Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 19 (8.5.1896)
- Date
- 1896-05-08
- Page
- Seite 327 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 19. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 327. schein und psychologischem Zusammenhang steht mit seinem Judenhaß. Dieser Zusammenhang ist vorhanden. Dieselbe Ungründlichkeit, Voreingenommenheit, Ungerechtigkeit, die Treitschke zum Historiker disqualifizierte, dieselben Eigenschaften befähigten ihn, unter den Antisemiten in vorderster Reihe zu stehen. Daß der gebildete und namentlich ästhetisch gebildete Mann an seiner Genossenschaft Anstoß nahm, kann ihn von dieser Genossenschaft nicht befreien, ganz gewiß nicht in unseren Augen. Sein Vergehen wurde ihm zur Strafe, aber die Strafe war gerecht. Was Treitschke in seinem Geschichtswerke über die Juden zu sagen wußte, war, so weit es sich nicht um Ausdrücke eines auf unkontrolierbare Empfindung sich stützenden Urteils, sondern um Thatsachen handelte, aus der Tiefe einer geradezu erstaunlichen Unkenntnis geschöpft. Dieser Professor der Geschichte, dieser geräuschvollste Lehrer speziell der deutschen Geschichte wußte nichts oder wollte nichts wissen von dem Zusammenhang der osteuropäischen Juden mit Deutschland, und nachdem er sein vielziticrtes Wort von den „hosenverkaufenden Jünglingen" gesprochen, das den Neid eines Stöcker oder Hammerstein hätte erregen können, mußte er sein Urteil vollends verblenden, um zn dem Ausruf zu kommen: „Die Juden sind unser Unglück!" Keine sentimentale Rücksicht aus ein frisches Grab kann uns veranlassen, zu gunsten des ungerechten Mannes, der darin ruht, uns selbst und unserer Gemeinschaft gegenüber Ungerechtigkeit zu üben. Es ist nicht unseres Amtes, die Gründe herauszusuchen, die seine Verdammnis mildern könnten, wenn wir auch ohne weiteres annehmen, daß solche Milderungsgründe vorhanden sind. Treitschke, dieser Lehrer der Geschichte, war durch uud durch ein Mann der Ungerechtigkeit, ungerecht in seinem Haß, der gegen Viele sich richtete, ungerecht nicht minder in seiner Liebe, die im Grunde nur ihm selbst und einem Geschöpfe seiner Phantasie galt, unheilvoll nicht zuletzt für die, denen er jeine Lehren einimpfte. Fanatismus hat er gesät, Chauvinismus ist aufgegangen; Wind hat er ausgestreut, Sturm werden wir ernten. Es ist nicht sein Verdienst, wenn dieser Sturm nicht verderblich wird. Treitschke hat vom Propheten nur das Pathos gehabt, nicht die Erleuchtung, noch die Berufung, noch die Liebe, die auch aus des zornvollen Propheten Worten spricht. Darum verwehen seine Worte, und bald wird es sein, als wären sie nie gesprochen. Nur die unmittelbar Verführten werden, aus ihrem Taumel zur Erkenntnis der Wahrheit erwachend, vorwurfsvoll zu ihrer Verteidigung sagen: „Treitschke war unser Unglück!" Dann noch ein Weilchen, und seiner wird nicht mehr gedacht werden. M. A. Klausner. Was nun? Wir erhalten folgende Zuschrift: Den Beschluß der Repräsentanten - Versammlung, die Petition an die Staatsregierung betreffend den obligatorischen Religionsunterricht auf ein Jahr zu vertagen, habe ich, da ich Gegner desselben, selbstverständlich mit Freuden begrüßt. Ob die Erwägung, daß die Petition überhaupt zur Zeit nicht angebracht, oder nur in anbetracht des einzuführenden fakultativen Religionsunterrichts maßgebend war, vermag ich nicht festzustellen. In letzterem Falle wäre ich mit meinen Gegnern in dieser Frage, mit den Freunden des obligatorischen Religionsunterrichts, welche den erwähnten Beschluß bedauern, bekämpfen, vollständig einverstanden; denn es gehört keine Prophetengabe dazu, um voraussehen zu können, welcher Art das Resultat des fakultativen Unterrichts sein dürfte. Nicht etwa die für diesen Zweck ernannten Lehrer soll schon im voraus ein Vorwurf treffen, sondern nur das System, welches gute Lehrer verdirbt. Zu gunsten des Repräsentanten-Kollegiums will ich jedoch annehmen, daß dieser Beschluß von einem weiteren Gesichtspunkte ausgehend gefaßt wurde. Zu seinem gunsten will ich voraussetzen, daß es ihm Ernst ist mit der Sache des Religionsunterrichts, daß diese wichtige Frage nicht ein Jahr schlafen soll, denn sehr oft bedeutet „vertagen" nichts anderes. Ja, was nun? Von den Vertretern der jüdischen Gemeinde wäre nun zu erwarten, daß sie selbst Hand anlegten an das große Werk und nicht blos um Hilfe schreien; daß sie selbst den Religionsunterricht ins Leben rufen werden, ohne erst die bequeme, aber oft auch gefährliche Unterstützung des Staates in Anspruch zu nehmen. Zu der, wie ich vermute, bereits bestehenden Kommission für die Religionsschulen müßte eine größere Anzahl von Mitgliedern der Gemeinde hinzugezogen werden — und an geeigneten Männern dürfte es wohl kaum fehlen —, um eine Schulkommission in großem Maßstabe, wie eine solche für Berlin erforderlich, zu schaffen. Diese Kommission muß selbständig, unabhängig arbeiten können; abhängig nur in finanzieller Beziehung von der Gemeindeverwaltung, welche naturgemäß durch ihren Vertreter auch sonstigen Einfluß auszuüben nicht verhindert ist. Sollte eine Aenderung der Gemeindeverfassung für diese Einrichtung erforderlich sein, so könnte dieses kaum größere Schwierigkeiten bieten, denn die Aenderung oder „Reform" — welche Bezeichnung jetzt üblich — unseres Steuerwesens, wodurch die Mitglieder der Gemeinde stärker denn bisher herangezogen werden, ging ja auch sehr schnell und leicht von statten. Zu jedem Unternehmen gehört allerdings auch ein Leiter. Wenn ich die Rabbinats-Prediger unserer Gemeinde für nicht geeignet hierzu errachte — abgesehen davon, daß sich vielleicht keiner von ihnen zu dieser Stelle drängen möchte — so liegt es mir wirklich fern, irgend jemandem persönlich nahe treten zu wollen. Die Fähigkeiten eines Leiters einer derartigen Institution müssen auf einem ganz anderer: Gebiete liegen, als auf dem eines Predigers, bei welchem die rhetorische und oratorische Kunst eine gewisse Bevorzugung in der Pflege beansprucht, wodurch unter eigenartigen Verhältnissen die Gefahr nicht ausgeschlossen, daß selbst das Künstlerische mit der Zeit vom Künstlichen verdrängt wird. Der Leiter des jüdischen Religionsunterrichts soll wohl auch durch das Wort wirken, aber in einer anderen Weise. Nur auf einem Gebiete der Kunst muß er heimisch sein — in