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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-05-01 · 18 (1.5.1896) · p. Seite 318

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
18 (1.5.1896)
Date
1896-05-01
Page
Seite 318 (sequence 10)
Language
German
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Seite 318. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 18. Das Ghetto in fr?. *) Von Elsa von Schabelsky. (Nachdruck vcrbotcir) Fez, den 15. Rabi el aivrval (5. September). Der Mellah (das Ghetto) liegt sehr weit von dem Hause, ivo ich wohne. Wir müssen erst Fez-Bali und Fez-Djidid durchqueren, bevor wir zu den Thoren der jüdischen Stadt gelangen. Der Mellah ist von hohen Mauern umgeben, wie die beiden andern Hauptstadtteile der marokkanischen Residenz, und von den mohamedanischen Vierteln durch große, freie Wiesenstrecken getrennt. Auf diesen unbebauten Flächen pflegen nun die Bewohner der Judenstadt, wie auch die Mohammedanerin aller Seelenruhe den ganzen Unrat aus ihren Wohnungen abznladen. Unter diesem Unrat befinden sich zuweilen auch tote Esel und Kameele. Das geniert niemanden. Die Kadaver werden einfach hingeworfen. Schakale und Hunde, Raubvögel und Ratten werden das Fleisch bald genug abpntzen, und das übrige besorgt die gütige Sonne, die in zwölf Stunden ein frisch geschlachtetes Rind ungenießbar macht. Im Innern des „Mellah" sieht man zunächst nichts besonderes. Dieselben engen, schmutzigen Gassen, dieselben weißgetünchten, hohen, fensterlosen Mauern, dieselben flachen Dächer wie in den andern Teilen der Stadt, — nur noch enger, dunkler, lustloser und schmutziger. Man fühlt auf Schritt und Tritt, daß eine zu dichte Bevölkerung hinter den Ringmauern erstickt und vergeblich nach Luft und Sonne strebt. Doch wenn die Straßen und Häuser nicht anders sind als in Fez-Bali, so sieht die Bevölkerung des Mellah umso auffallender „anders" aus. Die Männer tragen keine so vornehm wirkenden „Burnusse" mehr, sondern glatte, enge Kaftans aus dunklen, meist schwarzen Stoffen. Dazu weiße Strümpfe und schwarze „Babuschen". Gelbe Pantoffeln dürfen ja nur die Kinder des Islam tragen. Aus den Köpfen haben die Juden kleine, runde, schwarze Käppchen, die der Form nach den Cerevis der deutschen Studenten nicht unähnlich sind. Alles das sehr schmutzig und ärmlich. Selbst die reichsten Juden vermeiden es, auf der Straße sich anständig anzuziehen, um den Neid und die Gewaltthätigkeit der Mauren nicht zu reizen. Auch Frauen sieht man in den Straßen — unverschleierte Frauen, die mit bunten Tüchern aus dem Kopfe von einer Schwelle zur anderen mit kreischender Kopfstimme laute Gespräche führen. Aber o weh! — sollen das die „schönen Jüdinnen" von Fez sein, von denen man mir schon in Tanger soviel erzählt hat? — Das sind ja lauter alte, welke Gesichter, die sich uns zeigen. „Giebt es denn gar keine junge Frau im Mellah?" fragte ich meinen Führer. Der lächelt verschnützt und antwortet: „Warten Sie nur, Senora!" Auffallend ist die Zahl der Kinder. Soviel Kinder auf einmal habe ich in meinem Leben nicht gesehen. Unsere Maultiere können kaum die Füße stellen, ohne auf ein Beinchen oder ein Händchen zu treten. Das wimmelnde kleine Volk *) Unter dem Titel „Harem und Moschee" erscheint demnächst im Verlage von Siegfried Cronbach, Berlin W., ein Buch, enthaltend Reiseerinnerungen der Verfasserin. Aus den uns von der