Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 20 (15.5.1896)
- Date
- 1896-05-15
- Page
- Seite 344 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 344. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 20. Statt der Abwehrzeitschriften und Abwehrlitteratur, welche kein Christ liest und dem Juden wiederum wegen ihrer Fadheit ungenießbar sind, wäre es viel notwendiger, Zeitschriften und Bücher unter die Juden zu verbreiten, deren Zweck es wäre, über das Judentum und seinen geistigen Inhalt, über seine Geschichte und seine Bedeutung zu belehren. Freilich müßte dieses hohe Ziel ernst aufgefaßt werden, damit es nicht im Laufe der Zeit das werde, was leider Gottes alle unsere Institutionen geworden: eine hohle Mache. Es ist endlich an der Zeit, daß mit diesem Humbug aufgeräumt werde, daß sich jeder Jude dessen bewußt werde, daß nicht mit dem Spenden irgend einer beliebigen Summe zu Abwehrzwecken der Sache gedient sei. Jeder müßte sich selbst etwas mehr umschauen, um sich endlich zu überzeugen, welcher gefahrvollen Zukunft wir entgegen gehen. Das Judentum muß nach Innen gestärkt werden. Es ist eine heilige Pflicht der wohlhabenden Glaubensgenossen, sich etwas mehr um ihre hart bedrängten Brüder zu kümmern, die bisher allein die Kosten des Kampfes zu tragen hatten. Nicht mit schönen Worten und mit lauten Protesten helfen wir unseren leidenden Glaubensbrüdern; diese Kampfmethode riecht nach modernem Gethue — unsere Vorfahren griffen bei solchen Anlässen in die Taschen, ohne viele Worte zu machen. Andererseits muß auch die Verteidigung des Judentums unter seinen eigenen Bekennern gefördert werden. Nicht in einer Polemik gegen die Antisemiten, sondern in belehrenden Schriften, welche das Herz erwärmen und das Gemüt erheben. Solche Ziele schwebten unserm unvergeßlichen, edlen Gabriel Rießer vor, als er, der bescheidene und liebenswürdige Vorkämpfer unserer Sache, für das Judentum einzutreten sich entschloß. In Wort und Schrift suchte er den gesunkenen Mut seiner Glaubensgenossen zu beleben, sie zur Ausdauer und zum Ausharren im Kampfe zu ermutigen, es jedem Inden als eine Ehrensache ans Herz zu legen, gerade jetzt, wo sie mitten im Kampfe stehen, die Fahne, für die wir bisher gekämpft, nicht zu verlassen. Andererseits gründete er Vereine, um alle diejenigen, denen der Kampf ums Dasein durch die judenfeindliche Bewegung erschwert geworden, wirksam zu unterstützen. Die Waffen nieder! so weit es sich um den Kamps gegen die antisemitische Horde handelt, bei der die Bestie im Menschen zum Vorschein gekommen. Die Waffen hoch! wo es gilt, unseren Glauben, unser väterliches Erbe zu schützen; wo es gilt, unseren armen, notleidenden Glaubensbrüdern kräftig zu Hilfe zu kommen. _ Ans -cm Kerlincr Kcmcindepnrlnmcnt. Die Tagesordnung der dieswöchentlichen Repräsentantensitzung war keine besonders reichhaltige. Nichtsdestoweniger kam es zu recht lehrreichen Auseinandersetzungen aus den verschiedensten Gebieten der Verhandlungen. Zu Beginn der Sitzung teilte Herr Landsberger mit, daß Herr Moritz Manheimer aus Anlaß seines 70. Geburtstages dem jüdischen Krankenhause ein Geschenk von 20000 Mark überwiesen habe. Sodann gab er der Versammlung Kenntnis von zwei, in der Sache fast gleichlautenden Beschwerden. Zwei Mitglieder der Gemeinde, die am vergangenen Peßachseste den Gottesdienst in der Lindenstraße besuchen wollten, konnten bei dem ungeheuren Andrang nichr in die Synagoge hineingelangen, obwohl beide Inhaber von Synagogensitzen waren. Aus erfolgte Beschwerde hat der Vorstand, wie Herr Justizrat Meyer mitteilte, beschlossen, an allen jüdischen Feiertagen, die mit einem Sonntag oder christlichen Feiertag zusammensallen, zwei Gottesdienste abhalten zu lassen, und zwar soll der Eintritt zum zweiten Gottesdienst nur gegen Karten gestattet sein. Gegen diese letztere Maßregel wandten sich verschiedene der Herren Repräsentanten und betonten mit Recht, daß jedes Gemeindemitglied ein Anrecht habe auf Teilnahme am Gottesdienst, während solche Maßregeln nur ein Privilegium für die Begüterten schaffen würden. In der Sache selber sind solche Versuche zur Abhilfe nur kleinliche Notbehelfe und Palliativmittelchen für den Augenblick. Der Kern der Sache liegt tiefer. Der oft gerügte Mangel an Synagogen trägt die Schuld, daß selbst Leute, die ihr gutes Geld an die Gemeinde zahlen, am Feiertage keinen Platz finden können im Gotteshause, zu dessen Bau doch auch ihr saurer Schweiß mit beigetragen hat. Auf das einzige wirkliche und gründliche Mittel zur Beseitigung derartiger Uebelstände: den Bau von Synagogen in genügender Anzahl, kam merkwürdigerweise kein einziger der Herren. Erwähnen wollen wir noch, daß bei dieser Gelegenheit Herr Landsberger sowohl wie Herr Bodenstein wiederum gar bewegliche Klagen führten über schlechte akustische Verhältnisse. Und dabei sitzen die Herren noch unten im Saale! Herr Prof. Lewin gab sodann die Anregung, über die Verhandlungen der Versammlung stenographische Protokolle aufnehmen zu lassen. Auch wundert sich Redner darüber, daß der Vorstand der Versammlung keine Kenntnis gebe von dem, was bei Gelegenheit des Ablebens des Baron Hirsch geschehen sei von seiten der Gemeindeverwaltung. Herr Justizrat Meyer erklärt sich für seine Person gegen die stenographische Aufnahme der Verhandlungen, ebenso Herr Dr. Weigert. Es ist für manche Herren gewiß unangenehm, wenn ihre Reden und Thaten derartig festgelegt und verewigt werden. Es mag manchmal fatal sein, wenn man z. B. bei Wahlen auf früher Gesagtes festgenagelt wird, aber der Gedanke einer stenographischen Fixierung ist dennoch, oder vielmehr gerade darum gar so übel nicht und sollte in ernste Erwägung gezogen werden. Die Versammlung erklärte sich sodann einverstanden mit der Annahme einer Schenkung von 12,000 Mark, welche Frau Julie Reumann gelegentlich ihres 60. Geburtstages der Altersversorgungsanstalt gemacht hat. Dem Religionsverein Bene Berith wird für die Zeit vom 1. April bis 30. September 1896 eine Subvention von 1000 Mark bewilligt. Eine längere Diskussion entstand bei der Bewilligung einer Subvention für den Verein für jüdische Geschichte und Litteratur. Der Vorstand will nur eine solche in Höhe von 300 Mark bewilligen, während die Kommission auf 500 Mark anträgt. Sehr viel Sympathie scheint sonach der Verein an dieser Stelle zur Zeit nicht zu besitzen. Auch die Versammlung bewilligte nach längerer Diskussion gemäß dem Anträge des Vorstandes nur 300 Mark. Wir freuen uns über diese Subvention, finden sie jedoch um 300 Mk. zu hoch.