Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 19 (8.5.1896)
- Date
- 1896-05-08
- Page
- Seite 326 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 326. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 19. eignet, um nach der bekannten, von Heine gegeißelten Methode zu verfahren: „Die Hilfsgelderkasse wurde geführt Von wahren Christen und Frommen — Erfahren hat nie die linke Hand, Wieviel die Rechte genommen." In Wien ist, wie gesagt, bereits eine heilsame Ernüchterung eingetreten. Hoffen wir, daß man dort endlich zu klarer Einsicht kommen wird, daß es unmöglich unsere Aufgabe sein kann, mit allen antisemitischen Lumpen zu streiten und gegen ihre „literarischen" Erzeugnisse zu polemisieren. Ueberlassen wir die Sachen ruhig ihrem natürlichen Lauf. Ein großer Teil der antisemitischen Anführer ist bereits von der Staatsanwaltschaft ereilt worden; Hammerstein, Leuß und Konsorten bilden die Zierde der Verbrecherkolonie; Böckel ist diesseits, Ahlwardt jenseits des Ozeans „gestorben, verdorben". Dem „vornehmen" Antisemitismus aber, der jetzt Mode geworden, dem Antisemitismus, der wie ein heimlich schleichendes Gift in den sogenannten „besseren" Kreisen Eingang gefunden, werden wir nur beikommen können durch innere Festigung und Kräftigung. Darum würden alle Vereine, die der Abwehr gewidmet sind, gut thun, den Kampf nach der bisherigen Methode, der doch nicht den mindesten Nutzen stiftet, aufzugeben und die Verteidigung des Judentums nach innen zu verlegen. Das Judentum muß innerlich widerstandsfähiger gemacht werden, angesichts der vielen Anfechtungen, denen jeder Jude ausgesetzt ist. Hier wäre ein dankbares Gebiet für alle, die sich der Sache des Judentums widmen wollen. Wie wir uns diese Propaganda denken, das wollen wir in einem besonderen Artikel sagen. Driimd) von Trritschke. Einer der meistgenannten Lehrer der Universität, dessen Vorträge zu den besuchtesten und bei der akademischen Jugend zu den bewundertsten gehörten, ist Heinrich v. Treitschke gewesen. Außerdem war er Professor der Geschichte. Von den Pflichten, die dieser wissenschaftliche Beruf ihm auferlegte, machte er keinen bemerkbaren Gebrauch. Er konnte es einfach nicht. Dazu fehlte es ihm an Gründlichkeit, wie strengere Beurteiler sagten; daran hinderte ihn sein Temperament, wie schmeichelndes Wohlwollen sich ausdrückte. Er hatte seinen Beruf verfehlt, als er Professor der Geschichte wurde. Sein Talent war das eines Barden, wenigstens beuteten Neigung und leidenschaftliche Gewöhnung auf solches Talent. Mit seinen unitarischen Anschauungen im Widerstreit zu seiner partikularistischen Umgebung, fanatisierte er zunächst sich selbst, und nachdem er so zum Apostel geworden, besaß er die rechte Eignung, Jünger zu gewinnen. Voll Schwung und Kraft war seine Rede, bestechend besonders für jugendliche Gemüter, und hinreißend wirkte sein Pathos aus jedes Ohr, das auf schlüssige Logik und strenge Wahrheit lieber als auf vollen Ton verzichtete. Wir hätten keinen Anlaß, in diesem Fachblatte des Verstorbenen zu erwähnen, wenn wir nicht gezwungen waren, seiner bei Lebzeiten wiederholt zu gedenken. Es soll mit Ehrlichkeit und mehr Gerechtigkeit geschehen, als er uns gegenüber bewiesen. Denn nur ein offener, nicht ein ehrlicher Gegner ist er uns Juden gewesen. Aus seiner Feindschaft wider uns machte er kein Hehl, nicht einmal aus seiner verblendenden Voreingenommenheit, und niemals schwang er sich auch nur zu dem Versuche aus, objektiv zu würdigen, was ihm nicht behagte. Gerade seiner rücksichtslosen Voreingenommenheit, die sich keineswegs ausschließlich gegen die Juden richtete, dankte er seine meisten Erfolge, und vielleicht ist hierin eine der wesentlichsten Ursachen dafür zu finden, daß er jede Neigung verlor, durch Selbsterziehung sich zur Objektivität durchzuringen. Er hatte sich einmal dem Fanatismus ergeben, in dem man groß sein kann, ohne Größe nötig zu haben, und durch seine besonderen Gaben, die verkleinern zu wollen uns fern liegt, übte sein Fanatismus eine bezaubernde und berauschende Wirkung auf leicht bestochene Hörer. Der Fanatismus lernt sich so leicht, seine Schlagworte prägen sich fast von selbst dem Gedächtnis ein, und die Erfahrung ist ohne Lücke, daß der Lehrer, der für die Erfassung seiner Lehre die geringsten Anforderungen stellt, am sichersten Hörer findet, die auf seine Worte schwören. Und wie wußte Heinrich v. Treitschke seinen Hörern zu schmeicheln! So plump ist kein byzantinischer August von seinen Höflingen umschmeichelt wordeu, wie Treitschkes Auditorium von seinem Lehrer. Selbstverständlich war die Schmeichelei keine persönliche, galt sie nicht dem Einzelnen. Aber sie war darum nur desto umnebelnder, da der Einzelne sie ohne Erröten hören und als schuldigen Wahrheitstribut hinnehmen konnte. Oder war es keine Schmeichelei, wenn der große Hasser auf dem Katheder, der Alles in der Welt haßte und verachtete, die Engländer und die Juden, die Coburger und namentlich das Herrscherhaus seines Geburtslandes, die Albertiner, seine ganze glühende Verehrung und Liebe auf das Deutschtum konzentrierte, wie er es sich dachte und das die jeweiligen Hörer zü repräsentieren sich einbilden dursten, ja sich einzubilden herausgefordert wurden! Nicht jeder Professor der Geschichte kann ein großer Geschichtsschreiber sein. Aber zum Geschichtenschreiber sollte keiner von ihnen werden. Heinrich v. Treitschke ist es geworden. Seine Geschichte Deutschlands im neunzehnten Jahrhundert, dem Umfange nach sein Hauptwerk, ist eine ungemein fleißige Arbeit. Doch der aufgewendete Fleiß ist nicht der des Gelehrten, sondern der des Dichters, der seine Lieder in Prosa schreibt, oder des Parteimannes, der sich berechtigt glaubt, durch Verschweigen oder verschärftes Betonen den politischen Gegner und dessen Vorbilder in der öffentlichen Meinung herabzusetzen, und nicht selten der des Pasquillanten. Wenn gleichwohl Treitschke nach Rankes Tode zum königlich preußischen Hofhistoriographen ernannt wurde, so ist das nur ein Beweis dafür, daß man dem Patriotismus Treitschkes, der zwar den Interessen des Hohenzollernhauses nicht gewidmet war, aber unzweifelhaft ihnen Dienste leistete, Dank zu wissen nicht umhin konnte. Hier freilich bewies Treitschke seine Unabhängigkeit: Der letzterschienene Band seiner deutschen Geschichte behandelte den König Friedrich Wilhelm IV., als ob er nicht ein Hohenzoller, sondern fast als ob er ein Coburger oder gar ein Albertiner wäre. Doch an dieser Stelle kümmert uns der Unwert Treitschkes als Historiker nur soweit, als dieser Unwert in innerem, logi-