Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 18 (1.5.1896)
- Date
- 1896-05-01
- Page
- Seite 322 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 322. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 18. auch in anderen Städten eine ähnliche Einrichtung getroffen werde. X Beuthen O.-S., 26. April. Eine etwas abenteuerliche Geschichte wird von hier auswärtigen Blättern gemeldet. Vor etwa 20 Jahren war der Sohn einer hier lebenden katholischen Witwe, namens Harold in die Welt gezogen und seitdem verschollen. Dieser Tage klopft es an ihre Thür, und ein polnischer Jude tritt ein. Sie mustert ihn — eine Aehnlichkeit mit dem Verschollenen fällt ihr auf — einige schnelle Fragen — und in den Armen liegen sich Mutter und Sohn; denn dieser war es. In Rußland hatte er seinen Glauben gewechselt und kam nun angethan mit langem Kaftan zum erstenmal seit 20 Jahren zurück, um seine alte Mutter zu besuchen. Posen, 28. April. Auf dem Grundstück des Fabrikanten Schöpe wurden beim Ausheben von Baugrund neulich Leichensteine mit hebräischen Inschriften gefunden. Sie lagen in geringer Tiefe. Jetzt hat man beim Abbruch des bisherigen Quergebäudes auf dem Hose eine ganze Anzahl solcher Leichensteine in den Fundamenten dieses Gebäudes vorgefunden. Ein großer Stein ist aus dem Jahre 1739 datiert. Die Inschrift besagt, daß unter ihm der Gemeindevorsteher Mordachai (Marcus) begraben war. Ein kleinerer Stein wurde im Jahre 1780 einem Sohne des Rabbinatsassessors Mejer (Meyer) gesetzt. Vorzüglich erhalten ist ein großer Stein aus dem Jahre 1801, dem Andenken eines Hillmann Kalischer gewidmet. Vorläufig noch nicht näher zu bestimmen sind ein mächtiger Marmorblock mit riesigen Buchstaben, der einer Frau gestiftet war, und ein Steinfragment, das nach der Schriftform in -die Zeit von 1750—80 fallen dürste. Diese Funde werden dem Provinzialmuseum überwiesen. Die Entzifferung der Inschriften erfolgte durch Herrn Rabbiner Dr. Bloch. Bekanntlich befand sich in der Gegend der heutigen Theater- und Friedrichstraße der alte jüdische Friedhof, der im 13. Jahrhundert angelegt und im Jahre 1803 geschlossen ward. Da das Terrain fortan bebaut werden sollte, wurden die Gebeine ausgegraben und aus den neuen jüdischen Friedhof übergeführt. Eine Anzahl Steine blieb offenbar als herrenlos zurück, und so erklärt sich deren Verwendung bei der Fundamentierung des erwähnten Gebäudes. An der großen Längswand des Nachbarhauses (nach dem Wilhelmsplatz zu) ist übrigens noch deutlich die Stelle zu erkennen, an der die Leichenhalle und (daneben) die Leichenwaschkammer des alten Friedhofs gestanden haben. & Zempelburg, 27. April. Eine beachtenswerte Aenderung in unserem Schulleben ist zu registrieren. Die hiesigen Schulen waren bisher konfessionell. Mit dem Beginn des neuen Schuljahres sind die jüdischen mit den evangelischen Schulklassen verschmolzen und die beiden jüdischen Lehrer an dem neuen Schulkörper angestellt morden. X Lemberg, 24. April. Vor einigen Tagen wurden wir durch die Nachricht überrascht, daß der Abg. Dr. Byk seine Ehrenstelle als Vizepräses der hiesigen Knltusgemeinde niedergelegt habe. Bald darauf waren zahlreiche Gerüchte im Umlauf, die diesen Entschluß mit verschiedenen Vorkommnissen in Kombination brachten. Offiziell hieß es, daß weil Dr. Byk gelegentlich der letzten