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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-05-15 · 20 (15.5.1896) · p. Seite 342

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
20 (15.5.1896)
Date
1896-05-15
Page
Seite 342 (sequence 2)
Language
German
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Seite 342. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 20. durch unerhörte Frevel ihren Sturz herbeigeführt; aber jedesmal, wenn solch' ein unheilvoller Mann sein eigenes Grab grub und darin fiel, konnten wir sagen: Den Bösen sind wir los, die Bösen sind geblieben. Wie groß die Gefahr ist, dafür kann schon dies als Beweis gelten, daß sonst ganz begabte und mutige Männer den Kampf als aussichtslos aufgeben und dies öffentlich erklären. Nicht die lärmenden Gegner fürchten wir: sie waren in der letzten Zeit die einzigen, die uns etwas genützt haben. Aber eine stille Feindschaft drängt uns Schritt um Schritt aus dem öffentlichen Leben, aus der Gesellschaft, aus allen höheren Berufen, erschwert uns den Erwerb, erweckt und nährt das Mißtrauen; manche sagen zwar: wir merken den Gegner nicht; so geht es uns mit vielen Uebeln; wer merkt bald, daß die Jugend schwindet, daß das Alter herankommt; unerwartet, mählich, in langsamen Schritten schleicht es sich an uns heran, und plötzlich ist es da und wir haben es doch so fern geglaubt; so ist es mit diesem argen Feinde; nicht wie ein offener Gegner, sondern wie ein schleichendes Gift sucht er uns zu schaden; wir können nicht angeben, was von gestern auf heut schlimmer geworden ist, aber wenn wir aus zwei Jahrzehnte zurückblicken und Vergleiche anstellen, dann merken wir, wie vieles sich gewandelt hat, wie unsicher wir geworden sind im Verkehr, wie scheu und zag wir für unser Recht eintreten, wie eng der Kreis unserer Freunde geworden ist. Tröstlich wäre es, wenn wir uns sagen könnten: Dies alles leiden wir für unseren Glauben; das höchste Heiligtum eines Menschen ist die Ueberzeugung, die er in seinem Busen trägt, und für sie kämpfen, für sie dulden, ist süß, auch wenn Kampf und Leid selbst bitter sind. Und allerdings genießen wir bis zu einem gewissen Grade diesen Trost; ein Wort, das die einen uns mit Gewalt abzwingen, daß die anderen mit List und Betrug uns abschmeicheln möchten, gäbe uns einen Freibrief auf so viele Güter und Ehren, die uns jetzt versagt sind, und es bleibt immerhin ehrenwert, daß der Abfall zu den seltenen Ausnahmen gehört. . Wenn wir die Wunden aufdecken, die an unseren Kräften zehren, so können wir auch die gesunden Säfte nicht außer Acht lassen, die in unseren Adern rinnen. Aber die werbende Kraft unseres Glaubens wird beeinträchtigt und die Feindschaft gegen uns wird genährt dadurch, daß sich besonders in unserem Vaterlande, welches vorläufig noch der Mittelpunkt des modernen jüdischen Lebens ist, die jüdische Bevölkerung meist dem Handel zuwendet. Schon am Anfang unseres Jahrhunderts haben edle jüdische Männer die „Unterdrückung der einseitigen Neigung zum Handel" als einen wesentlichen Punkt in das Progamm der Erneuung des Judentums ausgenommen. Wir muten nicht demjenigen zu, der zu den Gipfeln der Wissenschaft aufstrebt, am Pfluge zu arbeiten und mit der Nadel zu hantieren; auch wer ein großes kaufmännisches Wesen mit Geschick zu leiten versteht, kann für sich und die Gesamtheit dadurch besser sorgen, als durch gewöhnliche Tageärbeit. Aber wer im Kleinkram seine Tage hinbringt, der würde