Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 18 (1.5.1896)
- Date
- 1896-05-01
- Page
- Seite 311 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/4794838-9609712-9610046--1373-9610049- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 18. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 311. Fangen wir mit dem Anfang an: Die Herren begannen damit, daß sie keinen ans ihrer Mitte, nicht einen unter vierzehn, fähig fanden, den Vorsitz in der 21 Mitglieder zählenden Repräfentantenversammlung zu übernehmen. In Bewährung einer Bescheidenheit, die überall sonst rührend zu nennen wäre, hier aber als das Zeugnis einer richtigen Selbsteinschätzung aufgefaßt werdeu muß, wählten sie den Vorsitzenden des alten Regimes einstimmig wieder. Der Beschluß war in einer Vorbesprechung gefaßt worden, zu der man in wunderlicher Großherzigkeit auch die Anhänger der anderen Richtung eingeladen hatte. Dieses war der erste Streich — doch der zweite folgt sogleich: Der Repräsentantenversammlurkg liegt es ob, Kommissionen zu wählen, deren Aufgabe die Vorberatung und Vorbereitung der verschiedenen Verwaltungsmaterien ist. . In diese Kommissionen delegiert der Vorstand den dritten Teil der Mitglieder, die die Repräsentantenversammlung zu wählen hat. Wählen beispielsweise die Repräsentanten sechs Mitglieder, so delegiert der Vorstand zwei. Guter parlamentarischer Brauch verlangt die gleichmäßige Verteilung der Mitglieder nach Maßgabe der Stärke der verschiedenen Fraktionen. Hier hätten also die Konservativen für sich vier, für die sogenannten Liberalen zwei Plätze in Anspruch nehmen müssen, wenn sie sicher waren, daß der Vorstand der gleichen billigen Gepflogenheit sich fügte und je ein Mitglied der Mehrheit und der Minderheit delegierte. Diese Sicherheit war aber nicht vorhanden, man wußte vielmehr, daß der Vorstand nur seine Anhänger in die Kommissionen schicken würde. Danach hätte die Repräsentanz ihre Maßnahmen treffen müssen. Sie hat es nicht gethan, sondern das Erforderliche gethan, ihre Zweidrittelmehrheit in den Kommissionen in die Minderheit zu bringen. In einem Falle gelang ihr das nicht — weil die Minderheit Obstruktion trieb und die Annahme jedes Kommissionsmandats verweigerte. So kam es, daß die Kommission zur Vorbereitung der Rabbinerwahl ganz aus Anhängern der neuen Richtung bestand. Dieses war der zweite Streich — doch der dritte folgt sogleich: In der ersten Versammlung des Zentralvereins nach den Wahlen kam die Rabbinerfrage zur Erörteruug. Es wurde dort eine Resolution beantragt, den Repräsentanten die Wahl eines Rabbiners zu empfehlen, der ein hervorragender Gelehrter sei und der konservativen Richtung zur Befriedigung der konservativen Elemente der Gemeinde als deren Muster und Vorbild apgehört. Mit Händen und Füßen bekämpften die Leiter des Zentralvereins diese Resolution, nicht um ihres Inhalts willen, sondern weil nur eine „große Versammlung" würdig und fähig sei, einen solchen Beschluß mit dem wünschenswerten Nachdruck zu fassen. Diese „große Versammlung" hat bis zur Stunde nicht stattgefunden. Aber die oben erwähnte Kommission hat ihre Arbeit begonnen und die Wahl eines Rabbiners beschlossen, der konservativ und dabei bereit ist, in allen Gemeindesynagogen zu predigen, auch dort, wo die Erinnerung an Zion aus den Gebeten sorgfältig ausgemerzt ist. Das haben die Gewählten des Zentralvereins einstimmig beschlossen, obwohl in allen Wahlversammlungen des Zentralvereins mit dem Brustton der Ueberzeugung gegen die entwürdigende Einrichtung geeifert worden war, welche die Berliner Rabbiner zu Wanderpredigern macht und sie zwingt, entweder ihrer Neberzeugung oder der ihrer Hörer Gewalt anzulhun, überdies die Schaffung eines innigen Zusammenhanges zwischen Rabbiner und Gemeinde hindert. Dieses war der dritte Streich — doch der vierte folgt sogleich: Am 15. März d. I. beriet die Repräfentantenversammlung einen Antrag, den Herr Leichtentritt sehr gut begründete, bei der Regierung wegen Einführung obligatorischen jüdischen Religionsunterrichtes an allen öffentlichen Schulen einzukommen. Zur Vorberatung des Antrages war eine Kommission von 10 Mitgliedern eingesetzt worden. Die Kommission hielt eine einzige Sitzung ab, in der drei oder vier Mitglieder anwesend waren, und diese Rumpfkommission empfahl Vertagung der Angelegenheit, die noch nicht spruchreif sei. In der Repräsentantenversammlung beschloß man sogar Vertagung auf ein Jahr. Diesen Beschluß halfen auch solche Mitglieder herbeiführen, die auf ein Programm gewählt worden waren, das den obligatorischen jüdischen Religionsunterricht als Kern und Mittelpunkt enthält. Vom Vorstandstische aus wurde in der Debatte wahrheitswidrig versichert, daß der Herr Kultusminister sich gegen diese Forderung unbedingt ausgesprochen hätte. Abgesehen davon, daß es Pflicht der Gewählten des Zentralvereins gewesen wäre, das Programm einer ministeriellen Ablehnung gegenüber nicht preiszugeben, war in der Repräsentantenversammlung auch nicht ein Mitglied, das wußte, daß der Herr Kultusminister in der Sitzung des Abgeordnetenhauses vom 28. Februar d. I. vorbehaltlos sich für den obligatorischen Religionsunterricht aller Schulkinder, auch der nichtchristlichen, ausgesprochen hatte! Dieses war der vierte Streich — doch der fünfte folgt sogleich: Die Erwählten des Zentralvereins waren kaum in die Repräsentantenversammlung eingeführt, als ihre Wortführer zu versichern sich beeilten, daß sie mit dem Zentralverein nichts zu thuu und ihm anzugehören nicht die Ehre hätten. Der Zentralverein hat das ruhig hingenommeu und in seiner Generalversammlung vom 16. April d. I., in der 60 anwesende Mitglieder 75 Ausschnßmitglieder wählten, seiner Wahlarbeit und seiner Gewählten sich gerühmt. Ich habe gleichfalls nicht die Ehre, dem Zentralverein als Mitglied anzugehören; doch fühlte ich mich gedrungen, in der letzterwähnten Versammlung als Gast das Wort zu nehmen, um das Wahlverdienstkonto etwas sauberer auszumachen und zu sagen, daß die Wahlen von den Wählern zustande gebracht seien, die dem Weckruf der Presse, insonderheit dieses Blattes folgten, die Kandidatenliste aber ganz das Werk des Zentralvereinvorstandes und sein alleiniges Verdienst sei. Was gekommen ist, hat mich nicht überrascht; ich habe es an dieser Stelle vorausgesetzt. „Unsere Erwählten sind vortrefflich — aber man kann es ihnen nicht beweisen" — mit diesen Worten charakterisierte ich am 27. April vorigen Jahres die damaligen Schntzverwandten des Zentralvereins in der