Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 18 (1.5.1896)
- Date
- 1896-05-01
- Page
- Seite 315 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 18. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 315. stellen versucht, bei denen Lohn und Leistung durch Kontrakt genau geregelt werden müssen." — Recht nett. Das Gewissen des Schreibers hat sich blos mit einer großen Verspätung und zur unrechteu Zeit eingestellt. Vor etwa drei Jahren hätte es erwachen sollen, als Herr Justizrat Meyer, ohne jede äußere Veranlassung, in öffentlicher Sitzung erklärte, es gäbe in Berlin kein Rabbinat, mall kenne hier nur „angestellte Beamte." Vor etwa drei Jahren hätte es erwachen sollen, als die Mitglieder des Rabbinats wie subalterne Beamte jdiesen Fußtritt wortlos entgegengenommeu und ihn nicht nlit einer Demission zu parieren gesucht hatten. Jetzt ist es zu spät und außerdem deplaziert. In der Forderung, daß die Rabbiner sich «lehr sehen und hören lassen sollten, vermögen normal veranlagte Staturen unfreundliche Gesiililuug nicht zu erblicken. Eher ist dies iloch als ein Vertrauensvotum anzuseheu. Die Taktik des Blattes gleicht darum der Gepflogenheit weitherziger Naturen, die Mückeil seihen und Elephanten schlucken. - „Mnhamcdinier thnn's nicht." In dem hiesigen Passage-Panoptikum ist jetzt ein veritabler Harem ausgestellt. Diese Ausstellung erregt in jedem Einheimischen und Fremden, der über die ivichtige Sache überhaupt nachdenkt, den einen Gedanken, daß sie von dem Unternehmer veranstaltet wllrde, um den Besuchern „mal was anderes" zu bieten. Anders Antiscm; der hat sogleich seine besonderen Einfälle. Und so meldet denn ein hiesiges Alltiseiilitenblatt, daß die Mitglieder des Harems Jüdinnen seien, — was nicht überraschen könne, „da Muhamedanerinnen sich für derartige Schaustellungen nicht hergeben." Und das Blatt hatte in der That recht. Es sind wirklich keine Muhamedanerinnen, die sich im Panoptikum ausstellen lassen. Zwar sind sie auch keine Jüdinnen, sondern maronitische Christinnen aus dem Libanon; aber es hieße das tiefe sittliche Niveau der Antiseinitenpreffe einnehmen, wollte mau an diese Thatsache auch nur die leiseste unangenehme Bemerkung knüpfen. J — Statistisches. Die Zahl der jüdischen festangestellten Lehrkräfte an den höheren (Knaben-) Schulen in Preußen war bis zum 1. November v. I. folgende: Ostpreußen: 0. Westpreußen: 1. Posen: 3. Schlesien: 5. Brandenburg: 20. Sachsen: 1. Hannover: 0. Schleswig-Holstein: 0. Westfalen:. 0. Hessen-Nassau: 21. Rheinprovinz: 0. Die relativ große Zahl der jüdischen Lehrer in der Provinz Hessen-Nassau erklärt sich daraus, daß 18 derselben an den beiden höheren Schulen der jüdischen Gemeinde zu Frankfurt a. M. angestellt sind. Sämtliche übrigen jüdischen Lehrer sind mit Ausnahme der 8 in Posen nur an städtischen Anstalten angestellt, und zwar die 5 in Schlesien an denen Breslaus, von den 20 in Brandenburg 18 an denen Berlins. — Die jüdischen S chüler au den höheren Lehranstalten Berlins verteilen sich, uncf) den zur Ausgabe gelaugten Schulprogrammen, wie folgt: Das Leibniz-Gymnasium war am 1. Februar d. I. von 500 Schülern, darunter 93 jüdischen besticht, Königstädtisches Gymnasium von 556, darunter 202, Lessing-Gymuasium von 674, darunter 135, Sophien-Gymnasium von 648, darunter 274, Königstädtisches Real-Gymnasium von 748, darunter 200, Luisenstädtisches Real-Gymnasium von 883, darunter 368, Königliches