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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-05-01 · 18 (1.5.1896) · p. Seite 319

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
18 (1.5.1896)
Date
1896-05-01
Page
Seite 319 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 18. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Sette 319. überwältigend wirkt aber die Beleuchtung. Zahllose Flammen blitzten aus tausenden von Lampen, Ampeln, Laternen, Kandelabern, Leuchtern, die alle in schwerstem Gold glänzen und mit den kostbarsten Steinen, mit der kunstvollsten Juwelierarbeit verziert siud. Gegeuüber dem Thore, an dem wir stehen, erheben sich, wie große Goldbäume, zwei mächtige Kandelaber mit je sieben Armen, auf jedem Arm eine große Schale, in der irgend eine mir unbekannte Substanz in heüen Flammen brennt. „Das sind die Leuchter aus dem Tempel Salomos," belehrt mich flüsternd mein Begleiter mit sichtbarem Stolze. „Sie wurde»: durch Engel gerettet während der Zerstörung des Jerusalemer Tempels und nach Fez herübergebracht." Ter mächtige Raum ist dicht gefüllt. Rechts die Männer, links die Weiber. Ta »vir an der Schrvelle bleiben — als „Ungläubige" durfte ich nicht weiter hinein — so kann mein Begleiter neben mir stehen, aber ich bemerkte trotzdem, daß uns einige mißbilligende Blicke treffen. Ich sehe rnir die Bersannnlung an. Darurn also haben wir auf den Straßen gar keine jungen Frauen, keine anständig gekleideten Männer erblicken können. Es ist eben Freitag Abend und alle Welt ist in die Synagoge geeilt u»td hat zu diesein Besuch die schöusten Kleider augelegt. Man »vird ordentlich geble»»det von diesem Glanz und namentlich von dieser Buntheit. Tie lange»», eng anschließe»»den Kaftans der Männer si»rd ans kostbarsten Goldbrokaten, aus schwerster Seide in den schönsten Lichtsarben. D»e Frauen gleichen einem »vandelnden Bijouterieladen. Sie haben das alte Nationalkostüm a»»s der Zeit Saloinos fast »»»»verändert bervahrt »»nd tragen ziemlich breite Rücke aus kostbaren Seiden- oder Sammetstoffen, die vorn, etivas an der Seite, mit Gold und Perlen reich gestickt sind; dazu »veite Untergewä»»der aus Silbergaze, »nit laugen, breiten Aerineln, die den Ar»»» vollstä»»dig sichtbar lassen, n»»d kurze, ärrnellose Ueberjäckchei», — eine Art Figarojacken — deren Stoff unter den kostbarsten Stickereien ganz verschivindet. Breite, bunte Seiden- oder Goldgaze-Schärpen dienen als Gürtel und auf de»»» Kopfe werden kleine Käppchen aus Goldfiligran »nit reichen» Steinschinuck getragen. Lange Reihen von Goldmünzen fallen von diese»»» Käppchen herunter auf die Stirn und das offene Haar der Mädche»», das »nit Perlenketten reich durchflochten ist. Das Haar der verheirateten Frauen ist durch Schleier ga»»z verdeckt, aber Fra»»eu und Mädchen tragen gleich riesige Goldreifen in den Ohren und schmücken Brust, Arn»e und Finger mit Perlenreihen, Goldmünze»», Ketten, schrveren Arinspange»» und großen Ringen. Selbst auf den Füßchen tragen sie Sandalen a»»s hellen» Leder, das »»nter Gold- »u»d Perlenstickerei kau»»» hervorschimmert. Und dabei sind diese Frauen rvirklich schön so schön, daß ich an die schöne Sulainith denken in»»ß; — so schön, daß ich über das seltsame Rassevorurteil erstaune, das de»» Mohaminedanern verbietet, eine Jüdin zur Frau zu haben, oder vielmehr über den Glaubenseifer der Ki»»der des Jslarns, die diese»»» Verbote »virklich folgen. Merk- »vürdig bleibt die Verschiedenheit der beiden in» Grunde doch verwa»»dten Gesichtstypen. Jüdinnen wie Araberi»»r»en sind gleich rveiß »»nd haben gleich fchivarze Augen u»»d Haare. Doch der Teint der Jüdin ist ein »venig gelblicher und hat dabei die natürliche rosige Färbu,»g behalten. Ihre Augen sind auffaflenb groß und niandelförmig geschnitte»», die Lippen voller und das Gesicht länglicher als bei der Araberin. Man findet auch blonde Jüdi»»nen — während eine blonde Maurin noch nie dagewesen sein soll.