redlicher und besser leben in schlichter Arbeit als in diesen Berufen, die doch auch der Verführung zur Unredlichkeit leichter preisgegeben sind. Wer im Handwerk sich auszeichnet, stiftet zweifellos Nutzen und entwaffnet den Neid und den bösen Sinn. Nach einem Jahrhundert ist dieser Punkt des sozialen Reformprogammes, das weise Männer ausgestellt haben, die Juden zur produktiven Arbeit zu führen, noch nicht erfüllt. Wer kann leugnen, daß diese Einseitigkeit des Erwerbs, welche in entschiedenem Widerspruch mit den Grundschriften unseres Glaubens steht und allerdings in unduldsamen Zeiten uns ausgedrängt worden ist, weit mehr als das religiöse Bekenntnis den Haß weckt und nährt. Und auch diejenigen, die am Judentum halten, wie wenig halten sie vom Judentum. Sehr viele werden in dem regelmäßigen Laufe des Daseins nur wenn sie Stenern zahlen daran erinnert, daß sie Juden sind. Wird diese kümmerliche Pflanze, als welche das Judentum in deutschen Gauen sich zeigt, das nächste halbe Jahrhundert überdauern? Früher schien es, als stände das orthodoxe Judentum in diesen Landen auf dem Aussterbeetat; aber diese Strenggläubigkeit, so sehr sie im Widerspruch zu stehen scheint mit den Ideen unseres Zeitalters, hat sich merkwürdig erholt; ihre Führer haben Ansehen in den engeren Bezirken ihrer Gemeinden und weit im Lande; auch der Gegner nennt ihre "Namen mit Respekt; dagegen haben wir in aufgeklärten Kreisen oft nur gleichsam ein ausgestopftes Judentum, das, von der Ferne betrachtet, den Schein des Lebens gewährt, kommt man näher, so sieht man, daß es tot ist. Vor Zeiten strömte z. B. die Gemeinde am Morgen und Abend alltäglich zum Gebet in die Gotteshäuser; es ist etwas Erhabenes, daß zweimal am Tage die Synagogen sich öffnen der betenden Gemeinde; die Form ist auch heute geblieben und es ist immerhin wichtig, daß sie erhalten bleibt; aber die hineinkommen, ihnen es meist nur des Erwerbs wegen, und sie werden an vielen Orten nicht einmal von den Lebenden bezahlt. Was mögen nur die Andersgläubigen, die diese Veranstaltungen beobachten, von diesem durch das Geld organisierten Gottesdienst denken! Wie stellen wir uns zu den Zehn Geboten! Wieviel andere Götter haben wir neben dem Einzig-Einen selbst in seinem heiligen Hause; selbst in dem Heiligtum stellen wir den goldenen Götzen auf und treiben Prunk und Putz und wollen unfern Willen durchsetzen statt uns zu vertragen und zu vereinen. „Sprich den Namen Gottes nicht zum falschen aus", sage nicht, daß du der Religion, dem Judentum dienst, wenn du deinem Eigensinn, deiner Laune oder gar deinem Hasse sröhnst. Wohin ist es mit der Heiligung der Sabbate und Feste gekommen! Es mag sein, daß einer im harten, heißen Lebenskämpfe an diesen heiligen Tagen nicht völlig Rast halten kann; aber wird nicht neben der notwendigen auch die völlig entbehrliche Arbeit geleistet? Wird überall der völlig arbeitsfreie Abend geheiligt? Wird die religiöse Gemeinschaft im Gottesdienst gepflegt? So lächerlich und so traurig es ist: unter Juden giebt es hochgebildete Männer, die das Gotteshaus meiden, nicht weil sie das Gebet für entbehrlich halten oder äus sonstigen Liefern Gründen, sondern weil es für vornehm gilt, nicht in die Synagoge zu gehen. Wäre es nur zu machen, daß kein Nichtjude sie hinein oder hinaus gehen sähe, sie würden vielleicht kommen. „Ehre Vater und Mutter!" und sie treten mit Füßen, was den Eltern heilig ist.

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