Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 19 (8.5.1896)
- Date
- 1896-05-08
- Page
- Seite 338 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 338. Allgemeine Jsraelittsche Wochenschrift. Nr. 19. 110-1 Mk. 65 Ps. und für spezielle Zwecke des Vereins 530 Mk. vereinnahmt. G München, 1. Mai. Wie hiesige Blätter melden, ist der jüdische Bataiüonsadjutant Premierlieutenant Ortenan im 17. Infanterie-Regiment zum Katholizismus übergetreteu. Die „Deutsche Armee-Zeitung" fügt hinzu: „Wir hatten bisher geglaubt, es sei einem Juden in der bayrischen Armee nur dann möglich, aktiver Offizier zu werden, wenn er sich vorher das „Eintrittsbillet in die Gesellschaft" durch die Taufe gelöst habe. Zu unserer Ueberraschung vernehmen wir, daß dieses Billet garnicht nötig ist, beziehungsweise auch post festum erholt werden kann." Dieser Spott ist verdient, weil der Schaden unnötig war. S* Rom, 3. Mai. Herr Luigi Luzzatti, unser berühmter Politiker und Staatswirtschaftslehrer, sollte auf Wunsch des Ministerpräsidenten Rudini Mitglied des italienischen Staatsrates werden, aber er lehnte die Ehre ab, da er Professor an der hiesigen Universität zu bleiben wünscht, wo seine Vorlesungen über Staatswirtschaft in hohem Ansehen stehen und sehr stark besucht werden. Professor Luzzatti war der einzige Parlamentarier, mit welchem Kaiser Wilhelm während seines Aufenthaltes in Venedig sich längere Zeit — fast eine Stunde — über die gesamte italienische Politik unterhielt. £ Pest, 1. Mai. Seit der Rezeption scheinen die ungarischen Orthodoxen sich mit der Idee der Vereinigung mit den Neologen zu befreunden und zwar wegen der einheitlichen Organisation der ungarischen Judenheit. Für die Union mit den Neologen bricht der Karezager orthodoxe Oberrabbiner Herr Schück eine Lanze. Er ist mit Leib und Seele Unionist, und wünscht nur, daß die Vereinigung der seit 28 Jahren stets in Fehde befindlichen zwei großen jüdischen Parteien mittelst folgender Bedingnisse sanctioniert werden möge. 1. Gründung jüdischer Gymnasien, damit die Heranwachsende Jugend den Sabbat nicht entweihe. 2. Gründung eines achtklassigen Obergymnasiums neben dem Budapester Rabbiner-Seminar. Nach der hier stattfindenden Reifeprüfung sollen Schüler orthodoxer Richtung, die sich dem Seelsorgeramte widmen wollen, auch die Preßburger Rabbinerschule behufs Erlangung des Diploms besuchen können. 3. Kreierung von orthodoxen Betgenossenschaften, ohne die Einheit der Muttergemeinden zu gefährden, in solchen größer» Gemeinden, wo der Gottesdienst mit Orgel und Chor stattfindet und wo dies ein Minjan schriftlich motiviert verlangt. Dies billige Verlangen des Herrn Oberrabbiners wird hoffentlich von den Neologen Ungarns, die doch auch des unglückseligen Bruderkampfes bereits müde sind, ohne Schwierigkeiten acceptiert werden. St. Petersburg, 30. April. Der soeben veröffentlichte Rechenschaftsbericht der hiesigen Synagogen-Verwaltung enthält sehr interessante Daten über die Herstellung dieses ersten jüdischen Tempels in der Residenz. Es ergiebt sich daraus, daß der im Innern, in dekorativer Beziehung noch lange nicht vollendete Bau 576 733 Rubel kostete, zu deren Deckung außer dem aus freiwilligen milden Spenden gebildeten Kapital noch eine Summe von etwa 200 000 Rubel vermittelst einer Anleihe aufgebracht werden mußten. Da jedoch bei der sehr geringen zahlungsfähigen Mitgliederzahl der Gemeinde und angesichts dessen, daß bereits die bedeutendsten Finanzkräfte mit sehrgroßen Vorschüssen figurierten (z. B. Baron Horace Günzburg mit 62602 Rbl., von S. S. Poljakow 17500Rbl., von D. S. Poljakow 49 778 Rbl. und von der Petersburg-Moskauer Kommerzbank 49 778 Rbl., zusammen 190549 Rbl.), sich keine Ressourcen fanden, um die Schuld zu decken, so erklärten sich die drei genannten Herren nicht nur bereit, die von ihnen leihweise hergegebenen Summen (außer denen, die sie ä fonds perdu zum Synagogenbau dargebracht hatten) der Synagoge zu schenken, sondern noch außerdem die während des Baues bei der Petersburg-Moskauer Kommerzbank kontrahierte Schuld zu bezahleu. Die auf diese Weise geschenkten Summen waren folgende: Baron Günzburg 87602 Rbl., D. S. Poljakow 92 778 Rbl., I. A. Wawelberg 10000 Rbl. und M. A. Marschowskij 10000 Rubel. -Dank dieser generösen Offerte ist es gelungen, die Synagoge von der auf ihr lastenden Schuld zu befreien. Uebrigens soll der verstorbene Baron Hirsch die Petersburger Synagoge und Gemeinde in seinem Testament bedacht haben. N Konstantinopel, 30. April. Anläßlich seines Aufenthaltes in unserer Stadt empfing Fürst Ferdinand auch unseren Großrabbiner, der in einer Adresse dem Fürsten für die väterliche Fürsorge dankte, die er den Juden des Fürstentums gegenüber bekunde. Der Fürst erwiderte, er hege, getreu den Traditionen seiner Ahnen aus dem Bourbonengeschlechte, große Sympathien für die Juden und sei mit den Spaniolen des Fürstentums auch zufrieden, weil sie die Gesetze achten und dem Lande große Dienste erweisen. „Der Antisemitismus — schloß der Fürst — wird in Bulgarien nie Wurzel fassen können; ich selbst bin entschlossen, eine solche beklagenswerte Bewegung zu bekämpfen." Der Rabbiner blieb eine Stunde lang im Gespräche beim Fürsten. — Einige Tage vor dem Peßachseste hat unser Herrscher, Sultan Abdul Hamid, unserem Chacham Baschi, Rabbi Moses Levy, den Betrag von 300 türkischen Pfund (5000 Mark) überschickt, damit man Mazzos und Fleisch ankaufe und unter die Armen verteile. Salonichi, 28. April. In unserer Stadt repräsentieren die Juden den dritten Teil der Bevölkerung, die im ganzen circa 150000 Seelen zählt, aber ihr Einfluß ist viel bedeutender als ihre Zahl. Am Sabbat sieht die Stadt aus, als wäre sie säst nur von Juden bewohnt, so still und ruhig sind die Straßen. Die Zollanstalten, Posten und Konsulate haben an diesem Tage viel weniger zu thun, als am Sonntag, dem Feiertage der Christen, und selbst am Freitag, dem Feiertage der Mohamedaner. Ganz besonders machte sich dieser starke, jüdische Zug am letzten Peßach geltend. In allen Kaffees, auch in denen, die im Besitz von Nichtjuden sind, besagten große Plakate, daß diese Kaffees unter Aufsicht des Rabbinats stehen, und wurden nur Speisen ros Itt'D verabreicht. In den Schulen, welche die italienische Regierung in Salonichi unterhält, sind fast nur jüdische Schüler zu finden, sie sind daher genötigt, am Sabbat und allen jüdischen Feiertagen zu schließen. Ja sogar das Theater — denn wir haben ein solches in unserer Stadt, wenn auch in demselben herum-