Verlagsbuchhandlung zur Verfügung gestellten Aushängebogen geben wir das 13. Kapitel im Auszuge wieder. Red. kriecht und springt äußerst munter in dem Staub herum, ohne sich im geringsten vor den Reisenden zu fürchten. Mägdlein und Buben sind halb nackt und sehen so eigenartig aus mit ihren rabenschwarzen Lockenköpfen und den großen, pechschwarzen Aeuglein, daß sie einen zum Malen reizen könnten. „Wie seltsam, daß diese bildschönen Kindchen so ohne Uebergang zu alten Weibern werden!" wende ich mich abermals zu meinem Führer. Und abermals antwortet er: „Warten Sie nur — wir sind gleich da, und da werden Sie schon sehen, Senora." — Wir biegen noch «um eine Ecke, drängen uns vorsichtig an einem „Silo" vorbei (so nennt man hier die unterirdischen Gänge, in denen man zu Kriegs- oder Hungerszeit Getreide verbirgt), dessen Eingang ganz gemütlich und ohne jedes Warnungszeichen auf die offne Straße mündet und den ahnungslosen Vorbeigehenden freundlich zum Hineinfalleu und Knochenbrechen einladet — und machen vor einem alten, steinernen Thore plötzlich Halt. Nun steigen wir ab und binden unsere Tiere an eine Eisenstange, die am Thore befestigt ist. Eine Art dunkler Gallerte öffnet sich vor uns. Wir machen etwa zwanzig Schritte und stolpern über den Anfang einer schmalen Treppe, die in die Tiefe führt. Keine Spur eines schützenden Gitters ist an der vollständig dunklen Oeffnung zu bemerken. Doch unser alter Führer scheint den Weg genau zu kennen. Er packt mich bei der Hand und schleppt mich mit sich fort durch die Dunkelheit — wohl hundert Stufen hinab — dann durch lange, ebenso dunkle Korridors, die an endlose Kellergewölbe erinnern und nur durch wenige schwach glitzernde Laternen beleuchtet sind. Schon wurde mir die eigenartige Wanderung etwas zu lang und ich begann mich zu fragen, ob es denn doch nicht etwas unvorsichtig war, in diesem Lande allein mit einem fremden Manne mich in ein solches Rabennest zu wagen, da drang plötzlich helles Licht bis zu uns und ein Gemurmel vieler leiser Stimmen. Die Laute wurden deutlicher — das Licht immer heller. Noch einige Schritte und wir stehen vor einem zweiten eisernen Thor, — einem wahren Kunstwerk der Schmiedeeisenarbeit. Ich sah ein Eisengewebe so fein wie die feinste Spitze, durch das ein rötlicher Schein vieler hundert Kerzen drang, und der Gesang eines prachtvollen Chores, der eine seltsam feierliche Melodie in geheimnisvoller Sprache vortrug. Wir waren in der berühmten unterirdischen Synagoge von Fez, die mir unser Führer erst nach vielem Bitten zu zeigen versprochen hat, und auch das nur unter der Bedingung, daß ich für diesen Besuch einen Tag auswählen soll, an dem meine Reisegenossen auf der Jagd sein werden. Ich begriff diese Vorsicht erst später — und dann gab ich ihm beinahe recht — denn man soll leichtsinnigen jungen Christen keine schönen Jüdinnen zeigen — namentlich in Fez nicht. Ich vermag den Eindruck gar nicht zu schildern, den ich empfing, als das Gitterthor sich nach einem langen Parlamentieren meines Führers öffnete. Es war wiederum ein Bild von seltsamem Reiz, von märchenhaftem Charakter vor Meinen Augen. Man denke sich ein riesengroßes Gewölbe, das sehr wohl ein paar Tausend Menschen fassen könnte. Die Wände sind mit bunten Marmorplatten bedeckt und die mächtigen Pfeiler aus dunklen Granitblöcken gehauen. Geradezu

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