Friedrich-Wilhelms- Gymnasium und Königliche Vorschule von 702 und 534, unter diesen 67, Königliches Real-Gymnasium von 512, unter ihnen 42, Königliches Prinz Heinrich-Gymnasium von 653, unter diesen 42, Luisenstädtische Oberrealschule von 690, unter ihnen 47 jüdische. Von 633 Schülerinnen der Königlichen Elisabeth- Schule waren 115, von 783 der Viktoria-Schule 236 und von 716 der Margarethen-Schule 332 jüdisch. — 5000 Mark wollen die Wähler in Arnswalde-Friedeberg sich die Ehre, von Ahlwardt nicht mehr im Reichstage vertreten zu sein, kosten lassen. So wurde am Mittwoch dem „Mr. H. Ahlwardt, Member of the German Reichstag“ in einem eingeschriebenen Briese kund und zu wissen gethan. Nach Eintreffen der von einem Notar zu beglaubigenden Verzichtleistung und nach ihrer Verkündigung im Reichstage werde die Summe sofort von einem New-Porker Bankier ausgezahlt werden. Zu einer Erklärung über den Vorschlag ist eine Bedenkzeit von zehn Tagen — nach Eintreffen des Briefes in Amerika — festgesetzt worden. — Unsere Leser werden sich erinnern, daß wir diesen Vorschlag vor drei Wochen gemacht haben. Glauben wir nun auch nicht, daß die antisemitischen Führer in dem genannten märkischen Wahlkreise unseren Vorschlag gelesen und sich nach ihm gerichtet, so ist uns der Effekt desselben doch ein Beweis, daß jene ihren Erwählten so gut kennen wie wir, daß sie so gut wissen wie mir, daß der große deutsche Mann ohne Geld nichts thut, für Geld — alles. — Eine peinliche Szene spielte sich dieser Tage in Erfurt ab. Urheber derselben war der Direktor des Königl. Realgymnasiums, Dr. Zange, ein ausgesprochener konservativer Parteimann mit antisemitischer Gesinnung. Ein in allen Kreisen der Stadt hochangesehener jüdischer Lehrer, Dr. Pick, bekannt als Historiker und Altertumforscher, der bisher an einer höheren Handelsschule thätig gewesen, ist von der königlichen Regierung zum Oberlehrer am Realgymnasium ernannt worden. Beim Wiederbeginn des Schulunterrichts nach den Osterferien benutzte nun der Direktor den Einführungsakt, um vor versammelter Schule seinem Unwillen über die Ernennung des neuen Lehrers Ausdruck zu geben. Der Herr Direktor erklärte nach der Vorstellung des Dr. Pick offen, daß er alle ihm zu Gebote stehenden Mittel zur Hintertreibung der Wahl desselben versucht habe; selbst weite Reisen habe er nicht gescheut. Sein Streben sei jedoch erfolglos gewesen und Herr Dr. Pick zum Lehrer an der Schule ernannt worden. Er betrachte dies als einen Mißgriff; die Zahl der jüdischen Schüler am Realgymnasium sei so kleiu, daß sich die Ernenuung eines jüdischen Lehrers nicht rechtfertigen lasse. Trotzdem sei dieselbe erfolgt und er, der Direktor, könne heute nur noch den Wunsch aussprechen, daß Herr Dr. Pick stets unparteiisch handeln und in seinem Wirken als Lehrer den Stifter der christlichen Religion vor Augen haben möge. Diese sonderbare, den Oberlehrer Dr. Pick unzweifelhaft verletzende und seine Autorität als Lehrer untergrabende Ansprache hat bei der großen Mehrzahl der Zuhörer, bei Lehrern und bei Schülern, peinliches Aufsehen erregt. Der Herr Direktor übersah bei derselben offenbar ganz, daß er in seinem antisemitischen Eifer seine Vorgesetzte Behörde einer Kritik unterzog und daß seine Ausführungen gegen den Geist und Wortlaut der preußischen Verfassung verstießen. Interessant ist es übrigens auch, daß die oben geschilderte Szene sich an einer Schule abspielte