Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 19 (8.5.1896)
- Date
- 1896-05-08
- Page
- Seite 331 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/4794838-9609712-9610063--1394-9610070- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 19. ” bic Dtr uns öetJDeißem; * i *% *!"' buch fein Hz- Vml«-««« «*«■«**4 dle'e unangenehm Er- 'e möglichst schE ver- , d>. «,»ß! ftt,n »it ei« äilte oen unbequemen Mahner f wieder seinen Ge- , rden, ist das eine Wohlt rül)meit könnte vor sich!l ^ert, wenn nicht die sich darin bekundet. Das ohlthun, beides zusammen auf. ud: wir waren zweifelier, oder ist das Liebesindem wir einem Hilf- Trostlosen aufrichten, einfach, wie sie aussieht, kscheiden, die Hauptsache bekommt, da hat er Rat zusammen. Ob das von dem Liebevollen Münze das Herz des aufkraft, ob man sie kreißt oder ob sie der Nr. 19. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 331. das Herz des Armen gewinnt, ihn besänftigt und beruhigt, verdient den doppelten Segen als der, der nur die Not lindert. Aber am besten begegnet wohl der dem Armen, der sich selbst versteckt, so daß der Empfangende nur die Gabe und nicht den Geber sieht. Mose in aller Herrlichkeit des Gesetzgebers, so meinen die Weisen, habe nicht das Verdienst vor Gott, wie einer, der im Verborgenen Gutes thut. Leitend war für Israel von jeher das Wort des Salomo: „Eine Gabe im Verborgenen verdeckt den Groll," auch den Groll des Armen über sein Geschick, das ihn zwingt, Geschenke anzunehmen. Darum ist der Verein in unserer Mitte, der heute sein hundertjähriges Bestehen feiert, ein so schönes Zeugnis der Nächstenliebe, weil er, man möchte sagen, mit Raffinement dafür sorgt, daß die Wohlthat im Dunkeln bleibt. Denn gewöhnlich wird, auch, wenn der Darreichende noch so sehr sich verbirgt, der volle Zweck nicht erreicht, denn der Dürftige erfährt zwar nicht, wer ihm geholfen hat, aber er muß sich sagen: es ist doch nur ein Versteckspiel, der Gebende weiß ganz gut, wem er seine Hilfe gewährt hat, in dessen Augen habe ich nun einmal den Makel eines Menschen, der ohne fremde Stütze nicht aufrecht stehen kann. Wie anders ist dies bei unserem Verein. Hier hat der Trauernde nur das Gefühl der Erhebung, daß er in einer Stunde des Kummers umgeben ist von der Fürsorge der Gemeinde, daß, wenn die seelische Not ihn heimsucht, die leibliche Not wie von unsichtbaren Händen ihm ferngehalten wird; dieser scheinbar geschäftliche Akt, daß, sobald der Trauernde vom Friedhof heimgekehrt ist, sogleich unser Verein ihm Geld zusendet und sich über den Empfang vom Reichsten wie vom Aermsten quittieren läßt, hat etwas unendlich Wohlthuendes, denn er meldet dem Betrübten: Du bist elend, Du bist aber nicht einsam. Deine Gefährten sorgen für Dich so, daß sie es selbst nicht wissen, für wen sie sorgen. Jeder hat es nur mit sich selbst zu ordnen, ob er das Geld annehmen will; wenn er es ablehnt, so wird ihm Niemand dafür danken, denn Niemand wird es erfahren. Nicht das macht uns unseren Verein so wert, daß er sich bemüht hat, die von der doppelten Plage der Trauer und der Armut Heimgesuchten vor Hunger zu schützen, das ist unter Juden nichts besonderes, wo die Wohlthätigkeitsvereine wie die Pilze emporschießen und gedeihen und es wird in unserer Mitte nur Wenige geben, die nicht mindestens an der Verwaltung eines nützlichen Vereins beteiligt sind. Es ist selbstverständlich, daß man es in alter oder neuer Zeit einem Armen ermöglichte der Trauer, wie es das Herkommen erheischte, nachzulebcn; aber die Form, in der es hier geschah und geschieht, lehrt uns den fast überschwänglichen Ausspruch unserer Weisen verstehen: „Es heißt in der Schrift: Die Verständigen werden leuchten wie der Glanz des Himmels; das bezieht sich auf die Stifter und