*) Ich sah beim Verlassen der Synagoge ein paar rothaarige Mädchen an mir Vorbeigehen, die geradezu bler»de»»d schön »varen durch den Kontrast zivischen den schwarzen Augen und den goldglänzenden Haarivellen. — Merkwürdig andächtig lauscht die tausendköpsige Menge dem Gottesdie»»st. Dabei »vird in der alttestainentlichen hebräischen Sprache gesungen und gesprochen, die seltsa»»» rührend tönt. Die schwerinütigen Melodien klingen geheiinnisvoll wie eine Sage aus uralter Zeit, u»»d erivecken Erinnerungen an die unnachahinlich schönen Bilder des Buches der Bücher, an all die alte Poesie, die uns diese alte Sprache beivahrt hat — durch Gefahr und Tod, durch Zeit ur»d Raun», trotz Feiler und Schivert »»nd ta»»sendjährige Verfolgung! . . . Währer»d der ganzen Dauer des zieinlich langen Gottesdienstes halten die schönen Sulainith ihre Feueraugen andächtig zu Boden geser»kt, viele hatten sogar große »veiße Gazeschleier über die Gesichter geworfen. Als aber die religiösen Zere- »nonien vorbei »varen und die Ai»wesenden sich z»nn Ausgang wandten, da rvurden zärtliche Blicke ausgetauscht und ich konnte »nanches Pärchen bemerken, das sich abfonberte und in den Abziveigungen der Gänge versch»va»»d. Ein Ver»va»»dter uifferes Führers erivartete uns zun» five o'clock tea — Ivie man in Europa sagen würde. Man »vundere sich nicht darüber. Unser Isaak Bosoguar ist ein sehr vornehiner Herr, der in gerader Linie von irge»»d einem alttestn^leutlichen Fürsten abstainint, einen» „Joha»»an aus Raina" — der Geburtsstadt König Davids, »venn ich nicht irre. Man hört hier in» Mellah die altvertrauten biblischen Namen auf Schritt und Tritt, u»»d das berührt einen ga»»z seltsan» anheimelnd, als ob »na»» plötzlich »mter ein ver»va»»dtes Volk versetzt »vürde aus den» frembeufeinblidjen Lande des Jslarns. Die Gemeinsamkeit der Bibel bildet ein »nerkrvürdig starkes Band in einem La»»de, rvo Christen gleich Juden verachtet u»»d gehaßt si»»d. Es ist ja schon beinahe eine Glaubensgemeinsamkeit, wenn man dieselbe Vergangenheit liebt ur»d ehrt. Ich fühlte das aus dem herzlichen Einpfange heraus, den mir die ausgedehnte Verrvandtschaft unseres alten Führers bereitete. Der Vetter, der uns erivartete, erinnert in seiner Erscheiriung an das Bild des alten Abrahan» in Gllstav Torös Bibel. Seine Frau Sarai, seine Töchter Thainar und Dina, seine kleine Schiviegertochter Rachel thaten so freudig erregt, als ob mein Besuch das größte Glück ihres Leberis wäre. Das gastliche Haus des alten J»»den ist genau nach arabischer Art eingerichtet und mit großem Luxus ausgestattet. Ich nenne den Namen des Wirtes nicht, um ihn» keine Unannehmlichkeiten zu bereiten. Das allein verbietet mir, den lieben, gastfreien Menschen öffentlich zu danken — »vie ich es in meinem Herzen thue — denn »vas Gastfreundschaft in Marokko heißt, rvas sie »vert ist, kann nur der beurteile»», der d»»rch diese univirtliche»», öder», feindlichen Gegenden gereist ist. (Schluß folgt.) *) Eine Ausnahme bilden nur die sogenannten Riffkabylen, ein Stamm an der Nordküste Marokkos, den die Ethnographen vielfach für Nachkommen der Vandalen halten.

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