Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 18 (1.5.1896)
- Date
- 1896-05-01
- Page
- Seite 310 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Leite 310. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 18. Chor hat in uns keine religiöse Weihe hervorgerufen; die Liturgie ist eine schlecht gestimmte Leier und die Predigten haben wir vergessen, noch ehe wir das Gotteshaus verlassen. Keine aufrütlelnde Stimme, kein Herausreißen aus dem Alltagsleben, kein Sichemporschwingen in die Region religiöser Ideen. So wächst unsere Jugend heran, blasiert und geistig verkümmert. So gestaltet sich dann unser Gemeindeleben: „Parnassim", Steuer erheben und ausgeben, bureaukratische Regelung der Gemeindeverwaltung — aber kein geistiges Leben, kein Judentum! Das Familienleben der Einzelnen können wir vorläufig noch nicht beeinflussen. Da hat die Zerstörungswut der „Reformatoren" gründliche Arbeit gethan. Aber im Gemeindeleben könnte denn schon ein Anfang gemacht werden. Vor allem muß die Liturgie, muß der Gottesdienst wieder ein jüdischer werden; sie muß, wie sich S. T. Lezzatto vor ungefähr fünfzig Jahren in einem Brief an Michael Sachs ausdrückte, die Charakteristik, die Eigenart Israels wiedergeben. Ein großer, unverzeihlicher Fehler ist es in allen „modernen" Liturgien, daß der Zionsgedanke ausgemerzt worden ist. Es ist dies das Werk seichter Bildungsphilister, die es in ihrer Borniertheit nicht eingestehen wollen, daß es mehr Dinge im Himmel und aus Erden giebt, als ihre Schulweisheit sich träumen läßt. Mit einer leidlichen Schulbildung kann man wohl ein tüchtiger Kaufmann, ein brauchbarer Geheimer Sanitätsrat oder ein scharfsinniger Justizrat sein; aber man kann damit nicht eine Volksseele ummodeln, keine neuen Ideale schaffen. Man kann höchstens in blinder Zerstörungswut alles ideale Empfinden mit Stumpf und Stiel ausrotten und einen Stamm für mehrere Generationen hinaus demoralisieren. In der Beseitigung des Zionsgedankens aus unserer Liturgie liegt vor allem eine engherzige Auffassung des Judentums und zugleich eine gewisse Verleumdung gegen die große Mehrheit der Juden, die nun einmal die glorreiche Geschichte Israels nicht einfach wegstreichen lassen wollen. Deutsche Juden sind immer Deutsche, auch wenn sie nach dem alten Ritus beten, und jedenfalls liegt darin eine große Anmaßung, wenn sich ein kleines Häuflein von reichen Juden auch für die besseren halten will. Andererseits haben die Reformatoren die ganze Zionsidee völlig mißverstanden. In England giebt es fromme Christen, die für Zion eine schwärmerische Begeisterung hegen; werden vielleicht unsere dilettierenden „Reformatoren" behaupten wollen, jene Engländer seien keine englischen Patrioten? Wenn ein Philolog mit Begeisterung Platons Schriften liest und sich an deren Ideen berauscht, hört er dann auf, seinem Vaterlande anzugehören? Der Jude hat eine glorreiche Vergangenheit, die der ganzen Menschheit zum Heil gereicht; der jüdische Stamm war der Träger einer Kultur und wurde von der göttlichen Vorsehung für eine erhabene Mission auserkoren. Dies ist eine geschichtliche Thatsache, die kein theologisches Seminar der Welt und kein „Rabbiner" wegdisputieren kann. Man braucht gerade nicht an das steinerne Zion zu denken, wenn wir in unserer Liturgie jener Tage gedenken, die sich in der Geschichte nicht zum zweiten Mal wiederholt haben; wir beten nicht auf eine Wiederherstellung eines jüdischen Reichs, wenn wir in heißem Gebete unfern Wunsch aussprechen, es möge sich jener herrliche Zustand Israels erneuern, als es unter uns gottbegnadete Propheten gegeben, wie sie keine Geschichte irgend eines anderen Stammes kennt. Das ist nichts weiter als das Sehnen nach idealen Zuständen, wie sie vielleicht in der Wirklichkeit nicht möglich sind, die aber zu erstreben und herbei zu wünschen den Menschen adelt und innerlich erhebt. Es liegt darin eine Selbsterhebnng und eine Beschränktheit zugleich, sich in einem solchen materialistisch gesinnten, jedes Ideals unfähigen Zeitalters, wie das unsrige leider ist, fürbesser und vollkommener zu halten als frühere Generationen, deren Leben aus so vielen Opfern bestand. Eine Generation, die selbst kraft- und mutlos ist, kann noch nicht als völlig hoffnungslos bezeichnet werden, solange sie noch wenigstens den Mut hat, zu ihren Vorfahren mit Bewunderung emporzublicken. Aber nachdem die Reformfere unser Geistesleben völlig getötet hatten, wollten sie auch dafür sorgen, daß jeder Wiederbelebungsversuch aussichtslos bleibe, weshalb sie mit kecker Hand unsere Geschichte zu eskamotieren bestrebt waren. Aufgabe aller wirklichen Juden muß es daher sein, mit allen Mitteln und ohne Scheu vor dem zelotischen Geschrei der beschränkten Bildungsphilister auf die wesentliche Wiederherstellung unserer Liturgie hinzuarbeiten. Diese ist unter keinen Umständen eine jüdische, solange der historische Standpunkt verleugnet wird, solange unsere Vergangenheit, anstatt unser höchster Ruhm und unser Stolz zu sein, soviel als möglich verschwiegen wird. Zion ist keine Vereinigung von Häusern, keine Steinmauer, sondern Israels ruhmreiche Vergaugenheit, unsere religiösen Ideale, der religiöse Enthusiasmus, die Begeisterungsfähigkeit für alles Edle und Erhabene. Wir wurzeln in diesen religiösen Anschauungen, diese bilden unser geistiges Lebenselement, während das Judentum vou der kahlen Sorte, wie es unsere „Reformatoren" geschaffen, uns kalt läßt und jeden poetischen Schwunges entbehrt. Unser Zion ist die Hnmanitätsidee, das ideale Bestreben, das Judentum in den Dienst der menschlichen Zivilisation zu stellen. Es liegt dies in den begeisterten Worten des Jesaias: Das Haus unseres Gottes soll ein Haus der Audacht sein für alle Stämme! Dr. S. Bernfeld. Der neue Kurs. Am 28. November v. I. haben in Berlin die Repräsentantenwahlen stattgefnnden, aus denen die von dem Zentralverein für die Interessen der jüdischen Gemeinden ausgestellten Kandidaten sämtlich als Sieger hervorgingen. Damit hatten die konservativen Elemente die Zweidrittelmehrheit in der Repräsentanz erlangt. Vier Monate des neuen Regimes sind inzwischen vergangen, eine hinreichend lange Zeit, um eine veränderte Richtung wenigstens anzubahnen. Wie haben die Erwählten des Zentralvereins diese Zeit benutzt? Was haben sie gethan, um zu beweisen, daß sie ihr Mandat in dem Sinne ausüben wollen, in dem es ihnen übertragen worden?