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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-05-08 · 19 (8.5.1896) · p. Seite 334

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
19 (8.5.1896)
Date
1896-05-08
Page
Seite 334 (sequence 10)
Language
German
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Seite 334. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 19. gomane, Botsleute, Zwischenhändler und dergleichen mehr sind Juden und selten nur hört man über sie klagen. Sie sind bescheiden, gelehrig und mit allem zufrieden, während der echte Maure mit keinem Gewinn, mit keinem Trinkgeld sich für einverstanden erklärt, ohne wenigstens zu versuchen — und recht nachdrücklich sogar — mehr zu erbitten oder auch — zu erzwingen. Eine rasche Auffassungsgabe und die Leichtigkeit, mit der sie fremde Sprachen lernen, kommt den marokkanischen Juden sehr zu statten. Sie sprechen gewöhnlich drei bis vier Sprachen und fast immer eine europäische neben der arabischen. Unter sich reden sie das alte, klassische Hebräisch der Bibel und verschiedene arabische Dialekte, mit den Fremden spanisch, englisch und besonders oft französisch. Das kommt daher, daß die Alliance israelite in Marokko eine besonders große Thätigkeit entwickelt. In Tanger hat sie zwei große Schulen für Mädchen und Knaben, — und man darf wohl sagen, daß in den Hafenstädten jeder Jude französisch kann. Daß ist sehr klug und politisch sehr wirksam. Dadurch erzieht sich Frankreich die besten Bundesgenossen und erfüllt Marokko mit freiwilligen Verfechtern seiner Interessen. Marokko grenzt ja an das französische Kolonienreich. Alljährlich erweitert Frankreich die Grenze dieser Kolonien unter dem ewig gleichen Vorwände, für deren Regulierung zu sorgen und zur selben Zeit macht die französisch erzogene jüdische Bevölkerung Marokkos die wirksamste, obgleich unbewußte — vielleicht gerade, weil unbewußte — Propaganda für Frankreich in dem Lande des Sultans. Die Früchte dieser klugen Politik werden sich bald genug zeigen. Vorläufig ist es dem Reisenden höchst angenehm, in jedem Juden, den er auf den Straßen trifft, einen französisch sprechenden Menschen zu finden, der zu jeder Auskunft gern bereit ist. In Tanger ist die israelitische Bevölkerung bereits so zivilisiert, daß sie das Nationalkostüm fast völlig aufgegeben hat. Das ist nun freilich nicht sehr schön. Die hübschen Jüdinnen verlieren viel durch die engen Kleider und Federhüte nach der vorjährigen Mode, — und auch die Männer sehen in den billigen Jackets und Paletots abgeschmackt genug aus, während sie in ihren orientalischen Kaftans malerisch und charakteristisch erscheinen, und die Greise sogar geradezu erhaben wirken. Auch in ihrer Lebensart haben die jüdischen Bewohner der Küstenstädte europäische Sitten angenommen, wobei natürlich hier und da die komischsten Verstöße gegen den guten Ton Vorkommen. Ich war z. B. in Tanger zu einem reichen Kaufmann eingeladen, dessen Haus auf das eleganteste nach europäischer Art eingerichtet war. Beim Mittagessen trug die Frau des Hauses eine echte Spitzentoilette mit zwei Meter breiten Ballonärmeln, und die Speisen wurden durch einen Livreediener in weißen Handschuhen serviert. Merkwürdigerweise merkte ich, das die kostbaren Teller aus japanischem Porzellan mit kleinen Wassertropfen bedeckt waren. Ich wechselte einen fragenden Blick mit Madame Davin, die mich begleitete, und die Dame des Hauses bemerkte leider diesen Blick. Sie sagte dem arabischen Livreediener etwas, was er garnicht zu verstehen schien. Aergerlich wiederholte sie die Bemerkung, und der Diener verschwand durch eine Seitenthür samt den Tellern, die er eben aufstellen wollte. Nun aber war diese Thür halboffen, — ein Spiegel hing gerade gegenüber — und so konnte ich denn sehen, wie der a^'me Bediente ratlos sich wi Schlafzimmer umsah, vergeblich nach einer Serviette suchend, um schließlich mit verzweifelter Entschlossenheit die nassen Teller an dem Spitzentüll des Moskitonetzes, welcher das breite eheliche Bett umgab — abzw.rocknen . . . Ich konnte kaum das Lachen verbeißen und fragte natürlich später nach der Ursache der sonderbaren Wassertropfen auf den Tellern. Frau Dawin erklärte mir, daß es ein Religionsbrauch ist, der verbietet, das Geschirr abzutrocknen. (? Red.). Warum, wußte ich nicht, aber sie versicherte mir, daß sie in den zwanzig Jahren, daß sie ein Geschäft in Tanger gehabt hat, niemals Servietten oder Handtücher an Juden verkauft hat, obgleich sie die Aussteuer sämtlicher junger Mädchen besorgen mußte, vom Myrtenkranz bis zu den Knopfstiefelchen inklusive. Dabei sind aber die Jüdinnen von Marokko äußerst sorgsame Hausfrauen, tüchtig und arbeitssam und in ihren Häusern findet man nichts von der Unsauberkeit ihrer polnischen Glaubensgenossen. Auch über die Tugend der Jüdinnen hat man mir manche erhebende Geschichte erzählt. Eine Untreue, eine Jntrigue soll im jüdischen Hause niemals Vorkommen, was umso lobenswerter ist, als die Jüdinnen vollständig frei über ihre Zeit verfügen und das vollste Vertrauen ihrer Gatten, respektive ihrer Eltern genießen. Die Maurinnen sind treu, solange sie nicht anders können; wenn sie der Ueberwachung zu entschlüpfen imstande sind, sollen sie mehr als leicht sein. . . . Anders die Jüdinnen. Obgleich sie gewöhnlich im Kindesalter verheiratet oder verlobt werden, bleiben sie allen Verführungen unzugänglich und die erfahrensten Don Juans bemühen sich vergeblich um ihre Gunst. Man zeigte mir eine bereits ältere Fran, der einer der europäischen Konsuls jahrelang den Hof gemacht hat. Er bot ihr Tausende — und die Ehe obendrein — alles vergeblich. Das schöne Mädchen blieb ihrem Verlobten treu, der ebenso arm war wie sie, den sie aber liebte. Sie heirateten sich wirklich und der Konsul erbat sich als einzigen Lohn für seine lange Liebe die Erlaubnis, der armen Wäscherin den köstlichen Schmuck, den er -kommen ließ, um sie zu blenden und zu verführen, zum Hochzeitsgeschenk machen zu dürfen. Jetzt ist der treue Liebhaber nach seiner Heimat abgereist, doch er hat seine Liebe noch nicht vergessen, und die etwas dick gewordene, aber noch immer schöne Matrone bekommt alljährlich an dem Tag, an dem er die schlanke Jungfrau zuerst erblickte, eine kostbare Gabe aus dem feruen Lande... Ob man ähnliche Tugend und gleichen Edlmute in unserm praktischen Europa noch finden könnte. . .? Ahlniardt aus Reisen. Ein Briefwechsel. Mitgeteilt von Julius Freund. I. Herrn Ahlwardt, ehemaligen „Rektor aller Deutschen" z. Z. in Amerika. Verehrtester Herr! Wir sind durchaus Mit Ihnen nicht einverstanden; Sie haben zu sehr Ihre Pflicht verletzt Daheim in den deutschen Landen.

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