Leiter von mildthätigen Vereinen." Wir lesen an der Spitze des dieswöchentlichen Schriftteiles die erhabene Mahnung, welche nicht etwa an einen erwählten Kreis, sondern an ganz Israel gerichtet war: „Ihr sollt heilig sein," und der Talmud bringt diesen Aufruf in Verbindung nnt dem Verse des Sängers: Gott sendet Deine Hilfe vom Heiligtume, von den heiligen Werken, die in Deiner Mitte gepflegt werden." Ein göttlicher Hauch, ein heiliger Odem umweht die Erinnerung an die Väter, die den Armen nicht gesättigt haben mit den Brosamen, die von den reichbesetzten Tischen fielen, sondern durch ihre Liebe ihn aufgerichtet haben. Und wie wenige verhältnißmäßig haben nach der Spende gelangt, die so zart gereicht wurde; auch das ist ein heiliger Sinn, der sich zwar labt an der Teilnahme der Gefährten, aber sich doch davor scheut, aus der Trauer gleichsam einen Nutzen zu ziehen, der sich dann noch davor scheut, wenn es niemand sieht als das eigene Auge. Hier haben wir einmal eine Probe auf die uns Juden oft angedichtete Geldgier. Sicherlich, daß dieser Vorwurf auf einzelne zutrifft, und daß jeder Besonnene unter uns innerhalb der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung den Werl des Besitzes erkennt. Aber von dieser nüchternen Erkenntnis bis zur unerlaubten Gier ist noch ein weiter Schritt, und wenn so viele, die in engen Erwerbsverhältniffen lebten, diese Trauerspende in die geschlossene Büchse wieder zurückgleiten ließen, so ist auch dies ein heiliges Verhalten. Aber wenn wir nun die Herzensfrömmigkeit preisen, die die Stifter des Vereins beseelt und ihm ein Leben eingehaucht hat, daß er bis zum heutigen Tage besteht und blüht, so können wir doch nicht leugnen, daß er in einem, und zwar in einem sehr wichtigen und wesentlichen Punkte, unserem Ideale nicht entspricht. Vielleicht läßt sich zur Zeit daran nichts ändern, aber schon das Aussprechen eines sreiern Gedankens ist eine Erlösung, wenn auch das Ausführen nicht möglich ist. Was uns stört, ist der konfessionelle Charakter der Wohlthätigkeil. Freilich oft hören wir, nicht gerade in dieser Stadt, aber an anderen Orten die Klage: wenn, und sei es auch ein jüdischer Wohlthäter, eine Stiftung macht für Arme ohne Unterschied des religiösen Bekenntnisses, so hört sich das in der Theorie sehr gut an, aber in der Praxis kommt dann diese «Stiftung den Juden nicht zu Gute; ja oft wird der Ausschluß der Juden damit begründet, daß ja, wie bekannt, die Juden selbst ausgiebig für ihre Armen sorgen. So lange solche Zustände bestehen, haben wir keine Wahl, und wir müssen neben der allgemeinen Armenpflege noch die konfessionelle, speziell jüdische Armenpflege ausrecht erhalten. Aber könnten wir frei walten nach dem Geiste unserer Religion, so dürfte selbst eine Mildthätigkeit, die von unserem religiösen Bekenntnis ausgeht, nicht ausschließlich in dieses Bekenntnis münden. Die Religion ist ein starker Anlaß zum Wohlthun, so bildet sich zu diesem Zwecke ein jüdischer Verein; aber ist denn die Armut, die Krankheit, die Trauer jüdisch, sind sie nicht allgemein menschlich, soll die Menschenliebe, die Nächstenliebe Halt machen vor der Schranke des Bekenntnisses? Als Israel noch in seinem eigenen Lande wohnte, da erging an unsere Väter die Mahnung, wie wir es am nächsten Sabbat aus dem Gottesbuche vernehmen: Wie der Eingeborene soll euch der Fremde sein, der unter Euch wohnt und Du sollst ihn lieben wie Dich selbst. Geschweige denn, daß wir heute unsere Landesgenossen, unsere Mitbürger als unsere Brüder betrachten. Wie schön wäre es, wenn unser Verein, auf altjüdischem Boden entstanden, einen Teil seiner Einnahmen absonderte, daß er bei Todesfällen auch den nichtjüdischen Trauernden in dieser Stadt zu Gute käme. Wir Juden fehlen nicht, wenn r >1 55)1