Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 19 (8.5.1896)
- Date
- 1896-05-08
- Page
- Seite 329 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 19. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 329. sammenbruch der „Wacht" für so sicher und unaufhaltsam, daß er auch durch die größten Opfer derjenigen, die nicht alle werden, nicht aufznhalten ist. Je mehr Leute aber schließlich ihr Geld einbüßen, desto größer muß der Rückschlag und desto allgemeiner die Ueberzeugung Platz greifen, daß die Führer der Reformpartei, die nicht einmal eine Tageszeitung leiten können, am allermenigstens geeignet sind, das deutsche Volk aus seinen mißlichen Verhältnissen zu retten." — Diese Erkenntnis kommt dem konservativen Blatte etwas spät. Sollte übrigens nicht auch ein wenig Konkurrenzneid dabei sein? — Abgewiegelt. Die „Nene Westfälische Volkszeitung" schreibt: „Durch judenfreundliche Blätter wurde dieser Tage eine etwas abenteuerlich klingende Nachricht verbreitet, nach welcher der Direktor des Erfurter Realgymnasiums, Dr. Zange, bei der Einführung eines von der Behörde zum Oberlehrer der Anstalt ernannten jüdischen Lehrers Dr. Pick in verletzender Weise seiner antisemitischen Gesinnung Ausdruck gegeben hätte. Auf Grund eines eigenhändigen Schreibens des betreffenden Tr. Pick, welches derselbe auf eine Anfrage einem hiesigen Bekannten zugehen ließ, und welches uns selbst Vorgelegen hat, teilen wir ausdrücklich mit, daß „jene Darstellung seiner Einführung ins Amt in wesentlichen Punkten unrichtig, ist." — Welches sind die „wesentlichen Punkte"? -- Eine Rezension, lieber die in der Mechitharisten-Buchdruckerei in Wien erschienene Uebersetzung des ganzen Schulchan-Aruch können wir noch nichts bringen, weil das von uns bestellte Exemplar des Werkes noch nicht eingetroffen ist. Vielleicht genügt aber unseren Lesern, die etwa geneigt sein sollten diese Bücher zu kaufen, die Wiedergabe einer Mitteilung, die wir im antisemitischen „Deutschen Volksblatt" in Wien finden. Sie besagt, daß das Werk von Herrn Karl Paasch aufgestöbert und von dem Weinhanser Pfarrer Dr. Deckert herausgegeben worden sei. Uns genügt diese Mitteilung vollkommen, gleichwohl soll das Buch nach seinem Eintreffen noch gewissenhaft geprüft werden. — In Wien wird es immer gemietlicher. Der Voss. Ztg. wird von dort unter dem 30. April telegraphiert: Im Abgeordnetenhause hielt heute bei der Wahlreformdebatte der Abg. Schneioer eine Brandrede gegen die Juden, die teils Entrüstung, teils Heiterkeit erregte. Schneider zitierte folgende Aussprüche Fichtes: Den Juden Bürgerrechte zu geben, dazu sehe ich kein anderes Mittel, als ihnen in einer Nacht alle Köpfe abznschneiden und andere aufzusetzen. Die Judenfrage, so fuhr Schneider fort, werde eine Lösung finden, die in der Geschichte der Menschheit einzig dastehen wird, und wenn Mohammet den Islam mit Feuer und Schwert verbreiten konnte . . . Präsident, unterbrechend: Ich habe genug Geduld walten lassen lassen; derartige Aeußerungen gegen gleichberechtigte Statsbürger kann ich nicht zugeben itnß ich müßte Ihnen im Wiederholungsfälle das Wort entziehen. Schneider- Tie Herren könnten sich beiläufig denken, was ich sagen wollte. Er besprach dann den Talmud. Ter Präsident rief ihn zur Sache. Schneider: Der Talmud ist der anerkannte Rechtskodex der Juden. (Zum Präsidenten:) Sie verhalten sich danach, das ist doch Ihre Richtung? Ter Präsident ruft Schneider, der in