Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 18 (1.5.1896)
- Date
- 1896-05-01
- Page
- Seite 314 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 314. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 18. raten die Geschäfte in Konkurs und die Seelsorge erklärt sich — insolvent. Kurz und schlecht: Oben und unten versumpfte Korruption, Flachheit, Flauheit und Wurstigkeit, Schammosimwirtschaft, Phraseudrescherei der seichtesten Sorte; nirgendwo Ernst und Würde, Charakterreinheit und Pflichttreue. Daher denn auch der gänzliche Verfall des österreichischen Judentums. Wo die jüdische Wissenschaft keine würdevolle Stätte hat, geht das Judentum zugrunde. Wo für die ehrfurchtgebietende, heilige Gestalt des gläubigen und nicht phrasenhaften Judentums ein Paradejudentum und — sit venia verbo — Gigerljuden den Ton angeben, und leider sind das die reichsten und einflußreichsten, da ist an Besserung und Rettung nicht zu denken. - Heißt es der Reaktion zusteuern, wenn man den Schwindel geißelt? Heißt es „schwarz" sein, wenn man das glitzernde Geflunker des modisch aufgeputzten Judentumes als solches kennzeichnet? Im Kampfe gegen den äußeren Feind, der mit jedem Tage an Anhang gewinnt, hat uns Untreue am Glauben noch nie geholfen. Durch solche Selbstschwächung gewinnt man den fanatischen Gegner nicht. Wenn aber das österreichische Judentum fortfährt, sich seinem Glauben zu entfremden, wenn insbesondere die Leitungen der Gemeinden und deren Rabbiner diese zerstörenden und auflösenden Bestrebungen fördern, dann graben wir unser eigenes Grab und wenig hilft es, daß wir dasselbe mit dem eitlen Tand der Bänder und Blumen schmücken. Warum aber sollen wir unsere eigenen Totengräber werden? Zeit wäre es, diesen jämmerlichen Zuständen ein Ende zu machen, sonst werden wir bald an die Setzung des Leichensteines denken müssen, dessen Aufschrift lauten wird: „Hier liegt das Judentum begraben." N.-Z. lVochen-Lhronik. Berlin, den 29. April. — Die babylonische Verwirrung, die Herr Lazarus Goldschmidt durch seine „Uebersetzung" im Babylonischen Talmud anzurichten droht, wird auch in der Franks. Ztg. gebührend beleuchtet. Der Rezensent dieses Blattes, Prof. Dr. A. Sulzbach, gelangt in seiner, in der letzten Sonntagsnummer des genannten Blattes abgedruckten Kritik zu dem nämlichen Resultat, zu welchem wir vor acht Tagen gelangt sind: Die äußere Ausstattung des ersten Heftes ist vorzüglich, die innere dagegen mangelhaft. Professor Sulzbach schreibt u. a.: „. . . Aber vor allen Dingen, und dies hätte die vornehmste Sorge sein müssen, wäre es die erste Aufgabe gewesen, dem Publikum eine lesbare, verständige und gut deutsch geschriebene Uebersetzung in die Hand zu geben; von der vorliegenden kann aber nicht behauptet werden, daß sie eine solche sei. Der Verlag rühmt im Prospekt und wiederholt es auf dem Titel, daß die Uebersetzung „möglichst wortgetreu" sei, aber dies ist gerade, abgesehen von ernsten sachlichen Fehlern, der Mangel, der ihr anhastet. Mit dem „wortgetreu" und „möglichst wortgetreu" ist es nicht gethan, es ist in den meisten Fällen bequem, aber die Aufgabe, die dem Uebersetzer gestellt ist, wird damit nicht gelöst. Manche Partien müssen durch die „möglichst wortgetreue" Uebersetzung geradezu falsch ausgesaßt werden, manche bleiben dem Laien ganz unverständlich; wer diese Uebersetzung nicht nötig hat, der Kenner des Talmuds, versteht sie, wenn er die übersetzte Stelle — im Urtext nachliest. . . . Aber auch, wo die Uebersetzung eine an sich stilistisch und sachlich richtige ist, vermißt man das Geschmackvolle. Dem „wortgetreu" sind hier manche Opfer gebracht worden. Folgendes mag als Beispiel dienen. Für den Schluß de majore ad minorem, oder umgekehrt, existiert im Talmud die Formel: Kal wechomer, wörtlich: „Leicht und Schwer". Gelegentlich einer solchen Stelle wird wortgetreu übersetzt: „Das weiß ich von „Leicht und Schwer" — allerdings erklärt er den Sinn dieser Worte in einer Fußnote, aber eine solche Erklärung verlöscht nicht den lächerlichen Eindruck, den der Text auf den Leser machen muß, und darum gehört die Umschreibuug in den Text." — Wir glauben durch Wiedergabe dieser Zeilen eines kompetenten Kritikers den Wert der Goldschmidtschen Talmud-„Uebersetzung" zur Genüge dargethan und unsere Leser vor der Anschaffung eines kostspieligen (etwa 400 Mark) aber unbrauchbaren Werkes hinreichend gewarnt zu haben. — Die Rabbinerwahl in Berlin beschäftigt diesmal weiteste Kreise auch außerhalb unserer Stadt. Besonders wird sie vielfach zum Zwecke einer eigenartigen Reklame für einzelne Rabbiner in der Provinz benutzt. Es vergeht fast keine Woche, in der uns nicht einige Ausschnitte aus Provinzialzeitungen übersandt würden, die den Lesern mitteilen, Herr so und so habe einen „ehrenvollen Ruf an die Berliner Gemeinde" erhalten, ihn jedoch „mit Rücksicht auf die schwierigen Verhältnisse" dankend abgelehnt. Demgegenüber konstatieren wir, daß es sich in allen Fällen nur um eine Anfrage handelt, ob der betreffende Rabbiner etwa geneigt wäre, hier eine Gastpredigt zu halten. Daß diese noch nicht einen „Ruf an die Berliner Gemeinde" bedeutet, ist klar. Die Redensart von den schwierigen Verhältnissen in Berlin beruht auf einer Fabel, die in leicht durchsichtiger Absicht von den Anhängern des verflossenen Verwaltungssystems erfunden wurde. Nicht der Frieden, sondern nur die „verfluchte Bedürfnislosigkeit", wie Lassalle sagt, ist aus der Berliner Gemeinde gewichen. Ein Mann von ernstem Wollen und fachmännischem Wissen wird hier großen Anhang, thatkräftige Unterstützung und ein weites Feld der Thätigkeit, — er wird Befriedigung finden, indem er die Gemeinde befriedigt. — Zu spät! Aus dem Berliner Gemeindeparlament berichteten wir in der vorigen Nummer über einen Antrag Lewin, der eine stärkere Heranziehung der hiesigen Rabbiner zur rhetorischen und seelsorgerischen Thätigkeit anstrebt. Diesen Antrag glossiert das publizistische Organ des Gemeindevorstandes wie folgt: „In der Sache selbst mag ja manches richtig sein, was bei diesem Anlasse vorgebracht wurde . . ., aber eine freundliche Gesinnung gegen unser Rabbinat sprach weder aus dem Anträge selbst, noch aus der Stellung, welche die Rechte der Versammlung demselben gegenüber einnahm . . . Wir bedauern es so lebhaft wie möglich, daß man noch immer mehr Versuche machen will, die Stellung der Rabbiner hier herabzudrücken, indem man sie durch „Festlegung ihrer Verbindlichkeiten" auf die Stufe der bezahlten Beamten zu