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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-05-15 · 20 (15.5.1896) · p. Seite 343

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
20 (15.5.1896)
Date
1896-05-15
Page
Seite 343 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 20. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 848. Während der Feind an die Thore pocht, herrscht in den Gemeinden Zank und Streit, das armselige bischen Judentum ist ein Spielball des Ehrgeizes, und eine wichtige Sorge ist, daß nur keiner in die häßliche und schmutzige Küche hineinschaut, in der unsere religiösen Angelegenheiten präpariert werden. Meist wird es bei diesen Kämpfen des Ehrgeizes vergessen, daß es eigentlich unsere Religion ist, der alle unsere Verwaltungsinstitute dienen. Wir sind auch gegen den Abfall viel zu konnivent und rücksichtsvoll. Jeder Fanatismus liegt uns fern und Höflichkeit ist eine vielleicht unentbehrliche Lebensform. Wir stimmen keineswegs ein in den leidenschaftlichen Ruf, den einst ein deutscher Dichter erhoben: „Pestörtern gleich flieh jenen Ort, wo neuer Glaube keimt; dort zieht man dir mit süßen Zangentönen aus tiefer Brust hervor das alte Herz, und legt dir eine Schlange dafür hinein." Aber es läßt sich doch etwas schärfer markieren, daß ein Treubruch stattgefunden hat, wie es jetzt geschieht. Unsere Väter haben um einen Abtrünnigen wie um einen Toten geklagt und getrauert. Zwei Brüder, beide hochgelehrte Männer, haben Jahrzehnte in einer Stadt gelebt, ohne sich zu sprechen, weil der eine die alte Fahne Israels verlassen hatte.*) Auch wer diese rigorose Strenge für eine Uebertreibung hält, wird doch die Gleichgiltigkeit tadeln, mit der vielfach in jüdischen Kreisen der Glaubens Wechsel betrachtet war. Wie dem Landmanne der zur Pfingstzeit auf eine von Nässe und Kälte heimgesuchte Flur schaut, so wird uns trüb zu Mute, wenn wir auf die armselige Entfaltung des Judentums in unserer Mitte sehen. Wenn die Erstlingsfrüchte saftlos sind, dann fürchten wir, werden auch die Spätlinge nichts taugen. Sollen wir Licht verkünden, wenn es dunkel ist: Jeremias schilt diejenigen, welche die Augen verschließen vor schweren Schäden: „Sie möchten den Bruch dieses Volkes so leichthin heilen und sprechen: Heil, Heil und es ist kein Heil." Trotzdem wissen wir, daß das Licht des Sinai nicht erlischt, und wir geben die Hoffnung nicht auf, daß auch diejenigen, die jetzt matt geworden sind, sich auf ihre Kraft besinnen und sich wieder kräftig regen werden im Dienste des Heiligtums. 8. R. Die Waffe« nieder! II. Die geräuschvolle Methode, den Antisemitismus zu bekämpfen, hat in Oesterreich vollständig Fiasko gemacht. Man hat sich in Wien bereits überzeugt, daß man durch litterarische Polemik auch nicht einen einzigen Antisemiten bekehren kann, während oft durch taktlose Schreiber die Sache des Judentums kompromittiert wird. In früheren Jahren glaubte man jedesmal das Judentum „gerettet" zu haben, wenn in irgend einem Blatte ein scharfer Artikel gegen den Antisemitismus veröffentlicht oder im Parlament eine zündende Rede gehalten wurde; mau mußte aber gleich erfahre», daß der Tote sich sehr wohl befand. Man thut den Antisemiten zu viel Ehre an, wenn man in ihnen blos Bethörte und Verirrte vermutet; man hat es *) Gemeint sind David und Paulus Cassel. Red. einfach mit Leuten zu thun, die selbst von der Verlogenheit ihrer Behauptungen überzeugt sind, die es aber für gut finden, gegen die Juden ehrenrührige Behauptungen anfzustellen. Nicht weil sie in dem jüdischen Schrifttum irgend welche unmoralische Aussprüche gefunden haben, sind sie Judenfeinde geworden, sondern weil sie aus niedrigen Motiven wütende Judenfeinde sind, suchen sie im jüdischen Schrifttnm nach Aeußerungen, die ihnen scheinbar Recht geben. Bei solchen Gegnern ist jedes Wort unnütz verschwendet. Es ist dies eine sehr bequeme Methode und ein sehr billiges Vergnügen dazu, wenn sich Juden zusammenthun, um in jüdischen Zeitschriften — die selten ein Christ und noch seltener ein Antisemit liest — das Judentum zu verteidigen, oder in einem Verein, der nur von Glaubensgenossen besucht ist, den Antisemitismus zu bekämpfen. Wenn dadurch nicht die wirklich notwendige Abwehr vernachlässigt würde, so wäre dies ein unschuldiges Vergnügen. So aber, wie die Verhältnisse liegen, kann vor diesem Thun nicht genug gewarnt werden. Der Antisemitismus stiftet nach zwei Richtungen hin großen Schaden an. In erster Reihe haben darunter viele Existenzen zu leiden; viele Glaubensgenossen, die sich sonst ehrlich und redlich ernähren konnten, sind durch die antisemitische Hetze in eine ökonomische Bedrängnis geraten. Es sind gerade die besten und ruhigsten Elemente unter uns, welche von dem Antisemitismus hart mitgenommen sind. Merkwürdigerweise sehen uns diejenigen Bezirksvereinsgrößen, welche in den Versammlungen so bitter über antisemitische Verfolgungen klagen, garnicht danach aus, als ob sie unter der antisemitischen Bewegung viel zu leiden hätten. Diejenigen, deren Existenz durch die Hatz erschüttert wird, sind entweder viel zu sehr von den täglichen Sorgen geplagt, als daß sie Zeit und Muße fänden, beim Glase Bier über den modernen „Rischus" tiefsinnige philosophische Betrachtungen anzustellen und wie die Mirabeau der Bierstuben über die Bosheit der Judenfeinde zu wettern — oder sie sind viel zu stolz dazu, um ihr persönliches Leid aller Welt zu klagen; sie verbeißen einfach den Schmerz und ertragen ihn, so gut sie können. Hingegen ist es für gewisse Vereinsredner ein zu billiges Martyrium, mit dem Mißgeschick anderer zu posieren und große Worte zu machen. In Berlin ist durch eine Regierungsverfügung eine Anzahl von jüdischen Lehrerinnen um das kärgliche Brot gebracht worden. Bisher haben wir blos Zeitungsartikel zu Gesicht bekommen und fulminante Reden gehört; aber es ist uns noch immer nicht gelungen zu erfahren, ob außer mehreren Protesten die doch weiter nichts als Schall und Rauch sind, irgend etwas geschehen sei, jenen armen Mädchen einen Ersatz zu bieten. Die zweite verderbliche Richtung des Antisemitismus ist die Herabsetzung des Judentums, nicht etwa vor Christen, sondern vor Juden. Zu einer Zeit, in der das Judentum von seinen Bekennern gekannt war, hätte dies nicht die kleinste Gefahr für uns enthalten. Wie aber die Verhältnisse jetzt beschaffen sind, ist wohl die Gefahr vorhanden, daß viele Juden, von außen bedrängt und innerlich dem Judentum entfremdet, dem väterlichen Glauben den Rücken kehren.

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