ähnlicher Weise fortfuhr, noch zweimal zur Sache. Schneider sagte dann, die Sozialdemokraten nähmen bei den nächsten Parlamentswahlen „zwölf Juden und nur zwei Menschen" als Kandidaten in Aussicht; er stellte schließlich den Antrag: Alle getauften und ungetauften Juden sind vom aktiven und passiven Wahlrecht ausgeschlossen. (Heiterkeitssturm.) Präsident: „Ich bedaure, daß in diesen Räumen derartige wirklich nur als schlechte Scherze aufzufassende Anträge vorgebracht werden." (Lebhafter Beifall.) Schneider zum Präsidenten: „In ein paar Jahren sind Sie auch Antisemit." Der Antrag Schneiders wird nicht genügend unterstützt. — Merkwürdig, daß die Gesinnungsgenossen Schneiders bei der Verteilung der höchsten kommunalen Aemter in Wien nicht an diesen schneidigen Parteimann gedacht haben. — Aus Bukarest schreibt man uns: Im Laufe einer Debatte in der Kammer über die Abschaffung gewisser Schulsporteln, welche nur von Ausländern und Juden erhoben werden, sprach der Ministerpräsident in heftiger Weise gegen die Juden und spielte auf einen Nachbarstaat an, wo ein Jude Minister war, wobei er seine Ueberzeugung ausdrückte, daß solch ein Zustand in Rumänien nicht ertragen werden könnte. Diese beleidigende Anspielung auf Ungarn wird aus dem amtlichen Parlamentsbericht wahrscheinlich ausgemerzt werden, aber bis jetzt hat die Regierungspresse sie noch nicht abzuleugnen gesucht. Die halbamtlichen Blätter konstatieren, daß Herrn Sturdza's Bemerkungen sich nicht auf ein Mitglied der ungarischen Regierung bezogen, sondern auf Herrn Falk, den Berichterstatter der ungarischen Delegation. Wir können hinzusügen, daß es in Ungarn keinen jüdischen Minister giebt. — Die bosnischen Juden. Eines der interessantesten unter den verschiedenen Elementen, aus welchen die eingeborene Bevölkerung von Bosnien besteht, ist das der direkten Abkömmlinge der spanischen Juden, welche vor 300 und etlichen Jahren aus ihrer Heimat verbannt wurden. Ihr angeborenes Talent für fremde Sprachen, ihre Geschäftsroutine, ihr Gewerbeffeiß, ihre Anpassungsfähigkeit und ihre nüchterne Lebensweise machen sie zu einem Faktor, mit welchem gerechnet werden muß, und prädestinieren sie zu zukünftigen Vermittlern von Handel und Gewerbe zwischen Ost- und West-Europa. Nach alten Urkunden ließen die spanischen Juden sich zuerst in Bosnien im Jahre 1574 nieder, kraft der ihnen vom Sultan Murad III. gegebenen Erlaubnis, auf den Gebieten seines Reiches, welche jetzt als Serbien und Bosnien bekannt sind, eine Kolonie zu gründen. Sie zählen zwischen 6000 und 7000 Seelen und wohnen in den größeren Ortschaften der Provinz; in Serajewo allein leben nicht weniger als 3000. Nur sehr wenige sind in der Herzegowina zu finden, offenbar weil sie dort weniger Gelegenheit haben, ihre Lieblingsgeschäfte als Geldwechsler und Kaufleute auszuüben. Infolge ihrer bemerkenswerten Exklusivität haben die Mitglieder dieser Gemeinschaft manche ihrer alten Sitten und Gebräuche intakt erhalten, welche bei ihren Glaubensgenossen in anderen Teilen der Welt nach und nach veraltet sind. Möglicherweise ist dies den stark hervortretenden Rassemerkmalen zu verdanken, welche sie veranlaßten, sich von fast jedem intimen Verkehr mit anderen Nationalitäten fernzuhalten, oder es ist vielleicht der isolierten geographischen Lage des Landes zuzuschreiben, in welchem sie länger als drei Jahrhunderte gewohnt haben. Wie es auch sein mag, die Thatsache bleibt bestehen, daß sie noch heute