Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 19 (8.5.1896)
- Date
- 1896-05-08
- Page
- Seite 330 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 330. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 19. unter ähnlichen Verhältnissen leben, wie ihre Vorfahren zur Zeit, als sie sich ursprünglich im Lande niederließen. Es darf behauptet werden, daß selbst im heiligen Lande die geistigen, sozialen und religiösen Besonderheiten des früheren jüdischen Lebens nicht so treu bewahrt werden, wie in diesem Winkel von Süd-Ost-Europa, welcher, bis vor wenigen Jahren, eigentlich noch unerforscht war. Die Beziehungen der bosnischen Juden zu ihren deutschen und anderen Glaubensgenossen, welche in der Provinz selbst wohnen oder in anderen Teilen der Monarchie leben, bewegen sich innerhalb sehr enger Grenzen und beschränken sich fast ausschließlich auf den Handel. Die im Jahre 1880 erfolgte Uebertragung der Verwaltung von Bosnien und der Herzegowina auf Oesterreich-Ungarn und die verschiedenartigen Neuerungen, von welchen sie begleitet war, verfehlte nicht, auf die Sitten dieses konservativen Volkes einen gewissen Einfluß auszuüben. Anfangs wurde die veränderte Ordnung der Dinge mit Argwohn betrachtet, aber im Laufe der Zeit kehrte das Vertrauen zurück, und die Juden paßten sich nach und nach der veränderten Situation an. Die Mehrzahl von ihnen trägt immer noch die landesübliche türkische Tracht, der einzige merkliche Unterschied ist ein mit Pelz besetzter Talar und ein Fez anstatt des üblichen Turbans. Die jüngere Generation hat nach und nach die europäische Kleidermode angenommen, dem Fez aber giebt man noch immer den Vorzug vor anderen Kopfbedeckungen. Es ist bemerkenswert, daß unter den bosnischen Juden, wie bei manchen anderen halbzivilisierten Rassen, Gold und Silber als sicherer Schutz gegen gewisse Krankheiten geachtet werden, während die Heilkraft des Knoblauchs überhaupt außer Zweifel steht. Eine spanische Jüdin in Bosnien wird, wenn sie ein neues Kleid zum ersten Male anzieht, selten versäumen, ein Stück Knoblauch in eine der Taschen zu stecken als Sinnbild des Glückes, und neugeborenen Kindern legt man einen Knoblauchkranz um den Nacken. Um die Wirkung dieses Talismans noch zu verstärken, hängt man oft einen goldenen Dukaten daran. Die spanischen Juden in Bosnien bilden eine Gemeinschaft, deren geistige Fortschritte seit Jahrhunderten fast stationär geblieben sind. Feuilleton. AlWsche Armenpflege.'s Ter Talmud lehrt: „Almosenspenden und Mildthätigkeit wiegen alle anderen Gebote auf." Aber können wir Almosengeben so hoch stellen! Ein Bettler klopft an unsere Thür, er erschreckt uns durch sein wüstes Aussehen und wir trauen ihm *) Zum hundertjährigen Bestehen eines Vereins für Leidtragende. Der Verein übergiebt, wie in vor. Nr. berichtet, jeder Familie der hiesigen jüdischen Gemeinde bei einem eingetretenen Todesfall eine bestimmte Summe und eine verschlossene Büchse, und überläßt es den Betreffenden, die Summe zu nehmen oder sie wieder in die Büchse zurückzulegen, so daß es vollständig unbekannt bleibt, ob die Spende zu eigenem Gebrauch benutzt worden ist oder nicht. Red. eine Gewaltthat zu, wenn wir ihm die Gabe verweigern; können wir uns da soviel, können wir uns da nur überhaupt etwas darauf zu Gute thun, wenn wir ihm ein Geschenk hinreichen, um ihn von unserer Schwelle wegzubringen; ein anderer erweckt durch sein krankhaftes Wesen, durch sein häßliches, verloddertes Gewand unseren Widerwillen, er erfüllt mit peinlichen Bildern unsere Phantasie, die sich so gern am Schönen ergötzt, und die vom Anblick des Elends schmerzlich berührt wird, und nun öffnen wir rasch den Beutel und greifen vielleicht etwas tiefer hinein, nur um diese unangenehme Erscheinung rasch los zu werden, um sie möglichst schnell zu vergessen: können wir da stolz uns in die Brust werfen, als hätten wir etwas Gutes gethan, als hätten wir ein Liebeswerk verrichtet; oder es will Jemand den unbequemen Mahner sich vom Halse schaffen und giebt, um sich wieder seiuen Geschäften, seinen Vergnügungen zuzuwenden, ist das eine Wohlthat, deren der Reiche sich freuen, sich rühmen könnte vor sich selbst. Ein Almosen erhält seinen Wert, wenn nicht die Selbstliebe, sondern die Nächstenliebe sich darin bekundet. Das meinen die Alten: Almosen und Wohlthun, beides zusammen wiegen alle anderen Gebote der Schrift auf. Es heißt im jerusalemischen Talmud: wir waren zweifelhaft darüber: „ist das Almosen wichtiger, oder ist das Liebeswerk, indem wir einen Kranken pflegen, indem wir einem Hilflosen Rat erteilen, indem wir einen Trostlosen aufrichten, wichtiger?" Die Frage ist nicht so einfach, wie sie aussieht. Mancher, viele, möchten sie dahin entscheiden, die Hauptsache ist, daß der Arme Geld in die Hand bekommt, da hat er Rat und Hilfe und Pflege und Trost, alles zusammen. Ob das Geld nun von dem Widerwilligen oder von dem Liebevollen kommt, was liegt daran, man sieht der Münze das Herz des Gebers nicht an und sie hat dieselbe Kaufkraft, ob man sie dem Geizhals gleichsam mit Gewalt entreißt oder ob sie der Freigebige freudig darreicht. Aber so kalt und nüchtern betrachtet der Talmud die Frage nicht; er lehnt die Antwort an den bekannten Pfalmenvers, den wir bei unseren Seelenfeiern singen: „Die gottentstammte Liebe sie allein strömt Segen aus in alle Ewigkeit über diejenigen, die Gott fürchten." Der Reiche, der Mächtige sie müssen sich im Verhältnis zum Armen, zum Elenden dessen bewußt bleiben: ich bin, was Du bist; nicht nur der Arme, sondern auch der Reiche bedarf der Hilfe, daß er abkomme von jener Vergötterung des Goldes, welche zu allen Zeiten, besonders aber in unseren Tagen der schwerste Schaden des sittlichen Lebens ist. Es ist wenig erreicht, wenn der Dürftige, zerknirscht und knirschend, die Münze empfängt und er den Groll in der Seele birgt über eine Weltordnung, die ihm Hilfe gewährt nur um den Preis der Demütigung und Entwürdigung: aber es versöhnt ihn mit seinem Lost, wenn der begünstigte Bruder herabsteigt von der Höhe und mit ihm fühlt und mit ihm leidet und fein Herz erhebt aus dem Staube. Jndeß selbst der Edelste, selbst der Mildeste, der eine Spende bringt, kann der Gabe nicht ganz den Stachel nehmen, welcher verwundet. Das Herz des Armen ist verbittert, vergrämt, er faßt das freundlichste Wort falsch auf, wir müssen Geduld mit ihm haben, die Not trübt nicht nur fein Leben, sondern auch seine Gedanken. Darum sagen die Alten: Wer