Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 19 (8.5.1896)
- Date
- 1896-05-08
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 19. Jahrgang V. i flgemerne kS1 Berlin, 8. Mai 1896. ♦. Nebst einer wissenschaftlichen Beilage „Jeschurun". Redakteur: A. Lev in. Verlag: Siegfried Lronbach, Berlin W. 57. Telephon: Redaktion VII, 4236. * Expedition VI, 796. Treu und frei! Bezugspreis vierteljährlich: Deutschland u. Grstcrreich-Uugaru MK. 2,l alle andern Länder Jttlt. 2.50. Post-Ieitungsliste Nr. 108. Die „Mochenschrift" erscheint an jedem Freitag mindestens 20 Seiten (2l/a Bogen), der „Jefchnrnn" Mitte und Ende jeden Monats mindestens 4 Seiten ('/, Bogen) stark. Zu beziehen durch die Post (Zeitungsliste pro 1896 Nr. 108) oder unsere Expedition. Anzeigen werden mit 25 Pfg. für die einspaltige Petitzeile oder deren Raum berechnet. Bei Wiederholungen oder größeren Aufträgen tritt eine Preisermäßigung ein. Alle Annoncen-Expeditionen sowie unsere Expedition nehmen Anzeigen für dieses Blatt entgegen. Inhalt: Die Waffen nieder. I. — Heinrich von Treitschke. Bon M. A. Klausner. — Was nun? Bon Markus P. Fuchs. — Wochen-Chronik: Der Schulchan Aruch. — Bor der Pleite. — Abgewiegelt. — Eine Rezension — In Wien. — Aus Bukarest. — Die bosnischen Juden. — Feuilleton: Altjüdische Armenpflege. Bon B. R. — „Die Peitsche des Herrn Daniel Jtzig." Bon Lion Wolff. — Das Ghetto in Fez. (Schluß.) Bon Elsa von Schabelsky. — Ahlwardts Geschäfte. — Hier und dort. — Aus dem Leserkreise. — Kalender. — Anzeigen. Die Waffen nieder! Der Antisemitismus ist in Wien hoffähig geworden. Der polnische Graf Badeni, dessen Regierungsübernahme vor sieben Monaten in den österreichischen liberalen Blättern mit so vielem Jubel begrüßt worden war, hat nunmehr seinen Frieden mit Dr. Karl Lueger, dem Führer der österreichischen Antisemiten, abgeschlossen. Zwar ist die Wahl des Dr. Lueger zum Bürgermeister der Kaiserstadt an der Donau nicht bestätigt worden; aber dies geschah, indem Kaiser Franz Joses an den Patriotismus Luegers appellierte und ihm ans Herz legte, freiwillig aus die Wahl zu verzichten, da seine Bestätigung „dermalen" unmöglich sei. „Dermalen" findet nämlich die Eröffnung der Jubiläumsausstellung in Budapest statt, und es hätte zu sehr unliebsamen Demonstrationen in den Straßen der ungarischen Hauptstadt führen können, wenn Dr. Lueger als Oberhaupt der Stadt Wien vom Monarchen bestätigt worden wäre. In Wien ist man über diesen unerwarteten Ausgang der Bürgermeistersrage mit Recht konsterniert. Die berühmte „eiserne Hand" des polnischen Schlachziz hat sich als schlaff erwiesen; sie kann jetzt von jedem Trödler zu einem niedrigen Preis als altes Eisen erhandelt werden. Aber seit vielen Jahren haben die Juden in Wien die größten Opfer zur Bekämpfung des Antisemitismus gebracht. Es ist eine in der österreichischen Hauptstadt nicht wenig beklagte Thatsache, daß in der letzten Zeit die ewige „Abwehr"-Kampagne alles Interesse absorbiert hat. Eine Zeit lang ließ man sich bethören, eine lärmende Abwehr-Methode zu befolgen, die darin bestand, den Radau-Antisemitismus durch eben so taktlosen Radauphilosemitismus zu bekämpfen. Was einsichtsvolle Männer, voran der unvergeßliche Jellinek, vor einer derartigen Kampsweise, die sich für eine so schwache Minorität, wie wir nun einmal sind, nicht eignet, was jene Männer warnend ausgerusen, wurde überhört; einige über- und vorlaute „Retter" entblödeten sich sogar seiner Zeit nicht, jene Männer, auch da voran den entschlafenen Jellinek, mit Kot zu bewerfen. Die Folge hat gelehrt, daß die einsichtsvollen Warner recht hatten. Wir haben von all diesen lärmenden Verteidigungen nur Schaden gehabt, während das Judentum unter diesem Kriegslärm arg gelitten hat. In Wien vegetiert die jüdische Gemeinde schmachvoll dahin; alles geistige Leben ist dort völlig erstorben; der Obmann der Finanzkommission der jüdischen Gemeinde hat sein Amt niedergelegt, weil das klaffende Defizit im Betrage von hunderttausend Gulden nicht überbrückt werden konnte, trotz der schäbigsten Sparsamkeit, die da geübt wird. Vor einiger Zeit klagte ein aufrichtiger Beurteiler der Wiener Zustände, daß unter der „Abwehr-Kampagne" alle Wohlthätigkeitsinstitute der jüdischen Gemeinde leiden, da kein Mensch etwas zur Erhaltung jener Institute geben will oder kann. Die Opferwilligkeit der Juden wird von unserem Militarismus vollständig absorbiert; unter diesem leiden alle Kulturausgaben des Judentums. Es hat sich ein Heer von Berufenen und Unberufenen — letztere in der überwiegenden Mehrzahl — ausgebildet, die immer mit den gruseligsten Geschichten kommen, um das jüdische Publikum mit der Furcht vor dem Antisemitismus zu hypnotisieren, um es zu großen Geldopfern zu bewegen. Bei einem großen Teile dieser „Retter" ist das ganze zum Metier geworden; öffentlich und im stillen wird für diese edle Sache unausgesetzt gesammelt. Natürlich sind solche „diskrete" Sammlungen für gewisse Existenzen sehr ge- - Ife Z i-ViUii | ’v'Vvm