Gemeinderatswahlen von der Mehrzahl der jüdischen Wähler in den Wahllisten gestrichen wurde, er sich des Vertrauens derselben nicht sicher fühle. Die orthodoxen Wähler schreiben nämlich dem Herrn Abgeordneten die Urheberschaft des so mißliebig aufgenommenen Gemeindestatutes zu, und entzogen ihm deshalb zum großen Teile die Stimmen. Mittlerweile ist es gelungen, Herrn Dr. Byk zur Zurücknahme seines Entschlusses zn bewegen. ß Pest, 24. April. In Ungarn giebt es eine Ortsgemeinde, die auf der Karte unter dem für manches Ohr nicht sonderlich wohlklingenden Namen „Zsido" zu finden ist. Unter den Bewohnern dieser Ortsgemeinde existieren möglicherweise auch einige Gesinnungsgenossen Luegers, deren zartbesaitete Gemüter bis in das Innerste ihrer gläubigen Seele gekränkt sind, wenn sie infolge des ominösen Namens, mit dem der Zufall ihren Heimatsort beschenkte, mit den Mitgliedern einer „israelitischen Knltusgemeinde" verwechselt werden. So heißt es wörtlich in dem Gesuch, mit welchem die im Waitzner obern Bezirk gelegene Gemeinde „Zsidü" an den hiesigen Komitats-Munizipalansschuß das Ansuchen stellte, derselbe möge gestatten, daß dieser semitische Name gegen einen arischen umgetauscht werde. Der Referent hob hervor, daß dieser Ort eine der bedeutsamsten historischen Merkwürdigkeiten des Komitates sei; man finde ihn schon im vierzehnten Jahrhundert verzeichnet und König Sigmund ließ dort eine Abtei erbauen; er bilde den Sitz eines der ältesten Zweige der gräflich Csäkyschen Familie, die sich nach demselben „Csäky- Zsidüi" nannte. Mit Rücksicht hierauf beantragte der Referent, die Petenten seien einfach abzuweisen. Der Reichstags- Abgeordnete Nikolaus Földvary erklärte sich mit dem energischen Znrückweisen des gestellten Ansuchens vollkommen einverstanden. Von der Kongregation wurde das Ansuchen auch abschlägig beschiedeu. Rom, 24. April. In dem Kriegszuge wieder den Negus Menelik haben auch mehrere Glaubensbrüder wacker und tapfer mitgekämpft, von denen dann auch die meisten den Heldentod für König und Vaterland starben. Dagegen entrannen folgende jüdische Offiziere glücklich dem Tode und der Gefangenschaft: Oberstlieutenant Simon Supino vom 3. Infanterie-Bataillon, Hauptmann Guglielma Guastalla vom 6. Infanterie-Bataillon, die Artillerie-Lieutenants Ugo Luzzarti und Guiseppe Levi und der Lieutenant Giulio Levi vom 4. einheimischen Jäger-Bataillon. Amsterdam, 24. April. Oberrabbiner Dünner hat von einem hiesigen katholischen Priester, dem Beauftragten eines christlichen Kaufmanns, 10 000 Gulden für die jüdischen Wohlthätigkeitsanstalten erhalten. Der Uebersender bemerkte, daß der Spender ungenannt zu bleiben wünsche, den Betrag aber sende als ein Zeichen seiner Hochachtung vor der Rechtschaffenheit der jüdischen Kaufleute, mit denen er viele Jahre hindurch in lebhaftem Handelsverkehr gestanden habe. X London, 19. April. Herr Prof. Petrie hat über die letzten hochinteressanten Ergebnisse der Ausgrabungen in Fayum einen eingehenden Vortrag gehalten, in welchem er auch neu entdeckte Inschriften mitteilte, welche sich auf einen Krieg zwischen Egypten und Israel beziehen. Man hat eine große Steintafel gesunden, in der König Mereneptah von seinem Kriege in Syrien erzählt und dabei erwähnt, wie er das Volk Israel geplündert habe. Dem Anscheine nach bezieht sich diese