Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 18 (1.5.1896)
- Date
- 1896-05-01
- Page
- Seite 313 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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■Dir. 18. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 313. wenigen gelehrten Monatsschriften begegnet man immer wieder denselben Leuten; zwar diese, auch Epigonen, bemühen sich doch der Wissenschaft zu dienen; hier kann man aber doch wenigstens nicht sich selbst und seine Ware preisen. Und all die welbtberühmten Männer „doctores philosophiae1-; das deckt alles; als wenn das Diplom, selbst wenn es rechtschaffen erworben, irgend welche Bürgschaft für die Eignung zum Rabbinerbernse böte. Ter hochweise Gemeindevorstand sieht das stattliche Pergament, hört einige wohlgedrechselte Reden während des Redner- Wettrennens, das zum Ergötzen der ganzen klatschsüchtigen Gemeinde stattfindet, und bestellt den Glücklichen zum Seelenhirten, ohne die geringste Kenntnis über seine religiösen Ueberzeugungen, sein Wesen und seinen Charakter. Und diese Bestellung wird dann als „epochemachend" kundgethan. Ach, die Doktoren der Philosophie! Jüngst ging ein großes Wehgeschrei durch Oesterreichs Gaue: denn die Behörde verfügte, daß nur inländische Doktortitel gelten. Das war schlimm, denn nur recht wenige blieben so offiziell bei ihrem Ehrennamen. Denn ans Deutschlands hohen Schielen wird der Titel auch ohne Gymnasialstudien erworben und es giebt manchen Dr. phil., der nichts weniger als ein gebildeter Mensch ist. Deshalb haben die Herren Antisemiten doch nicht recht, denn so gebildet wie die Geistlichen anderer Konfessionen sind doch die meisten; wir aber verlangen mehr als das. Ein ungarischer oder polnischer Jüngling, der allerdings in einigen Jeschibots, mit denen es heutzutage nicht weit her ist, Talmud gelernt haben soll, bleibt drei bis vier Jahre in Deutschland, wird äußerlich, so gut es geht, germanisch, hört drei Jahre als Externer an einer Universität, schreibt eine Dissertation-wer kennt nicht diese Maknlatnrlitteratnr-- und ist, eh' man sich's versieht, Doktor der Philosophie! Sein bischen Talmud hat er unterdeß vergessen und anderes nicht viel zugelernt, hingegen ist er Rabbiner nach neuester Fa^on geworden. Solche Erscheinungen sind nicht allzuselten. Tie traurige Art des jetzigen ungarisch-polnischen Talmudlernens, wie es, Gott sei's geklagt, in den wenigen talmudischen Kreisen einznreißen droht, hat mit der klassischen, talmudischen Zeitepoche auch nicht das geringste gemein; welch' ein Zwitterwerk kommt aber zum Vorschein. Der Bachur ist Dr. phil. und keines von beiden. Zum Gaudium der Mitwelt spielt er sich in die Doppelrolle des „Lamdan" und „Modernen" ein und gründet womöglich gar ein jüdisches Gymnasium. Solche Breitspurigkeit muß zur Entgleisung führen. Ein anderer hat mm gar den Ehrgeiz, „Professor" zu werden. Zwar hat er den polnischen Jargon noch in den Knochen stecken, allein, was kann man nicht alles aus einem Bocher machen? Und dritte wiederum, die vielberühmten Reformer, bilden sich zu liebenswürdigen Rednern für zarte Frauen und noch zartere Mägdelein ans, deren „Konfirmierung" — ein echt jüdischer Ausdruck! — eine der Hauptlebensaufgaben des Seelsorgers seit jeher ist; ganz natürlich! Die Goldsctmittlitteratur, Noveletten und Romane, die zierlichen, dünnen Prachtbändchen verdrängen ja auch die ehrwürdigen Folianten des babylonischen und palästinensischen Talmuds. Wer braucht den Schulchan Aruch und die Turim, wer Rambam und Alfasi? Die modernen plam-air-Rabbiner übertragen die Freilichtmalerei auch auf die Seelsorge. Alles höchst modern! Orthodoxe im Frack und Reformer im Schubbez! Die Frommen, selbst Strengkonservativen, welche trotzdem modern sind, bieten oft noch lange nicht das komische Bild des mauschelnden Reformers. Worin besteht denn seine seligmachende Reform? In nichtssagendem Formelkram. Vor allem wird der liebe Gott aus der Synagoge hinaus- und die Orgel hineingepredigt. Vor lauter Ordnung gerät man in Konfusion. Deutsche Gedichtlein werden gesungen und der ganze, gespreizte Kirchenton, der uns so durchaus fremd und unsympathisch ist, und wie der Hokus-pokus heißt, greifen um sich. Holde Damenstimmen singen des Allmächtigen Lob und Preis und die geputzten Leutchen lorgnettieren gerade so, als wenn es im Theater wäre. Und auch der Prediger ist ein Akteur. Gott bewahre vor einem Poßuk oder gar einem sinnigen Midrasch! Damit ist aber nun sicher nicht gemeint, daß etwa ein geschwätziger Mann dem Publikum allerlei Altweibergeschichtchen erzählen und der wohlfeilen Rührseligkeit des jüdisch-deutschen „Chumesch" huldigen soll. Leider giebt es auch das, und das schlimmste ist, daß solches Zeug, gespickt mit unzähligen Versen und allerlei erbaulichen Kindererzählungen dem Publikum gefällt, während eine ruhig-ernste Betrachtung des logisch und scharf denkenden Redners keinen Geschmack findet. Auf diese Weise verdirbt man eben allen Geschmack. Der geehrte Leser sieht hoffentlich immer mehr, wie eingangs bemerkt worden ist, daß wir in einer herrlichen Zeit leben! Nun aber noch ein wenig von den Gemeinden. In der Regel sind sie ihrer Rabbiner würdig; und wenn letztere dem entworfenen Bilde nicht entsprechen, dann sind sie derer oft genug nicht würdig. Nach der Auffassung moderner Vertreter der sogenannten Kultusgemeinden hat der Rabbiner zu predigen, um zu unterhalten und — damit er nicht umsonst bezahlt wird; er ist ein Paradepferd, das man bei festlichen Gelegenheiten an den Karren der Gemeinde spannt. Hauptbeschäftigung: Kopulieren und Begraben. Wo bleibt die Wissenschaft? Wer braucht heute jüdische Wissenschaft! Die gehört in die Trödlerbude. Die Gemeinden sind ja, dank der Aufklärung unserer herrlichen Zeit, so weit, daß jemand, der die Wochensidrah übersetzen kann, schon ein Gelehrter ist; wozu aber auch.das alte, morsche Hebräisch? Die kleinsten Rabbinerchen sind groß genug, die Heilsbotschaft zu verkünden, daß man in jeder Sprache beten kann. Und da kommen sie, geschäftig wie die Heinzelmännchen, und arbeiten an dem Wiederaufbau des zertrümmerten Heiligtums, indem sie salbungsvolle Gebetlein drechseln für parfümduftende Damen und religiöse Gecken. Hauptsache ist und bleibt: Fein, willig und fügsam in den allmächtigen Willen des Vorstandes, das Mäntelchen »nach dem Wind gehängt! Heutzutage soll der Rabbiner alles sein — nur nicht Rabbiner. Es schadet nicht, wenn alles ein Geschäft ist: Rabbinat — ein Geschäft, Kantorat — ein Geschäft, Lehramt — ein Geschäft, alles mit regelrechter Konkurrenz, Marktschreierei und Reklame, und am Ende — um ganz modern zu sein — ge-