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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-05-01 · 18 (1.5.1896) · p. Seite 312

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
18 (1.5.1896)
Date
1896-05-01
Page
Seite 312 (sequence 4)
Language
German
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«Leite 312. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 18. früheren Repräsentantenversammlung. Damals stand ich ganz allein, gegen den Zentralverein, der sich heilig gegen die Möglichkeit verwahrte, man könnte ihn für das verantwortlich machen, was ich in diesem Blatte schrieb und öffentlich sagte. Wiederholt betonte ich zu jener Zeit, daß für mein Vorgehen niemand verantwortlich sei, außer ich selbst. Ich that dies „namentlich zum Schutze der Lauen und Leisetreter, denn ihnen am wenigsten gönnte ich es, meine Kampfgenossen zu heißen." Ich schrieb an dem genannten Tage schon, das ist vor mehr als einem Jahre: „Nach beendetem Streit, nach erlangtem Siege, das weiß ich, werde ich sie an dem Tische sehen, den nicht sie gedeckt haben, und ihr wohlwollendes Schulmeistern vernehmen. Bis dahin aber mögen sie des Mutes besseren Teil, die Vorsicht, üben." Am 3. Mai vorigen Jahres schrieb ich an dieser Stelle: „Solches feine Diplomatisieren ist mir zu fein, und ich hoffe, daß es mir gelingen wird, die Leiter des Vereins sämtlich dahin zu bekehren, daß unbedingte Offenheit die beste Politik ist. Was der Zentralverein erreicht hat, ist gut, aber es ist winzig gering im Vergleich zu dem, was erreicht werden muß. Wird an den Rettungsapparaten in dem gemütlichen Tempo weiter gearbeitet, so erleben unsere Kindeskinder die Fertigstellung nicht, und die Berliner Judenheit ist ausgestorben, ehe ihre religiösen Wohnungen gebaut sind." Es ist alles wörtlich eingetroffen — nur das Wohlwollen habe ich in den schulmeisterlichen Versuchen des Zentralvereins mir gegenüber zu vermissen gehabt. Es wird auch ferner sich als zutreffend für den „neuen Kurs" in seiner jetzigen Mehrzahl erweisen, was ich am 31. Mai vorigen Jahres von ihm schrieb, da er noch in der Minderzahl war: „Ich mache kein Hehl daraus, daß ich nur geringsten Unterschied zu finden weiß zwischen den Mitgliedern der seitherigen Mehrheit und den Mitgliedern der sogenannten Opposition. Eine Minderheit, die sich so an die Wand drücken läßt, wie hier geschehen, wie hier seit Jahren geduldet worden, die verdient nichts besseres, als daß sie an die Wand gedrückt wird, die ist auch keine Opposition, sondern eine verschiebbare Koulisse. Eine numerisch so starke Minderheit, die in der Verwaltung thatsächlich nullifiziert wird, muß den Verdacht erwecken, daß sie aus Nullen besteht." Noch einmal: Nichts von dem, was eingetreten, hat mich überrascht. Wenn andere überrascht sind, so sind sie naiv oder haben mich für mehr denn naiv gehalten. Das Verhalten der Männer des „Neuen Kurses" bringt die Wähler um ihr Recht. Das Recht hört deshalb nicht auf und soll wahrgenommen werden — auch gegen die, die sich als seine Fürsprecher geberden. Als der Wahlsieg vom 28. November v. I. bei einem Bankett gefeiert wurde, behielt ich im allgemeinen Triumphesrausche die nüchterne Stimmung. Einer der vom Zentralverein aufgestellten Repräsentanten hatte ein wunderhübsches Programm entwickelt, zu dessen Verwirklichung er übrigens weder in einer früheren Periode noch jetzt das geringste beigetragen. Außerdem wurden Toaste auf alle Welt ausgebracht. Nur den Wähler hatte man vergessen. Ich nahm mir die Freiheit, im Namen des Wählers zu sprechen, der in den Wahlen seinen Willen kundgegeben und nicht dulden werde, daß man ihn hintergehe. „Wir, die Wähler," so ungefähr sagte ich den Gewählten, „werden Ihr Wirken begleiten, ermutigend und fördernd, als Ihre Mahner und, wenn es sein muß, als Ihre Richter." Für heute habe ich nur ein Wort sanfter Mahnung gesprochen. Noch will ich hoffen, daß es denk Wähler erspart bleiben wird, als Richter aufzutreten. _ M. A. Klausner. Pus liitlitiinat in Oesterreich. Von einem Rabbiner. Habe nun, ach, Philosophie Und leider! auch Theologie Durchaus studiert mit heißem Bemüh'n. Da steh ich nun, ich armer Thor! Und bin so klug als wie zuvor. Es war jüngst viel von modernen Rabbinern in diesen Blättern die Rede; wohl mehr als denselben angenehm sein konnte. Manch' bitterböses Wort ward da gesprochen und „die parfümierten Schläge" klatschten, daß es für den Schadenfrohen eine Wonne war. Und da hat sich denn auch der eine oder andere „Moderne" zum Worte gemeldet, um zu retten. Ob die Rettung gelungen ist? Jeder einzelne der arg Mitgenommenen betrachtete sich natürlich als Ausnahme, so daß eigentlich keiner der Betroffene war. Der satyrische Tadler hat, ebenso natürlich, auch keinen gemeint, sondern ganz allgemein einige Wahrheiten gesagt; und das genügt ja bekanntlich, um Anstoß zu erregen. Warum sollen wir auch innerhalb des Judentums Angst verbreiten, wenn außen das Schwert wütet? Und doch ist's von Zeit zu Zeit nötig, dem geehrten Publikum den Spiegel vorzuhalten. Wenn man den Berichten der Zeitungen aufmerksam folgt, welche jüdische Interessen vertreten, so sieht man, daß wir in der Blütezeit des Rabbinertums leben. Es giebt heutzutage nur noch berühmte Männer unter ihnen; alle sind grundgelehrt und weise, alle weit über die Grenzen ihres Wirkungskreises hinaus gekannt. Kein Wunder! Jede Hochzeits- und Barmizwah-Rede, jeder Leichensermon ist ein weltbewegendes Ereignis und wird als solches den Redaktionen sofort mitgeteilt. Fünf-, zehn-, zwanzig- und fünfundzwanzigjährige Jubiläen von Schächtern, Kantoren, Vorstehern re., Geburtstage u. ähnl., sind geeignete Anlässe zur Entfaltung der ganzen rhetorischen Kraft. Weh' dem Unglücklichen, der all die „unvergeßlichen" „gewaltig ergreifenden" „vonHerzen kommenden und zu Herzen gehenden" „hinreißenden" Reden lesen müßte! Glückliches Zeitalter, das lauter große Redner besitzt! Was sind Demosthenes und Aischynes, was die Propheten gegen sie? Wir haben in Mähren allein über 50 Rabbiner und — das ist doch kein Zweifel — ebensoviele berühmte Kanzelredner. Es ist kein Dörfchen so klein, ein Redner muß drin sein. Und alle sind ebenso gewiegte Schriftsteller! Mit welchem Heißhunger wartet die jüdische Welt auf ihre journalistischen Produktionen, auf die zuckersüßen Traktätlein über Freitag-Abend-Poesie, Innere Mission des Judentums, Kaddischsagen, Chanukkahlichtlein und andere schale und gedankenarme Gefühlsduseleien, kurz aus die kraft- und marklosen Auslassungen druckerschwärzehungriger Leute! In den

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