 Mark jährlich erhöhte. Diese Summe fanden unsere Vertreter der Würde und Größe der Berliner Gemeinde angemessen, sintemalen Herr Meyer den famosen Antrag auf Gewährung von nur 50 Mark mit der wörtlichen Bemerkung begleitete: „Es handelt sich ja nur um Russen, nicht um Deutsche." Jedes Wort eines Kommentars würde die Wirkung einer so zu Tage tretenden humanen Gesinnung des Herr:: Meyer nur abschwächen können. Wir können es aber jetzt begreifen, warum Herr Meyer nicht wünscht, daß seine Reden durch stenographische Ausnahme der Nachwelt überliefert werden. Für den Verein „Emser Heilquelle" bewilligt die Versammlung die Summe von 150 Mark, gegen 75 Mark im Vorjahre, vermutlich weil diese Subvention die Deutschvolklichkeit des Herrn Justizrat Meyer nicht antastet. Schließlich entsendet die Versammlung an Stelle des ausgeschiedenen Herrn Ruß Herrn Dr. Blumenthal in das Kuratorium der Adolph Reichenheim-Stiftung. Damit hatte die öffentliche Sitzung ihr Ende erreicht. Hoil) kill Ulort übet die {ittccatiic-llfrfinf. Wir erhalten folgende zwei Zuschriften, die wir der Reihe nach veröffentlichen: Berlin, 0. Mai 1896. I. Sehr geehrter Herr Redakteur! Das Urteil, das Herr Dr. Bernfeld über die jüdischen Litteraturvereine in Ihrem Blatte gefällt hat, scheint mir doch recht ungerecht zu sein. Zugegeben, daß die Oberflächlichkeit und Mittelmäßigkeit häufig über Können und Wissen den Sieg davon trägt — ist denn das nur bei den jüdischen Litteratur-Vereinen der Fall? Wird nicht häufig selbst auf Universitäten darüber geklagt? Man soll daher nicht das Kind mit dem Bade ausschütten und sich über das Gute freuen, das trotz alledenr gestiftet wird. Es ist nicht zu leugnen, daß die Litteraturvereine viel dazu beigetragen haben, das Interesse an jüdischer Litteratur und Geschichte zu verbreiteu, und namentlich auch auf Kreise zu wirken, die in religiöser Beziehung gleichgiltig ivaren. Natürlich ist eine Verbreitung ohne Verflachung nicht möglich, die Vertiefung wird folgen müssen. Diesen Lebensbedingungen unterliegt im Zeitalter der Demokratie die Wissenschaft des Judentums in gleicher Weise wie alle Wissenschaft. Dr. Heinrich Meyer Cohn. II. Die Redaktion dieser Zeitschrift hatte die Freundlichkeit, mir einen Korrektur-Abzug obiger Zuschrift zugehen zu lassen. Da die Zeilen des Herrn Dr. Heinrich Meyer Cohn für die Oeffentlichkeit bestimmt sind, so ist gewiß damit keine Indiskretion begangen worden, während ich dankbar die Gelegenheit benutzen kann, sowohl aus die oben gehörten Einwürfe, als auf solche, die mir von Freunden und Gesinnungsgenossen gemacht worden sind, in wenigen Worten zu antworten. Eine ausführliche Charakterisierung der Litteratur-Vereine behalten wir uns für eine andere Zeit vor. Vor allem möchte ich der Meinung entgegentreten, als ob wir den Vereinen an sich Schaden zufügen wollten. Im Gegenteile gebe ich gerne zu, daß das Ziel, die jüdische Litteratur beim großen Publikum populär zu machen, ein sehr löbliches sein kann. Nur stößt uns die geschäftsmäßige Ausschlachtung dieser Idee zurück. Es wird. Herrn Dr. Cohn vielleicht unbekannt sein, welche Form die Berliner Macher der Sache gegeben. Zwei Litteratur-Reisende flicken sich mit Anbruch der Winter-Saison aus altem abgeleiertem Zeug einen „Vortrag" zusammen. Diese Vorträge werden fleißig memoriert, und nun beginnt die Fechtreise. Der eine absolviert die größeren, der andere die kleineren Stävte. Wenn dies geschäftliche Unternehmen als solches gelten würde, so hätte kein Mensch etwas dagegen einzuwenden. An schlechte Ware sind wir so ziemlich gewöhnt, und ich gehöre nicht zu denjenigen Sozialpolitikern, die bei jeder Gelegenheit die Klinke der Gesetzgebung in Bewegung setzen wollen, um das Publikum vor der Gefahr, „angeschmiert" zu werden, zu schützen; Sache des verehrlichen Publikums ist es, selbst die Augen offen zu halten. Aber wenn sich die Mache als „Rettung" der Judenheit ausgeben und chre Leistungen dem Publikum im Namen des Judentums anbieten will — da müssen wir fragen, was das Judentum thatsächlich dabei gewinnt. Mit dem Sechsdreier-Enthusiasmus, an dem sich andere, nüchtern angelegte Naturen berauschen, kann uns nicht gedient sein. Möge Herr Dr. Cohn gelcgentlich solche Vereinsabcnde selbst besuchen; ich hoffe, er wird mir dann Recht geben. Da darf keine Rücksicht genommen werden; sind die Litteratur-Vereine an und für sich ein löbliches Unternehmen, so werden sie erst recht gedeihen, wenn es uns gelingt, die Zweigvereine in der Provinz zu bewegen, die Reiseonkel aus Berlin mit ihren faden Redensarten und Witzchen zurückzuweisen. Gelingt uns dies nicht, nun dann verdienen sie nichts besseres. Da mir der Raum knapp zugemesfen ist, muß ich vorläufig schließen. Aber noch ein Histörchen, welches den ganzen Rummel am trefflichsten illustriert, muß ich zur Erbauung der geschätzten Leser zum besten geben. Die guten Seelchen der Litteratur-Vereine gleichen nämlich dem Geist, den sie begreifen. Als hier der erste Artikel gegen diese „Bewegung" erschienen war, steckten sie brav die Köpfe zusammen, um zu beraten, was zu thun sei. Der erste Einfall war natürlich — beim Verleger dieses Blattes dahin zu wirken, daß mir die Spalten der „Allg. Israel. Wochenschrift" verschlossen würden. Von diesem Vorhaben kam man ab, als bekannt wurde, daß die Redaktion dieses Blattes nach jeder Seite unabhängig ist. Aber man war entrüstet. „Man kann doch nicht alle Welt einladen, Vorträge zu halten," meinte ein Achtgr'oschen-Gelehrter vom Litteratur-Verein. D. h. also, wenn man gegen den Verein schreibt, so hat man den Ehrgeiz, in seinem Kreise Vorträge zu halten! Bald darauf erschien hier eine „Verteidigung" der Litteratur-Vereine, und man muß zugeben: unbescheiden sind die Herren nicht, denn selbst eine Verteidigung, die allerhand Unannehmlichkeiten enthielt, machte ihnen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.